Geldmanagement
Geld «umparkieren»: Die Negativzinsen stellen Gemeinden vor grössere Herausforderungen

Die Zinsen spielen verrückt. Seit sie negativ sind, ist der Aufwand für das Geldmanagement vieler Gemeinden gewachsen. Doch der Aufwand lohnt sich. Viele können davon profitieren.

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Kreditaufnahmen können sich für Gemeinden sogar auszahlen.

Kreditaufnahmen können sich für Gemeinden sogar auszahlen.

Pascal Meier

Zuchwil muss eine Million «umparkieren». Das Geld hatte die Gemeinde bis vor kurzem bei der Regiobank deponiert. Da diese aber gewisse grössere Guthaben künftig mit Negativzinsen belastet, sieht sich Zuchwil zum Handeln gezwungen. So berichtete es das SRF-Regionaljournal Anfang Februar. Der Eindruck: Die Negativzinsen stellen Gemeinden vor grössere Herausforderungen. Stimmt das wirklich?

Spricht man mit Gemeinde-Finanzexperten, zeigt sich ein nuancenreiches Bild. Daniela Neuhaus, Finanzverwalter-Stellvertreterin der Stadt Solothurn sagt: «Das Umfeld ist definitiv herausfordernder geworden. Wir müssen jeden Tag sehen, wo wir stehen, auf welchem Konto wir wie viel Geld haben, damit wir nicht in den Negativzins-Bereich rutschen.» Früher war das anders, da habe man die Konten nur kurz kontrollieren müssen, wenn man Zahlungen machte, um zu schauen, ob noch genug Geld da ist. Heute geht es darum, zu verhindern, dass mit Negativzinsen Steuergelder verbrannt werden.

Liquiditätsproblem «wie eine heisse Kartoffel weitergereicht»

Denn wie jede grössere Gemeinde hat auch die Stadt Solothurn ihr Geld auf mehrere Banken verteilt. Mit jeder Bank hat man Limiten vereinbart. Werden diese überschritten, fallen Negativzinsen an. Das wird in den nächsten Monaten besonders herausfordernd. Eben sind die Rechnungen für die Gemeindesteuern herausgegangen. Es sei sehr schwierig abzuschätzen, wann diese bezahlt würden – sofort oder auf den letzten Drücker, also den 31. August, oder gar verspätet. «Wir besteuern auch zahlreiche juristische Personen. Die haben die genau gleichen Probleme wie wir. Die sind auch daran interessiert, die Rechnungen schnell zu begleichen.»

Darum müssen Neuhaus und ihre Kolleginnen und Kollegen wachsam sein. Um im gegebenen Fall das Geld schnell weiter auf andere Konten zu verteilen. Um eigene Rechnungen zu begleichen, auch vor Fälligkeit, wenn es sich rechnet. «So wird das Liquiditätsproblem vom einen zum nächsten weitergereicht», erklärt Neuhaus. Wie eine heisse Kartoffel. Negativzinsen zahlt nur, wer seine Geldströme nicht im Griff hat.

Solothurn hat das bisher ziemlich souverän bewerkstelligt. Zwischen 2016 und 2018 hat die Stadt 52'900 Franken eingenommen mit den Negativzinsen aus kurzfristigen Darlehen. Das aber wird je länger, je schwieriger. Denn Banken und Post haben die Frei-Limiten längst heruntergesetzt. Da die Negativzinsen auf den Konten höher sind als die auf den Darlehen, werden kurzfristige Darlehen ab einer gewissen Höhe unattraktiv. Neuhaus sagt: «Vielleicht müssen wir irgendwann sogar Negativzinsen zahlen.»

