Solothurn
Die neue Ypsomed-Fabrik kommt im Look eines Labors daher

Die Burgdorfer Medtechfirma Ypsomed hat am Dienstag die neue Pen-Produktion in Solothurn eröffnet. Die Fabrik sieht eher wie ein blitzblankem Grosslabor aus.

Franz Schaible
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Zu Besuch bei Ypsomed
16 Bilder
In Reih und Glied
Simon Michel, Josef Maushart und Esther Gassler
Einblick in die Pen-Produktion
Einblick in die Pen-Produktion
Einblick in die Pen-Produktion
Kantonsratspräsident Urs Huber ist auch unter den Gästen
Einblick in die Pen-Produktion
Einblick in die Pen-Produktion.01
Simon Michel, CEO der Ypsomed
CEO Simon Michel demonstriert einen Pen
Einblick in die Pen-Produktion
CEO Simon Michel erklärt, die Vertreter aus Politik und Wirtschaft sind ganz Ohr
CEO Simon Michel erklärt, Marianne Meister und Esther Gassler staunen
Applaus bei den Gästen
Carsten Gansert (Ypsomed), Tony Ackermann (Ypsomed), RR Esther Gassler, Simon Michel (CEO Ypsomed), Ulrike Bauer (Ypsomed), Dav

Zu Besuch bei Ypsomed

Hanspeter Bärtschi

Das hat mit einer herkömmlichen industriellen Fertigung nur noch wenig gemein. Die riesige Produktionshalle im Bau 24, 1. Untergeschoss des Ypsomed-Werkes in Solothurn ähnelt eher einem hochmodernen, blitzblanken Grosslabor. Auf einer Fläche von 2000 Quadratmetern sind Spritzgussanlagen installiert, auf welchen bei Volllast jährlich eine Milliarde Kunststoffteile in höchster Genauigkeit gefertigt werden.

Auf der Anlage gegenüber werden die Teile bedruckt und zusammen montiert. Aus nur 13 Einzelteilen entstehen Einwegpens für die Abgabe von Flüssigmedikamenten (siehe Kasten). Dort, wo früher Autophon, Ascom und Flextronic Telekomgeräte produzierten, ist seit 2004 das Burgdorfer Medizinaltechnikunternehmen Ypsomed zu Hause. Gestern hat CEO Simon Michel in Anwesenheit von Gästen aus Wirtschaft und Politik die neue Pen-Produktion offiziell eröffnet.

50 Millionen Franken investiert

Den Ausbau kündigte Ypsomed bereits im Frühling 2015 an. Offen blieb damals, wo dieser stattfinden soll. In Solothurn? In der Tschechei oder in Norddeutschland? Ende Dezember 2015 kam die Erlösung: Ypsomed investiert in Solothurn insgesamt über 50 Millionen Franken in Infrastrukturanpassungen, Spritzgussmaschinen, Spritzgusswerkzeuge sowie Bedruckungs- und Montageautomaten.

Über mehrere Jahre sollen rund 100 neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Entsprechend freute sich am gestrigen Anlass Volkswirtschaftsdirektorin Esther Gassler. «Das ist keine Floskel. Dass Ypsomed hier investiert, dafür mussten wir hart kämpfen.» Ypsomed spiele in «der höchsten Liga». Sie sei sehr stolz, dass Ypsomed in den Standort Solothurn Vertrauen habe und hier viele neue Arbeitsplätze schaffe.

Fast bescheiden bezeichnete Michel das Solothurner Werk als «Zulieferer von Verpackungen für flüssige Medikamente an die Pharmaindustrie». Um dann die Herausforderung aufzuzeigen. Fast 100 Prozent der Pens werden ins Ausland verkauft. Ab Werkplatz Schweiz sei dies nur mit höchstautomatisierten Anlagen möglich. Eine günstigere Produktion sei nicht mehr möglich, so Michel.

