Zersiedelung
Einfamilienhäuser fressen sich in die Solothurner Landschaft

Der Beton verdrängt massiv Kulturland. Das unterlegt erneut eine Studie. Mitschuldig ist der Traum vom Einfamilienhaus, der bei Solothurnern tief verankert ist.

Lucien Fluri
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Sie prägen die Solothurner Landschaft

Sie prägen die Solothurner Landschaft

Peter Brotschi

Statt der grenzenlosen Freiheit packt den Grenchner Piloten Peter Brotschi manchmal ein beklemmendes Gefühl: Dann, wenn er über das Mittelland fliegt, hinunterblickt und an seine ersten Flugstunden denkt. Statt Felder und Wiesen sieht er heute Lagerhallen, Shoppingcenter, und verstopfte Strassen. «Ich habe Mühe, die Schweiz noch zu lieben, wie sie sich im Mittelland aus der Luft präsentiert», schreibt Brotschi in seinem neusten Buch.* «Ganze Gebiete, die ich als Flugschüler noch sehr ländlich erlebte, haben ein städtisches Gepräge.»

2,2 Quadratmeter werden in der Schweizer Talzone pro Sekunde verbaut. Das steht in der kürzlich veröffentlichten Studie Bodennutzung in der Schweiz des Bundesamtes für Statistik. Sie beruht auf der Arealstatistik bis 2009 und umfasst den Bauboom der gerade vergangenen Jahre noch nicht.

Immer mehr Einfamilienhäuser

Auch die Solothurner Landschaft hat sich stark verändert. Die Auswertung der Arealstatistik verdeutlicht: Besonders beliebt sind hier Ein- und Zweifamilienhäuser. Ihre Fläche ist zwischen 1997 und 2009 stark gewachsen; von 528 auf 653 Hektaren. Das allein wäre eine Zunahme von satten 23,7 Prozent in 12 Jahren. – Wird allerdings der Umschwung um die Häuser miteinberechnet, beträgt die Zunahme «nur» 14,3 Prozent, liegt aber immer noch über dem Bevölkerungswachstum. Die Statistik zeigt auch: Die Solothurner verzichten zunehmend aufs Grün um ihr Haus – wegen der Bodenpreise oder wegen der Unterhaltsarbeiten. Diese Tendenz zeigt sich noch deutlicher bei Industrie- und Gewerbegebäuden. Weniger stark gewachsen als die Ein- und Zweifamilienhäuser ist die Fläche der Mehrfamilienhäuser, die dichtes Wohnen fördern.

Hausaufgaben für Gemeinden

Bernard Staub, Chef des kantonalen Amtes für Raumplanung, ist nicht erstaunt über die Zunahme der Ein- und Zweifamilienhäuser. «Ein freistehendes Einfamilienhaus ist noch immer der Traum, den im ländlichen Raum viele hegen.» 60 bis 70 Prozent der Solothurner Gemeinden haben weniger als 2000 Einwohner. «Dort dominieren eindeutig Ein- oder Zweifamilienhäuser», so Staub. Für den Chef des Amtes für Raumplanung haben die Gemeinden noch Hausaufgaben zu erledigen, wenn die Zersiedelung gestoppt werden soll. Diese könnten etwa die zulässige Geschosszahl erhöhen – heute sind hauptsächlich «W2-Zonen» ausgeschieden. Und gleichzeitig, so Staub, gibt es kaum Gemeinden, die einen Mindestdichtewert für Neubauten vorschreiben – obwohl sie dies könnten. «Die Gemeinden müssen ihre Reglemente anpassen», so Staub.

Im Gegensatz zu den Einfamilienhäusern hat der Flächenverbrauch der Industrie- und Gewerbegebäude von 1997 bis 2009 weniger stark zugenommen: Er wuchs von 363 um 13,8 Prozent auf 413 Hektaren an. Seit 1985 beträgt die Zunahme 40 Prozent (ohne Umschwung).

