Wespenjahr 2020
Egerkinger Schädlingsbekämpfer: «Die Wespe ist kein Schädling»

2020 ist ein Wespenjahr: Aufgrund des milden Winters und warmen Frühlings sind die Insekten besonders zahlreich. Auch in der Region. Hier machen vor allem verschiedene private Firmen den Nestern den Gar aus - seit die meisten Feuerwehrkorps diese Dienstleistung nicht mehr anbieten. Eine davon ist die Oltex AG in Egerkingen.

Noëlle Karpf
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Daniel Müller, Geschäftsleiter der Oltex AG, am Standort in Egerkingen.

Daniel Müller, Geschäftsleiter der Oltex AG, am Standort in Egerkingen.

Oltner Tagblatt

Schädlingsbekämpfung: Diesem Geschäftszweig hat sich die Firma Oltex AG in Egerkingen verschrieben. Für den Sommer bedeutet das, dass die Mitarbeitenden sich vor allem um Wespennester kümmern, die den Mieter auf seinem Balkon und die Hausbesitzerin auf der Terrasse stören. Wobei: Ein Schädling sei die Wespe eigentlich nicht, wirft Daniel Müller, Geschäftsleiter der Oltex, beim Gespräch in seinem Büro ein.

«Die Wespe ist ein Nützling. Wenn wir sie nicht hätten, dann hätten wir ein Fliegenproblem», so Müller, der gleich zu Beginn betont, kein Biologe zu sein, aber doch eine ganze Menge ganz locker über diese «Nützlinge» zu erzählen weiss. Wie erwähnt zum Beispiel, dass sie Fliegen aber auch Mücken jagen; dass alte Nester im Hausmüll entsorgt werden können, weil sie hauptsächlich aus Holz bestehen; dass die Tiere uns im September am aggressivsten vorkommen, wenn die Völker anzahlmässig ihren Höhepunkt erreichen, bevor das Volk dann – abgesehen von der Königin – abstirbt.

Diese überwintert alleine und beginnt im Frühling mit dem Aufbau eines neuen Nestes. «Dieses Jahr war schon als Wespenjahr angekündigt», erklärt Müller. Was am warmen Frühling lag. Und generell, so beschreibt es der Schädlingsbekämpfer, habe man schon immer mehr Wespenjahre als früher noch. Wegen der immer milderen Wintern mit weniger Schnee und Eis, in welchen Königinnen besser überleben und gestärkter mit ihrer Arbeit im Frühling beginnen können.

«Kein Larifari»: Schutzanzug ist ein Muss

Das Entfernen von Wespennestern mache derzeit 85 Prozent des Tagesgeschäfts aus, berichtet Müller. Wobei die Anzahl Anfragen tagtäglich variiere, man aber auch schon einmal 20 Telefone am Tag habe wegen Wespen, weil man irgendwo in der Region ein Nest entfernen soll.

Wie? «Mit de Häng», sagt Müller dazu. Dann führt er aus, dass Schutzmassnahmen obligatorisch seien. Mitarbeitende, die ausrücken, tragen einen Schutzanzug. Denn, so Müller, bereits nach 10 oder 20 Sekunden sei man voller Wespen. Diese erreichen, in einem guten Jahr und in einem grossen Nest, eine Population von gut einmal 4000 Tieren.

«Stiche gibt es immer wieder», so Müller schulterzuckend. Aber: «Man muss den Kopf schon beieinander haben, professionell an die Sache rangehen.» Auch, weil Nester oft nicht so einfach erreichbar sind. Der «Klassiker» laut Müller: Wespen verbauen ihre Neste etwa in einem Lamellenkasten. « ‹Larifari› geht nicht», so Müller über die Arbeit mit den Tieren, die viele Menschen nicht mögen. Deshalb rät der Fachmann auch dringend davon ab, während der Wespen Hochsaison im Juli oder August Nester selber zu entfernen. «Da hat man ohne Schutzausrüstung und Fachwissen ganz schlechte Karten.»

«Ausgebucht»: Firmen lösen Feuerwehr ab

Die Bewilligung, die Nester Dritter zu entfernen, hat man auch nur, wenn man eine entsprechende Ausbildung vorweisen kann. Vor rund 10 Jahren haben im Kanton die meisten Feuerwehrkorps noch Wespennester entfernt. Mit der Zeit aber boten das immer weniger an. «Man meinte, dass das gratis sei», erzählt Müller. Aber die Feuerwehr finanzierte die Einsätze aus eigenem Budget –am Schluss kamen also Steuerzahlende dafür auf. Und im Sommer geben Wespennester sehr viel zu tun – wobei die Arbeit erst noch mit einem gewissen Risiko verbunden ist. So strichen Feuerwehren nach und nach das Angebot. Zunehmend übernahmen das private Firmen.

Im Internet finden sich einige davon, die mit Verweis auf den «eidgenössichen Fachausweis» für ihre Dienstleistung werben. Auch diese Firmen haben offenbar alle Hände voll zu tun, wird nach einigen Telefonaten klar. Nach Solothurn reiche es im Moment nicht, heisst es bei der einen, man lebe wie die Vagabunden, ziehe von Nest zu Nest und komme spät Abends nach Hause. Ab Oktober habe man wieder Zeit, meint ein Mitarbeiter einer anderen Firma.

Bei der Oltex sind die Mitarbeitenden, die ausrücken wegen Wespen, ohnehin im Bereich Schädlingsbekämpfung ausgebildet und haben dadurch die Lizenz zum Nester entfernen. Die Dienstleistung gehört laut Müller seit jeher zur 1935 gegründeten Firma, in welcher er 1998 die Geschäftsleitung übernommen hat.

Wobei: «Es ist immer auch ein Abwägen», so Müller, «Wir fragen bei der Kundschaft immer nach: Muss das Nest wirklich weg?». Es gebe klare Fälle: wenn etwa Kinder von einem Nest mitten auf einem Spielplatz gefährdet sind, oder die Terrasse vor dem Haus zum Znachtessen gar nicht mehr benutzt werden kann, weil Dutzende Wespen um Grill und Tisch schwirren. In ganz anderen, harmlosen Fällen könne man die Kundschaft aber auch sensibilisieren, davon überzeugen, dass ein Nest in guter Entfernung nicht unbedingt weg muss. Und dass Wespen nicht einfach so aggressiv sind – wenn man nicht gerade Steine ans Nest wirft. Wespen, die Müller trotz seines Berufs lieber als Nützlinge denn als Schädlinge bezeichnet.

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