Geld erhalten für die Kreditaufnahme

Aber jede Münze hat zwei Seiten. Wer Geld hat, der ist vor Probleme gestellt – wer Geld braucht, kann profitieren. Wie zum Beispiel Derendingen. Für insgesamt 36 Millionen Franken baut die Gemeinde – eine Mehrzweckhalle, Schulräume, Büros. Ein Grossprojekt. «Da brauchen wir eine seriöse Liquiditätsplanung», sagt Markus Zürcher, Präsident der Derendinger Finanzkommission. Wann braucht man wie viel Geld? Wie viele Tranchen machen Sinn? Solche Fragen beschäftigten ihn und seine Kommissionskollegen. Zürcher: «Das braucht Zeit. Weil man Offerten für die Darlehen reinholen muss, weil man mit den Banken verhandeln muss, ab welchen Kontoständen Negativzinsen anfallen.»

Die Arbeit lohnt sich. So hat Derendingen zum Beispiel für ein Darlehen von 10 Millionen Franken mit einer Laufzeit von 10 Jahren Offerten verschiedener Geldgeber eingeholt. Die offerierten Zinsen lagen am selben Tag zwischen 0,29 und 0,82 Prozent. Auf den ersten Blick könnte man denken: Ist doch bloss ein halbes Prozent. Über zehn Jahre aber verursacht der höhere Zins Mehrkosten von mehr als einer halben Millionen Franken. Für den Steuerzahler notabene.

Das Negativzins-Umfeld hat zudem dazu geführt, dass die Anreize für Gemeinden gestiegen sind, kurzfristige Darlehen zu beanspruchen. Allein zwischen 2010 und 2016 hat Wirtschaftsprofessor Christoph Lengwiler (siehe «Nachgefragt») eine Verdreifachung der festen Vorschüsse mit Laufzeiten unter zwölf Monaten am gesamten Finanzierungsvolumen festgestellt (der Anteil wuchs von 3,2 auf 9,5 Prozent).

Warum diese Verschiebung? Wieder das Beispiel Derendingen. Die Gemeinde brauchte 2019 einen Überbrückungskredit über vier Millionen Franken, Laufzeit fünf Monate. Der Kredit war nicht nur gratis, Derendingen musste nach Ablauf sogar 4200 Franken weniger zurückbezahlen, bekam also Geld für die Kreditaufnahme. «Das ist eine völlig schräge Situation, die bei Vielen immer noch grosses Staunen auslöst», sagt Zürcher, der auch andere Gemeinden in Organisations- und Finanzfragen berät.

Neuerdings mischen Plattformen für Kreditvermittlung mit

Aber nicht nur bei kurzfristigen Darlehen können die Negativzinsen ein Segen sein. Das Beispiel der Gemeinde Büren im Bezirk Dorneck. Man suchte eine Ablöse-Lösung für ein auslaufendes Darlehen. Fündig wurde man bei Loanboox, einer Plattform zur Kreditvermittlung (siehe Kontext). «Wir holen jeweils verschiedene Offerten ein, auch von Banken. Dann vergleichen wir. Via Loanboox bekamen wir von einer Versicherung ein Darlehen über fünf Jahre zu Nullzinsen. Das war unschlagbar», sagt Bürens Gemeindepräsidentin Stéphanie Erni.

Die meisten Analysten gehen davon aus, dass die Negativzinsen wenigstens mittelfristig Bestand haben könnten. Davon können die Gemeinden in erster Linie profitieren. Sollten die Zinsen weiterfallen, wird es insbesondere für wohlhabende Gemeinden aber zunehmend schwierig, Negativzinsen auf ihren Guthaben zu verhindern.

«Es ist heute für die Gemeinden ein Muss, mehrere Kredit-Offerten einzuholen»

Je tiefer die Zinsen, desto zentraler das Geldmanagement für die Gemeinden. Das weiss kaum einer so gut wie Professor Christoph Lengwiler. Er ist externer Dozent für Wirtschaft an der Hochschule Luzern und hat verschiedene Studien zur Finanzierung von Gemeinden durchgeführt.

Welche Gemeinden profitieren am meisten vom Negativzinsumfeld?

