Literatur
Franz Hohler: «Die Zeit wird kostbarer – die Zukunft schmilzt»

Schriftsteller Franz Hohler lässt unklar, inwieweit «Gleis 4» an Olten anlehnt. Er sagt, er wisse selbst nicht, was genau hinter der Idee für den Roman stand. Hohler wuchs in Olten auf, das habe seine Jugend sicher geprägt.

Nora Bader
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«Eisenbahnfan» Franz Hohler.Archiv

«Eisenbahnfan» Franz Hohler.Archiv

Zur Verfügung gestellt

Franz Hohler, Sie haben am 1. März Ihren 71. Geburtstag gefeiert. Hatten Sie einen schönen Tag?

Franz Hohler: Danke. Am Morgen stand telefonischer Gratulationsdienst an (lacht) und am Abend ein schönes Essen.

Beschäftigt Sie das Älterwerden?

Im Prinzip ist das etwas sehr Schönes: Zu erleben, wie sich Freundschaften über die Jahre entwickeln, wie eine nächste und übernächste Generation kommt. Die Schattenseiten sind körperliche Beschwerden, die sich langsam anmelden, oder der Abschied von Leuten, die man gerne hat.

Was gehen Sie heute anders an?

Ich merke, dass die Zeit kostbarer wird. Ich setze Prioritäten vorsichtiger, als ich das noch vor zehn Jahren getan habe, weil der Vorrat an Zukunft langsam schmilzt. Nächstes Jahr wird vielleicht mal wieder ein abmachungsfreies Jahr, wie ich es mir hin und wieder nehme.

Sie haben gerade in Aarburg gelesen. Was verbinden Sie mit diesem Ort?

Aarburg war mir immer vertraut. Ich bin in Olten am Anfang der Reiserstrasse aufgewachsen, gleich bei der Bahnlinie. Wenn man da die Passerelle überquert und 100 Meter läuft, ist man in Aarburg. Gerne bleibe ich an der Woog bei der Aare stehen und schaue dem Wirbel nach. Ich beobachte, wie Holzstücke umhertreiben und immer wieder an denselben Ort zurückkommen. Und: Mozart machte auf seiner ersten Schweizer Reise halt in Aarburg. Brecht übernachtete auf seiner Heimfahrt aus Südfrankreich ebenfalls da und schrieb gar eine Postkarte. Das habe ich im Buch «Bertolt Brecht in der Schweiz» von Werner Wüthrich gelesen.

Was lesen Sie sonst so, wenn nicht über Brecht?

Derzeit «Museum der Unschuld» von Orhan Pamuk. Ich wechsle immer ab zwischen einheimischer und ausländischer Kost. Sehr gefallen hat mir kürzlich «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse» von Thomas Meyer.

Pflegen Sie Kontakt zu anderen Schriftstellern, während Sie an einer Geschichte arbeiten?

Ja, aber häufig redet man über alles, ausser über Literatur: über das Essen, die Kinder, über Politik.

Aus Angst, dass der andere einem die Idee klauen könnte?

Nein, nein. Dennoch bin ich vorsichtig, wenn ich an einem Projekt
«umechnüble». Ich erzähle gewöhnlich nichts, bis die Geschichte fertig ist.

Hat «Gleis 4» etwas mit Ihrer alten Heimat, der Eisenbahnstadt Olten, zu tun?

Was genau hinter der Idee steckt, weiss ich überhaupt nicht. Wenn eine solche aber mehrmals kommt, handelt es sich dabei um eine Geschichte, die erzählt werden will. Zur Frage: Möglicherweise prägte mich die Jugend in Olten schon, ich fuhr immer gerne und fasziniert Eisenbahn. Mich beeindruckte es, wenn ein Güterzug stehen blieb – wie lange das geht, bis dieser Zug wirklich ruhig ist. Da gibt es noch viele «Rückli» und «Müpfli». Der Zug «ächzt» und beim Anfahren «jömmerlet» jeder zweite Wagen, weil er wieder auf die Reise muss und nicht will.

Kennen Sie das vom Schreiben, dass es manchmal nicht anläuft?

Gelegentlich schon. Eine Geschichte purzelt ja nicht einfach im Schnellzugstempo raus. Ein grosser Teil des Schreibens besteht aus dem Nachdenken darüber, was man schreibt. Das Schreiben selber ist die Belohnung.

Wie und wann schreiben Sie?

Am liebsten am Morgen von 9 bis 12 Uhr, auf einem Laptop. Aber ich kann überall schreiben. Was ich dazu brauche, ist ein einigermassen ruhiges Zimmer mit Tisch, Stuhl und Tischlampe.

Welche Ihrer Geschichten mögen Sie am liebsten?

Das ist, wie wenn man einen Vater fragen würde, welches Kind er am liebsten hat.

Haben Sie nicht irgendwann genug davon, immer wieder dasselbe vorzulesen?

Daran habe ich mich schon als Kabarettist gewöhnt, der ein Programm manchmal 150 Mal gespielt hat. Beim Vorlesen ist der Sättigungspunkt früher erreicht als bei Bühnenprogrammen. Ich lese auch nicht mehr so viel aus «Gleis 4». Aber ich tue es noch immer gerne, sonst täte ichs nicht.