Führungserfahrung: Das ist eine Eigenschaft, von der man erwarten müsste, dass sie jeder künftige Solothurner Regierungsrat mitbringt. Schliesslich führt er (oder sie) mehrere Hundert Verwaltungsangestellte und setzt die Leitplanken für die wirtschaftliche Entwicklung des Kantons. Doch dem ist nicht so: Mit ziemlicher Sicherheit werden am 12. März auch Männer und Frauen gewählt, die in ihrem Leben zuvor bestenfalls vielleicht eine Handvoll Leute geführt haben. Von einem auf den anderen Tag haben sie Macht über Tausende Bürger und Hunderte Angestellte. Sie bestimmen dann massgebend über Dossiers, mit denen sie sich zuvor als einer von 100 Kantonsräten an ein paar Sessionstagen pro Jahr beschäftigten.

Am Montag läuft die Meldefrist für die Kantonsrats- und die Regierungsratswahlen ab, der Wahlkampf wird in den kommenden Wochen Fahrt aufnehmen. Doch keiner der Kandidaten, die um die höchsten Ämter im Kanton wetteifern, wird ein Assessment absolvieren müssen. Keiner wird von Personalverantwortlichen auf Herz und Nieren geprüft. Sie erscheinen auf Plakaten, treten an öffentlichen Diskussionen auf, mobilisieren ihre Anhänger mit Schlagworten. Die meisten Wähler werden sie nur rudimentär kennen, wenn sie die Namen auf den Wahlzettel schreiben. Vielleicht entscheidet dann das Foto auf dem Wahlprospekt. Kann das gut ausgehen?

Ohne die Ochsentour gehts nicht

Anruf bei einer schweizweit bekannten Headhunterin, die Top-CEOs für die Wirtschaft sucht. Welche Anforderungen würde sie an einen Regierungsrat stellen? Warum spielen in der Politik diejenigen Fähigkeiten keine Rolle, die für vergleichbare Positionen in der Wirtschaft unumgänglich wären? Das Gespräch ist schnell vorbei: «Ich kann dazu nichts sagen. Politik und Wirtschaft sind einfach zu unterschiedliche Systeme.»

Immerhin: Der Blick zurück auf vergangene Regierungen zeigt: Es klappte fast immer, auch wenn Männer an den Schaltstellen der Macht herumhebelten, die laut bösen Zungen zuvor «höchstens mit ihrer Frau den Terminkalender koordinieren mussten». Es ist das System Schweiz: Es gibt keine Berufspolitiker. Im Bundesrat amtet ein Weinbauer als Verteidigungsminister und eine Pianistin als Justizministerin. Und das funktioniert. Und umgekehrt wird nicht jeder Unternehmer ein guter Politiker: Johann Schneider-Ammann, als Unternehmer hoch geachtet, musste als Bundesrat zuweilen viel Kritik einstecken. Gleichzeitig zahlt das Volk seinen Regierungsräten deutlich weniger, als CEOs mit so viel Verantwortung verdienen.

Was also macht eine Politkarriere aus? Die Vorselektion geht nach eigenen Gesetzen: Fähigkeiten rücken manchmal in den Hintergrund: Der richtige Zeitpunkt spielt eine Rolle (wer in der Partei tritt gerade ab?), das Geschlecht und die regionale Herkunft. Drei Stadtsolothurner und ein Grenchner: Damit kann der Oltner sicher nicht leben. Und wenn eine Frau ersetzt werden muss, hat auch der beste Mann keine Chance (wobei es Frauen nach wie vor schwieriger haben).

Gewählt werden Männer und Frauen, die sich zuvor über Jahre ehrenamtlich engagiert haben. Wer in der Politik aufsteigen will, muss die Ochsentour absolvieren: Baukommission, Gemeinderat, Kantonsrat. Wer viel Lohn sucht, scheidet da schon aus. Wer schon eine Führungsfunktion in der Wirtschaft hat, hat meist wohl keine Zeit. Und später wird für sie der Einstieg schwierig. Im Schweizer Milizsystem wird kritisch beäugt, wer als politischer Quereinsteiger gleich (zu) weit oben einsteigen will. Wer gewählt werden will, muss breit abgestützt sein. Hardliner haben es in der Regel schwieriger. Kandidaten müssen mehrheitsfähig sein. Extreme Ecken und Kanten werden abgeschliffen.

Fachmänner werden kaum gesucht. Auch wenn einer eher von Finanzen eine Ahnung hat, muss er als gewählter Regierungsrat nehmen, was übrig bleibt: vielleicht das Bildungsdepartement. Vielleicht sind die Juristen auch deshalb übervertreten (vgl. Text unten): Die Kenntnisse des Gesetzgebungsprozesses machen sie zu politischen Generalisten, die unabhängig vom Departement einsetzbar sind. Auch wer in der Handelskammer ist oder Lehrer war, hat etwas bessere Wahlchancen: Zumindest einen Lehrer gibt es im Fünfergremium immer. Offenbar sorgt der Beruf für eine gut vernetzte breite Wählerbasis.

Vorselektion in den Verbänden

Wer gewählt werden will, muss gut vernetzt sein. Er muss ehrenamtlich tätig sein und das wiederum sorgt nicht nur für eine breite Vernetzung, sondern auch dafür, dass Kandidaten unterschiedlichste Anliegen kennen.

Verbände übernehmen die Funktion von Steigbügelhaltern: Sie verschaffen eine Wählerbasis. Aber nehmen auch eine Vorselektion vor: Wer in Verbänden aufsteigt, muss sich durchsetzen. Wer seine Arbeit dort schlecht erledigt, kommt wohl nicht weiter. Und auch die Arbeit im Kantonsrat selektioniert: Wer auffallen will, muss sich über die eigene Partei hinaus Ansehen verschaffen. Er muss sich mit klugen Vorstössen so bemerkbar machen, dass er in den Medien erscheint und damit einem breiteren Publikum bekannt wird. Und trotzdem bleibt die Partei wichtig: Auch dort müssen Kandidaten beliebt sein. Denn an Parteiversammlungen werden die Kandidaten gekürt. Er oder sie muss sich in den eigenen Reihen zuerst durchsetzen - wobei dort der Andrang auf die Ämter auch nicht mehr so gross ist wie es der Bedeutung des Amtes entsprechen könnte. Sehr wenige Parteigänger spuren dann vor, wer später gewählt wird.

Ausserdem: So stellen wir uns den Stellenbeschrieb vor