Von Golfern und Weinbauern

Nicht zuletzt lassen sich in der Landschaft auch die Freizeitbeschäftigungen der Solothurner ablesen: Deutlich wird etwa, dass Golfen zum verbreiteten Hobby wurde. 1997 beanspruchten Golfplätze zwei Hektaren, 2009 waren es bereits 132. Und offenbar gibt es auch mehr (Hobby-)Weinbauern im Kanton: Die Rebbaufläche hat von 4 auf 5 Hektaren zugenommen. Nicht zuletzt zeigt die Arealstatistik auch, dass das jeweils überdurchschnittlich hohe Gewicht der Solothurner Rekruten nicht an der Sportinfrastruktur liegen sollte. Die Fläche der Sportanlagen hat sich in zwölf Jahren nämlich um 20 Hektaren vergrössert: Das sind immerhin 28 neue Fussballfelder in 12 Jahren.

«Irgendwann wird der Humus vom letzten Feld weggetragen – und selbst dann wird es eine Feierstunde zum Spatenstich geben», schreibt Peter Brotschi in seinem Buch. Der CVP-Kantonsrat hofft jetzt aber zuerst einmal auf eine strenge Umsetzung des Neuen Raumplanungsgesetzes.

*Peter Brotschi, «Ein wenig des Himmels für mich», Aero Publications 2013.

Bauern beklagen Landverlust – und bauen selbst auch in die Landschaft

Um 5,7 Prozent hat die landwirtschaftlich genutzte Fläche im Kanton Solothurn seit 1985 abgenommen. In Zahlen sind das 2053 Hektaren Kulturland weniger. Ist das viel oder wenig? «Der Verlust konzentriert sich aufs Mittelland und ist deshalb höher zu gewichten», sagt Peter Brügger, Sekretär des Solothurnischen Bauernverbandes. «Die Fläche ging vor allem bei guten Landwirtschaftsböden verloren.»

Gleichzeitig zeigt die Statistik auch grossflächige Veränderungen in der Produktion der Solothurner Bauernbetriebe. Die Ackerbaufläche hat stark abgenommen: von 17'904 Hektaren 1985 auf noch 16090 im Jahr 2009. Dagegen gibt es viel mehr Weidefläche: nämlich 5500 Hektaren Heimwiesen statt wie zwei Dutzend Jahr zuvor noch 4057. Feldobst verzeichnete einen Rückgang von 2105 auf 1138 Hektaren. Diese Verschiebungen erstaunen Bauernsekretär Peter Brügger nicht: Der Preis für 100 Kilogramm Brotgetreide sei 1980 bei 100 Franken gewesen. Heute erhalten Bauern für die gleiche Menge vielleicht noch 55 Franken, erklärt er den Rückgang der Ackerbaufläche. Während früher Bauern zum Risikoausgleich sowohl Ackerbau als auch Milchwirtschaft betrieben hätten, zeige sich inzwischen eine stärkere Konzentration auf eine Betriebsform. Und nicht zuletzt setzt der Bund Anreize, die auf die Weidefläche Auswirkungen haben: Der Bund honoriert den regelmässigen Auslauf der Tiere mit Direktzahlungen.

Gleichzeitig zeigt die Statistik aber: Auch die Bauern, die sich gegen den Kulturlandverlust wehren, benötigen viel Land. Zwar ist der Flächenverbrauch der landwirtschaftlichen Gebäude von 260 Hektaren im Jahr 1985 auf 248 im Jahr 2009 gesunken. Das ist allerdings wenig, wenn man bedenkt, dass sich die Zahl der Bauernbetriebe im gleichen Zeitraum fast halbiert hat. Für Bauernsekretär Peter Brügger ist dieses Ergebnis trotzdem nicht besonders erstaunlich. Er verweist nicht zuletzt auf den Tierschutz. «Laufställe brauchen bedeutend mehr Platz als die Anbindeställe, die in den 70er-Jahren verbreitet waren. Und früher waren die Tiere viel weniger auf der Weide.»

Im Amt für Raumplanung ist Bernard Staub wenig überrascht, dass der einzelne Bauernbetrieb heute relativ gesehen mehr Fläche für seine Gebäude beansprucht. «Bauern brauchen rationelle Strukturen und drängen deshalb auch aus Immissionsgründen aus den Dorfkernen raus», sagt Staub. «Die Landwirte tragen so auch dazu bei, dass Böden verbraucht werden. Zum Teil wird auf besten Böden gebaut, weil einem Bauer dort halt Land gehört.» Staub sieht das unter anderem an den Gesuchen für Bauten ausserhalb der Bauzone. (lfh)

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