Kanton Solothurn
Frauen werden oft Opfer von häuslicher Gewalt — eine Kampagne beschäftigt sich mit diesem Thema

Die Hälfte der Betten im Frauenhaus Aargau-Solothurn ist leer. Warum nun Plätze frei sind, kann sich die Stiftungsratspräsidentin nicht erklären. Derweil geht im Kanton eine Kampagne zu Ende, die genau auf dieses Thema aufmerksam machen will: Gewalt an Frauen.

Noëlle Karpf
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Schon während der ersten Coronawelle vermuteten Expertinnen und Experten, dass Shutdown und Lockdown zu mehr häuslicher Gewalt führen werden. Was sich in der hohen Auslastung des Frauenhauses widerspiegelte. (Symbolbild)

Schon während der ersten Coronawelle vermuteten Expertinnen und Experten, dass Shutdown und Lockdown zu mehr häuslicher Gewalt führen werden. Was sich in der hohen Auslastung des Frauenhauses widerspiegelte. (Symbolbild)

Keystone

10. Dezember – Tag der Menschenrechte. Heute geht zudem die schweizweite Kampagne «16 Tage gegen Gewalt an Frauen» zu Ende. Dieses Jahr ist der Kanton zum zweiten Mal dabei; der feministische Verein fem*so ist Partnerin der Kampagne.

Organisiert war ein Anlass zum Thema Hexenverfolgung – «wir hätten uns mit Solothurns gewaltvoller Geschichte der Frauenmorde während der Hexenverfolgung auseinandergesetzt und Parallelen dazu gezogen, wie wir heute mit Gewalt an Frauen umgehen», erklärt Selin Dettwiler vom Vorstand von fem*so.

Selin Dettwiler, 30, Filmeditorin

Selin Dettwiler, 30, Filmeditorin

zvg

«Hätten» – denn coronabedingt musste der Anlass abgesagt werden. Diskutiert werden soll das Thema aber auch so, erklärt auch Dominique Lysser, Mitglied bei fem*so.

Vom Partner abhängig – und von Gewalt betroffen

«Von häuslicher Gewalt waren 2019 laut Bundesamt für Statistik 6999 Frauen und 1541 Kinder betroffen. Die Zahlen sind seit 2009 relativ konstant. Das ist ein Armutszeugnis», so Historikerin Lysser.

Dominique Lysser, 29, Departement für Zeitgeschichte Universität Freiburg

Dominique Lysser, 29, Departement für Zeitgeschichte Universität Freiburg

zvg

Oft betroffen von Gewalt sind Mütter – darauf wird im Rahmen der Kampagne der Fokus gelegt. Mit diesem Thema beschäftigen sich die Mitarbeitenden des Frauenhauses Aargau Solothurn täglich. Derzeit sind 7 von 15 Plätzen besetzt, nachdem das Frauenhaus in den Vormonaten dieses Coronajahres ausgelastet war. Was das ganze Jahr über zutrifft: Hier werden vor allem Mütter mit Kindern aufgenommen, nachdem sie Gewalt erfahren haben, erklärt Stiftungsratspräsidentin Janine Sommer.

Sie sieht verschiedene Erklärungsansätze dafür: «Wir leben nach wie vor überwiegend die klassische Rollenteilung.» Heisst: Der Mann ist Ernährer, die Frau abhängig von ihm. Als Systemfehler bezeichnet die Stiftungsratspräsidentin demnach die Tatsache, dass Hausarbeit und Kindererziehung – meist von Müttern übernommen – nicht entschädigt werden, wodurch sie in diese finanzielle Abhängigkeit gerät. Gewalt gegen Frauen könne dann abnehmen, so Sommer, wenn die Gleichstellung von Mann und Frau in der ganzen Gesellschaft wirklich umgesetzt sei.

Diese Forderung stellt auch fem*so. Lysser erklärt:

Mutterschaft ist vielfältig. Muttersein ist vielfältig.

Nicht aber die Familienmodelle, die aktuell gelebt würden. Dazu brauche es Veränderungen, zum Beispiel «bezahlbare Kita-Plätze, mehr Teilzeitstellen, Anerkennung von Care-Arbeit.»

Hinschauen und mutiger werden

Was sich zudem noch ändern müsse: «Das Bewusstsein dafür, dass Menschen allein aufgrund ihresGeschlechts Gewalt erfahren ist noch zu klein», fügt Filmeditorin Dettwiler an. Aktionen wie die 16-tägige Kampagne trügen dazu bei, «über erlebte Gewalt zu sprechen, hinzuschauen, mutiger und aktiv zu werden».

Das wolle auch fem*so tun – im nächsten Jahr, wenn unter anderem das 30. Jubiläum des Frauenstreiks ansteht. Für 2021 plane man verschiedene Aktionen – am Frauentag vom 8. März, und ebenfalls im November, wenn die Kampagne «16 Tage gegen Gewalt an Frauen» erneut durchgeführt wird.

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