Kanton Solothurn
Gegen Pflegemangel: Organisationen kooperieren bei Ausbildung

Fünf Organisationen des Gesundheitswesens im Kanton Solothurn setzen auf ein neues Rezept für mehr Pflegefachleute: Alters- und Pflegeheime oder Spitexorganisationen sollen in der Ausbildung Unterstützung erhalten.

Sven Altermatt
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In der Ausbildung zur Pflegefachfrau oder Pflegefachmann HF starten Mitte September 2014 nun die ersten zwei Auszubildenden in der Lernortkooperation.

In der Ausbildung zur Pflegefachfrau oder Pflegefachmann HF starten Mitte September 2014 nun die ersten zwei Auszubildenden in der Lernortkooperation.

Hanspeter Bärtschi

Fünf grosse Organisationen des hiesigen Gesundheitswesens – die Solothurner Spitäler AG (soH), die Stiftung OdA Gesundheit, die Gemeinschaft der Alters- und Pflegeheime, das Bildungszentrum Gesundheit und Soziales sowie der kantonale Spitexverband – wollen künftig Auszubildende untereinander austauschen.

Lernort-Kooperation nennt sich ihr Modell. «Ein neues Kapitel der Zusammenarbeit wird aufgeschlagen», sagte Gudrun Hochberger. Die Pflegedirektorin der soH gilt als treibende Kraft hinter der Kooperation.

Es finde derzeit ein Paradigmenwechsel statt, erklärte sie. «Wir müssen den Personalmangel in der Pflege gemeinsam bekämpfen.» In Solothurn ist es künftig möglich, die Ausbildung zur Pflegefachfrau HF oder zum Pflegefachmann HF in mehreren Spitälern, Heimen oder Diensten zu absolvieren.

Heime und Spitex profitieren

Die demografische Entwicklung der Schweiz führt in den nächsten Jahren zu einem dramatischen Mehrbedarf an Pflegepersonal. Zehntausende Fachleute werden bis 2020 pensioniert. Der Mangel ist längst notorisch, und er wird sich weiter verschärfen: Die Menschen werden älter und es wird immer schwieriger, Personal in Ausland zu rekrutieren. «Mehr Nachwuchs!», lautet deshalb das Gebot der Stunde.

Besonders ausgeprägt ist der Mangel an diplomierten Pflegekräften, die auch komplexere Aufgaben übernehmen können. Die Lücke lässt sich nicht zuletzt auf die jahrelange Umkremplung der Ausbildung zurückführen: Es ist schwierig, Praktikanten für die Diplompflege zu finden. Die angehenden Pflegefachleute studieren meist an einer höheren Fachschule. Voraussetzung ist eine abgeschlossene Berufslehre oder eine Matur.

Gesundheitsberufe

Die Branche unterscheidet heute zahlreiche Berufe. Die beiden wichtigsten:

Fachleute Gesundheit (Fage) absolvierten eine dreijährige Grundbildung.

Diplomierte Pflegefachleute studierten an einer höheren Fachschule (HF) oder einer Fachhochschule. Parallel absolvierten sie Praktika. (sva)

Der Mangel trifft vor allem die spitalexterne Pflege: «Die Spitex befindet sich noch nicht auf dem Niveau von Spitälern und Heimen», weiss Sigrun Kuhn, Präsidentin des Spitexverbandes. Gerade kleinere Spitex-Organisationen haben ihre liebe Mühe, überhaupt erst Ausbildungen anzubieten. Dafür fehlt es an Zeit, Geld und Personal.

In einer ähnlichen Situation befinden sich auch viele Pflegeheime, betonte Verena Hert, Vorstandsmitglied beim kantonalen Dachverband. «Diplomierte Fachleute können wir nur dank der Zusammenarbeit mehrerer Heime ausbilden.» Die Lernort-Kooperation solle nun helfen, alle Facetten der Ausbildung anzubieten. In der Praxis heisst das: Die Auszubildenden sollen die Möglichkeit haben, ihren Ausbildungsort während einer gewissen Zeit zu wechseln. Pflegedirektorin Hochberger erklärt: «Ziel ist es, dass die Studenten verschiedene Bereiche und Patientengruppen kennenlernen.» – Etwas, das in einer kleinen Institution kaum möglich ist. Ein Patentrezept gibt es nicht. Der Rahmen einer Kooperation wird von Fall zu Fall neu ausgearbeitet. Nur so sei jeweils eine optimale Lösung möglich.

90 weitere Plätze anbieten

In der Ausbildung von Fachangestellten Gesundheit (Fage) arbeiten die verschiedenen Player schon länger zusammen. So können Spitex-Lernende im zweiten Lehrjahr während eines Semesters im Spital arbeiten – und umgekehrt. Bewegung kommt nun auch in die Diplomausbildung: Mitte September starteten zwei angehende Pflegefachleute ihre Ausbildung im neuen Modell. Irena Peracchia, Studentin bei der Spitäler AG, wird ein Jahr lang im Alterszentrum Grenchen arbeiten.

Im Gegenzug soll Arnaud Krüger, Student im Alterszentrum Grenchen, Peracchias angestammten Arbeitsplatz in der psychiatrischen Klinik Langendorf einnehmen. Zwei weitere Kooperationen werden 2015 in Kraft treten. Und mittelfristig, so hoffen alle Beteiligten, werde das Angebot an Ausbildungsplätzen deutlich grösser. Heute werden im Kanton Solothurn jährlich 220 Menschen weitergebildet, künftig sollen es 90 mehr sein.

Die Politik macht Druck

Für Daniel Hofer wird der Hebel an der richtigen Stelle angesetzt. «Wir können künftig mehr Plätze in der Praxis anbieten», sagt der Rektor des Bildungszentrums Gesundheit und Soziales. Jeder Kanton müsse sich um den Nachwuchs bemühen, zumal nun die geburtenschwachen Jahrgänge ins Erwerbsalter kommen. Vor allem grosse Institutionen, die schon lange in der Ausbildung tätig sind, drängen auf schärfere Regeln.

Seit diesem Jahr sind alle Leistungserbringer verpflichtet, eine bestimmte Zahl Pflegender auszubilden. Mit einer Ausbildungspflicht erhöhen die Behörden den Druck auf die Institutionen (wir berichteten). Wer deren Vorgaben nicht einhält, wird sanktioniert – und bezahlt eine Abgabe. Kurz: Das Engagement für die Berufsbildung soll sich allemal mehr lohnen. Zwar betonten gestern alle Beteiligten, dass eine Lernort-Kooperation ohnehin in Planung war. Doch die neue Ausbildungsverpflichtung dürfte den Druck zumindest subtil erhöht haben.

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