Wahlkampf
Für die Wahlen wählt sich die SP durchs Telefonverzeichnis

Lukas Uetz ist Campaigner bei der SP. Er mobilisiert die Basis und sorgt mittels Telefonkampagnen dafür, dass die Partei auf Leute zugeht. Sogar der 96-jährige Alt-Regierungsrat greift da zum Hörer.

Sven Altermatt
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Samstags bei der SP: In der Solothurner Jugendherberge telefonieren die Genossen Sympathisanten durch. Campaigner Lukas Uetz organisiert das.

Samstags bei der SP: In der Solothurner Jugendherberge telefonieren die Genossen Sympathisanten durch. Campaigner Lukas Uetz organisiert das.

Michel Luethi

Hinge da nicht Willi Ritschard eingerahmt an der Wand, man könnte sich in einer Parteizentrale irgendwo in der amerikanischen Peripherie wähnen. Handys sind auf dem Konferenztisch verstreut, aus der Steckerleiste ragen Aufladekabel, Papierberge liegen neben Laptops. Es ist ein Bild, das man aus US-Wahlkämpfen kennt.

Doch der Konferenztisch steht in einem Büro am Solothurner Rossmarktplatz. Hier hat die kantonale SP ihre Büros. Und tatsächlich setzt die Partei auf eine Wahlkampfmethode, die ursprünglich aus den USA stammt: Mit einer sogenannten Basiskampagne per Telefon versucht sie, ihre inaktive Wählerschaft zu mobilisieren. Die Anrufe ergänzen den klassischen Wahlkampf mit Plakaten, Standaktionen und Podien.

Im Parteisekretariat wurde die Aktion in den vergangenen Monaten akribisch vorbereitet. Die SP hat dafür zwei Mitarbeitende angestellt: Lukas Uetz, 27, und Daria Vogrin, 23, arbeiten als Campaigner, wie das neudeutsch heisst. Sie teilen sich ein 100-Prozent-Pensum.

Beruf ist Engagement

Wer sich dazu entschliesst, seinen Lebensunterhalt für eine Partei zu verdienen, sollte bedingungslos hinter seinem Arbeitgeber stehen können. «Natürlich muss man dafür ein politischer Mensch sein», sagt Vogrin, die nebenbei in Bern studiert. Und Uetz, der zuvor die Handelsschule absolvierte, bezeichnet seinen Beruf als Engagement. Beide wurden in ihren Jugendjahren politisiert, beide kamen früh zu der Juso, beide arbeiteten schon für Gewerkschaften und SP-Kantonalsektionen.

Auch Zanetti klingelt durch

Nun also sollen sie dafür sorgen, dass die Telefone bei der linken Basis heiss laufen. Vogrin und Uetz haben unzählige Parteimitglieder kontaktiert und gefragt, ob sie sich als Helfer an der Basiskampagne beteiligen wollen. Dass die Kantonsratskandidaten da mithelfen, erklärt sich von selbst. In den Wochen vor den Wahlen sollen sie parteinahe Wähler davon überzeugen, an die Urne zu gehen – und eine SP-Liste einzulegen. Die Eckdaten der Kampagne sind beeindruckend: 350 Mitglieder. 30 Telefon-Anlässe an vier Standorten. 7000 Menschen, die einen Anruf erhalten.

Und ganz wie in Amerika setzt die SP auf verdiente Politiker als Zugpferde. Auch Ständerat Roberto Zanetti greift in diesen Tagen zum Hörer. Ältester Helfer ist der frühere Regierungsrat Rudolf Bachmann. Der Oltner ist 96 Jahre alt.

Ein fulminanter Schlussspurt im Wahlkampf? Oder lancieren die Sozialdemokraten da gerade den grossen Telefon-Terror, wie in anderen Parteien gefrotzelt wird? Uetz lacht, als er diesen Vorwurf hört. «Seit wann ist es falsch, auf Menschen zuzugehen?» Die meisten der Angerufenen freuen sich laut dem Campaigner, wenn sich jemand von der SP meldet. Viele seien sogar froh, mal über Politik zu diskutieren oder sogar ein Anliegen zu deponieren.

Angerufen werden Mitglieder und Sympathisanten, aber auch Bekannte und Verwandte. Adressdaten habe die SP keine gekauft, betont Vogrin. «Das ist tabu.» Die Daten stammen etwa von Wettbewerben, bei denen die Teilnehmer weiteren Kontakten zugestimmt haben. Uetz ergänzt: «Es würde nur für Ärger sorgen, einfach das Telefonbuch abzutelefonieren.»

Das wirkt – vor allem gegen innen

Wohl nie zuvor hat die Partei in diesem Ausmass mit ihrer Basis das Gespräch gesucht. Deshalb spricht der Solothurner SP-Sekretär Niklaus Wepfer auch von einer «Offensive gegen innen». Dialog statt Einwegkommunikation, so die Devise. «Selten haben sich so viele Mitglieder ins Zeug geworfen», sagt Wepfer. Man hoffe natürlich, dass der eine oder andere weiterhin aktiv bleiben wird.

Grossangelegte Telefonkampagnen sind bei SP-Kantonalsektionen nichts Neues. Die Sozialdemokraten haben nach entsprechenden Aktionen jüngst in der Nordwestschweiz zugelegt. Im Aargau gewann sie fünf Sitze im Parlament dazu, in Basel-Stadt immerhin einen. In Solothurn jedoch setzt die SP noch viel stärker aufs Telefonieren. Die Stellen von Daria Vogrin und Lukas Uetz wurden eigens dafür geschaffen. Im Gegenzug spart die SP bei bezahlten Plakatstellen und bei Broschüren. Wepfer sagt, der sinnvolle Mitteleinsatz sei immer ein Zankapfel. «Man muss auch mal etwas Neues wagen.» Ihr Budget für den kantonalen Wahlkampf beziffert die Partei auf 200 000 Franken.

Ein anderer Zankapfel kann auch die Basiskampagne nicht beseitigen: «Der Erfolg lässt sich nur anhand von Anhaltspunkten messen», weiss Lukas Uetz. Am Ende entscheiden viele Faktoren darüber, wie gut eine Kampagne ist. Und die Wähler an der Urne.

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