Organisationsproblem
Die Solothurner Chöre finden keinen Organisator fürs kantonale Gesangsfest

Der Verband der Solothurner Chöre hat Schwierigkeiten, einen Organisator für ein kantonales Gesangsfest zu finden. Sind Gesangsvereine Auslaufmodelle?

Simon Binz
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Findet noch einmal ein Kantonal-Solothurnisches Gesangsfest, wie dasjenige 2011 in Balsthal, statt?archiv/ot

Findet noch einmal ein Kantonal-Solothurnisches Gesangsfest, wie dasjenige 2011 in Balsthal, statt?archiv/ot

«Singen ist unsere Leidenschaft»: So lautet das Motto der 950 Verbandsmitglieder des Solothurner Kantonal-Gesangsvereins (SOKGV). Singen im Verband, es ist eine Leidenschaft, die auch Verpflichtungen mit sich bringt. Eine dieser Verpflichtungen ist die Organisation des kantonalen Gesangsfestes alle vier bis sechs Jahre. Das letzte Kantonale – es war das dreissigste – fand am 10. September 2011 in Balsthal statt. Rein rechnerisch könnte einer der Verbandsvereine also auch noch 2017 ein Kantonales durchführen. Warum aber dann dieser Artikel?

Grund ist eine Meldung vor einigen Tagen. Der SOKGV führte in Däniken seine Delegiertenversammlung durch. Beat Schöni, Kantonalpräsident der Solothurner Chöre, musste den Funktionären mitteilen, dass für ein Kantonales Gesangsfest 2016 kein organisierender Verein motiviert werden konnte. Es ist eine Meldung, die bei einem Verband mit einer über 150-jährigen Geschichte aufhorchen lässt und Grund zur Nachfrage bietet.

Auf die Meldung angesprochen sagt Beat Schöni, seit sechs Jahren an der Spitze des SOKGV, dass es bis zum letzten Kantonalen nie ein Problem gewesen sei, einen Organisator zu finden. «Die Vereine waren interessiert, fühlten sich fähig und vor allem wirkte sich auch der finanzielle Aspekt positiv aus», so der 63-Jährige.

Dann folgte Balsthal 2011: «Beim Sponsoring haperte es und die Teilnehmerzahl sank dramatisch.» Das habe laut Schöni damit zu tun, dass heute viele kleinere Vereine nur noch an den von den Unterverbänden organisierten Bezirkssängertagen und Verbandsgesangsfesten teilnehmen würden. «Dort zählt die Freude am Singen, auf Expertisen und Prädikate wird verzichtet.» Im Gegensatz zu den Kantonalen oder Eidgenössischen Gesangsfesten. Dort gelte es, sich mit den anderen Chören zu messen, was kleinere Vereine an einer Teilnahme hemme.

Verschiedenste Massnahmen

Die von Präsident Schöni beschriebene Entwicklung des Gesangswesens ist nicht neu: Der Verband registrierte vor Jahren schon die genannten Veränderungen und reagierte. So wurde beispielsweise die Dauer des Gesangsfests von drei Tagen auf einen verkürzt, zudem können die Chöre seit 2011 beim Solothurnischen selber wählen, ob sie bewertet werden wollen, oder nicht. «Es soll schliesslich für jeden etwas dabei sein», erklärt Schöni. Die Suche nach einem Organisator habe sich dadurch aber nicht vereinfacht.

Da in diesem Jahr das Eidgenössische in Meiringen und im 2016 viele andere Kantonale stattfinden würden, habe man aber noch etwas Zeit, beruhigt sich Schöni fast selbst und wirbt dann: «Wir können uns sehr gut auch vorstellen, dass nicht ein einzelner Verein, sondern eine ganze Region oder gar eine Tourismusorganisation, die Organisation übernehmen würde.»

Fehlender Nachwuchs

Das Kantonale Gesangsfest ist aber nur eine der Baustellen des SOKGV. Gleich wie die traditionsreichen Turn-, Schiess- oder Musikvereine kämpfen nämlich auch die Solothurner Chöre mit fehlendem Nachwuchs und drohender Überalterung. Das zeigt sich auch bei den Zahlen: Von den 950 Mitgliedern des Verbands sind nur gerade 70 Jugendliche; von 42 Chören, die dem Verband angehören, sind nur gerade deren zwei Jugendchöre (Singknaben der St.-Ursen-Kathedrale und Songfäger Bucheggberg). Wie lässt sich die Jugend wieder fürs Singen begeistern, Herr Schöni? Bei dieser Frage kann sich der ehemalige Steuerbeamte des Kantons Solothurn ein Schmunzeln nicht verkneifen und sagt: «Wenn Sie ein Patentrezept haben, bitte verraten Sie es mir ...»