Zweite Anlage startet im Herbst

Der angekündigte Aufbau der Arbeitsplätze ist zu einem weiten Teil bereits erfolgt. Die Belegschaft in Solothurn wuchs nach Firmenangaben von 195 Ende 2015 auf aktuell 267 Mitarbeitende. Und es werden noch mehr werden, erklärt Ypsomed-Chef Simon Michel am Rande der Veranstaltung. Im Herbst werde eine zweite hochmoderne Pen-Anlage in Betrieb genommen. Zudem sei denkbar, dass «wir die IT-Abteilung mit rund 40 Beschäftigten von Burgdorf nach Solothurn verlagern».

In Solothurn habe man noch genügend leerstehende Büroräume. Unabhängig wie die Unternehmenssteuerreform III im Kanton Solothurn umgesetzt werde, «Solothurn wird attraktiver sein als der Kanton Bern».

Aber Ypsomed baut aufgrund der gut laufenden Geschäfte nicht nur in Solothurn aus. Im norddeutschen Schwerin investieren die Burgdorfer derzeit über 50 Millionen Euro in eine komplett neue Fabrik für die Produktion von Injektionspens. Die Fabrik soll 2019 starten und innert sechs Jahren rund 200 Angestellte zählen.

Dadurch sei aber der Standort Solothurn nicht gefährdet: «Wir werden keine einzige Stelle von hier nach Schwerin verlagern. Die hiesige Fachkräftekompetenz ist sehr, sehr hoch», versichert Michel. Es gehe um einen zusätzlichen Ausbau der Produktion und nicht um eine Verlagerung.

Ein Hauptgrund für den Standortentscheid Schwerin sei der Wechselkurs. «Wir exportieren 95 Prozent unserer Produkte, davon 60 Prozent in den Euroraum», so Michel. Aber erst 40 Prozent der Kosten fielen in Euro an. «Dieser Anteil muss erhöht werden, denn der ‹Jordan-Effekt› ist brutal.» Bei Ypsomed habe 2015 der starke Franken den Umsatz um 20 Millionen und den Gewinn um 10 Millionen Franken geschmälert.

Im laufenden Geschäftsjahr werden es 15 Mio. Franken Gewinn sein, die durch den Währungseffekt weggefressen würden. «Das ist ein Viertel unseres Gesamtgewinnes. Deshalb müssen wir die Kosten dort ansiedeln, wo wir den Umsatz generieren.» Was sicher in der Schweiz bleiben werde, sei die Forschung und Entwicklung.

«Diese haben wir enorm ausgebaut und beschäftigen dort inzwischen 120 hochqualifizierte Ingenieure.» Das könne sich Ypsomed nur leisten, weil man die Kosten an den Produktionssandorten im Griff habe.

Auch «Weitblick» war Thema

Trotzdem und obwohl die Lohnkosten in Solothurn doppelt so hoch seien wie in Norddeutschland, machten die hiesigen Investitionen Sinn. Michel führt nebst der erwähnten Fachkräftekompetenz die Steuerbelastung an. Er geht davon aus, dass «wir nach der Einführung der Steuerreform ab 2019 im Kanton Solothurn mit einem Steuersatz zwischen 13 bis 14 Prozent rechnen können».

In Deutschland sei die steuerliche Belastung doppelt so hoch. «Dadurch können wir den Faktor Löhne zu einem grossen Teil kompensieren.» Künftig werde Ypsomed mit den drei Produktionsstandorten Burgdorf, Solothurn und Schwerin stabiler sein und entspreche auch den Anforderungen der internationalen Kundschaft, die unterschiedliche Standorte verlangten. Ursprünglich habe man geplant, im Raum Solothurn eine neue Fabrik zu bauen.

«Wir hatten Interesse, das gesamte Areal ‹Weitblick› im Westen der Stadt zu kaufen», sagt Simon Michel. Sowohl die Stadt wie der Kanton hätten sich zwar sehr eingesetzt, aber das Areal sei noch weit entfernt von «bebaubar». Frühestens 2020 sei ein Baubeginn möglich, Ypsomed wollte aber 2017 mit dem Bau beginnen.