Christoph Lengwiler: Alle Gemeinden haben in den letzten Jahren von sinkenden Zinsen profitiert und wurden bei den Zinskosten stark entlastet. Je höher die Gemeinden verschuldet sind, desto stärker war diese Entlastung. Das heisst auch, dass Gemeinden heute mit Zinssätzen nahe bei 0 auslaufende Kredite verlängern und Neuinvestitionen finanzieren können.

Also eine Chance für Gemeinden, Investitionen fast gratis tätigen zu können?

Wenn man nur die Zinsen anschaut, stimmt das natürlich. Aber man darf nicht vergessen, dass die Investitionen abgeschrieben und die aufgenommenen Schulden zurückbezahlt werden müssen. Zudem besteht längerfristig ein Risiko, wenn die Zinsen steigen. Deshalb stellt sich bei Investitionen trotz Tiefzinsumfeld immer auch die Frage der langfristigen Tragbarkeit. Die Risiken müssen gut abgewogen werden.

Wie kann es sein, dass gewisse Gemeinden Negativzinsen zahlen müssen?

Es gibt solche, die zu viel Geld auf ihren Konti haben und nicht in der Lage sind, damit Schulden zurückzuzahlen, weil diese erst in späteren Jahren ablaufen. In solchen Fällen kann es passieren, dass eine Gemeinde über längere Zeit Negativzinsen bezahlen muss. Je nach mit den Banken vereinbarten Limiten kann es auch sonst bei der Liquiditätsbewirtschaftung vorkommen, dass auf zu hohen Geldbeständen Negativzinsen belastet werden. Das kann man aber mit verschiedenen Massnahmen steuern und die tatsächlich bezahlten Zinsbeträge fallen nicht so stark ins Gewicht.

Ab welchen Laufzeiten darf man als Gemeinde keine Zinsen mehr bezahlen?

Hier muss man wohl zwischen Banken und Nicht-Banken unterscheiden. Banken finanzieren sich ja grösstenteils mit Kundengeldern, die aktuell zu 0 Prozent verzinst werden. Sie nehmen für die Zinsberechnung für Kredite oftmals 0 Prozent als Ausgangslage und schlagen dann eine von der Kreditwürdigkeit des Schuldners abhängige Zinsmarge darauf. Diese betrug in unserer Studie vor drei Jahren bei Bankkrediten etwa 0,3 bis 0,4 Prozent. Ich gehe davon aus, dass Gemeinden von den Banken nur selten Kredite zu 0 Prozent oder weniger offeriert bekommen, oder höchstens für kurzfristige Laufzeiten.

Und wie sieht es bei Nichtbanken aus?

Gemeindefinanzierungen sind für institutionelle Anleger wie Versicherungen und Pensionskassen interessant wegen hoher Kreditwürdigkeit der Gemeinden. Die institutionellen Anleger rechnen etwas anders als die Banken. Wollen sie ihr Geld anlegen, bezahlen sie in der momentan «verkehrten Welt» dafür. 0,6 Prozent für Anlagen über fünf Jahre, 0,4 Prozent für Anlagen über zehn Jahre. Da kann es sich alternativ durchaus lohnen, einer Gemeinde ein Darlehen über fünf oder sogar zehn Jahre zu 0 Prozent zu gewähren.

In welchen Fällen lohnt es sich für Gemeinden, über Broker oder Plattformen wie Loanboox zu gehen?

Es ist heute für die Gemeinden ein Muss, bei der Aufnahme von Krediten mehrere Offerten einzuholen. Es ist auch wichtig, dass nicht nur bei Banken machen, sondern auch bei institutionellen Anlegern. Ob das direkt passieren soll oder über einen Broker oder über eine Vermittlungsplattform wie Loanboox, kann jede Gemeinde nach Abwägung aller Vor- und Nachteile selbst entscheiden.

Interview: Sébastian Lavoyer

Bild: E. Beerkircher

Bild: E. Beerkircher

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