Mitgliederwerbung, damit kämpfe heute ja jeder Verein, so Schöni. «Ich denke, am besten funktioniert immer noch die Mund-zu-Mund-Propaganda.» Denn Werbung, das hätten sie versucht. Von Aufrufen bis hin zu Apéros. «Es nützte alles nichts. Heute haben die meisten einfach schon vom Beruf her kaum noch Zeit für solche Hobbys.» Käme hinzu, dass das Chorsingen auch gewisse Verpflichtungen mit sich bringe. «Dann singt man Mal dort ein Ständchen, hier die Nationalhymne und wenn wir dann noch davon sprechen, dass wir pro Jahr mit Proben und Auftritten rund 50-mal zusammenkommen, dann finden sich wenig Interessierte.»

Wird weniger gesungen?

Neben der Nachwuchsförderung sollte sich der Verband aber auch Massnahmen überlegen, um Mitglieder zu halten. An der im 2-Jahres-Rhythmus stattfindenden Delegiertenversammlung muss Beat Schöni die Funktionäre nämlich regelmässig über austretende Chöre informieren. So sank die Anzahl Verbandsmitglieder in den letzten zwei Jahren erneut von 45 auf 42 Vereine. Schöni sieht den Grund hauptsächlich darin, dass heute viele Sängerinnen und Sänger nicht mehr kantonal, sondern nur noch im kleinen Rahmen singen möchten. «Ich finde das sehr schade, denn mir liegt die Solidarität zwischen den Sängerinnen und Sängern sehr am Herzen», sagt er dazu. Das «Wildsingen» sei zwar auch schön, aber wenn eine Tradition überleben solle, dann brauche es einen funktionierenden Verband. «Dafür kämpfen wir», so der Kantonalpräsident.

Wird denn nicht einfach weniger gesungen als früher? Schöni verneint und spricht davon, dass immer wieder Mal neue Chöre im Kanton entstünden, diese aber nicht in den Verband eintreten würden. «Da viele Sängerinnen und Sänger sich nicht mehr den wöchentlich probenden Chören anschliessen möchten, erleben zum Beispiel die Konzert- und Projektchöre einen grossen Zuspruch. Diese haben aber andere Interessen als ein Kantonales zu organisieren», so der Präsident.

Dann spricht er von einem Strukturwandel und holt in der Geschichte etwas aus: «Früher waren Vater und Sohn im Männerchor, parallel dazu im Schützenverein. Das waren die kulturellen Anlässe, die man besuchte.» Heute aber schaue man einfach im Internet nach, welche Anlässe man besuchen möchte. Dort würden sicherlich nicht ein Gesangs- oder Schützenfest zuoberst stehen, so Schöni.

Die ersten Gesangsvereine: Singen – für alle ein erschwingliches Hobby

Der Begründer des Volksgesanges und der ersten Gesangsvereine in der Schweiz war Hans Georg Nägeli (1776 bis 1836) aus Wetzikon. Seine Kirchen- und Schulgesangbücher führten einen wahren Triumphzug durch die Schweiz und Deutschland. Auch im Kanton Solothurn fanden die Nägeli’schen Lieder freudige Aufnahme – in erster Linie in Olten und Solothurn. Schon frühzeitig stand die Sängerfamilie Munzinger in Olten mit Nägeli in freundschaftlichem Verkehr. Das erste Solothurnische Kantonalgesangsfest fand dann auch 1851 in Olten statt. Als Wettlied wurde damals «Auf den freien lichten Höh’n» vorgetragen. Wie Beat Schöni, Präsident des Solothurner Kanton-Gesangsvereins (SOKGV) zu berichten weiss, ist das Singen ursprünglich, gleich wie das Turnen, aus dem Militärischen entsprungen. Später hatten dann die Lehrer damit begonnen, Singen in der Schule zu unterrichten. «Singen in einem Verein war für lange Zeit eine der wenigen Möglichkeiten zusammenzukommen, um soziale Kontakte zu pflegen. Zudem war es ein für alle Gesellschaftsschichten erschwingliches Hobby», so Schöni. (sbi)

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