Wahlen
Die Generation U30 rollt das Feld auf: Das sind die Gemeindepräsidenten der Zukunft – und von Heute

Sie sind noch keine 30, aber bereits Gemeindepräsident. Die jüngsten Wahlen brachten die Jungen an die Macht. Regieren sie anders als die «Alten»?

Lucien Fluri
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Die jüngsten Gemeindepräsidenten im Kanton: Stephan Joray (l., 26) regiert in Gänsbrunnen. Fabian Gloor (27) in Oensingen.

Die jüngsten Gemeindepräsidenten im Kanton: Stephan Joray (l., 26) regiert in Gänsbrunnen. Fabian Gloor (27) in Oensingen.

Hanspeter Bärtschi

Es war mal ein Mann, Mitte 50, mit einem leichten Bauchansatz. Grau trug er an den Schläfen und Kurzarmhemden über der Brust. Seine Feierabende hat er jahrelang für Kommissionssitzungen geopfert, bis er irgendwann den letzten Schritt auf seiner politischen Karriereleiter erklommen hat: der Gemeindepräsident. Ansehen und Macht sind ihm für seinen Milizeinsatz gewiss.

Das Bild ist nicht mehr aktuell. Gemeindepräsident ist kein Mandat mehr, um das hart gerungen wird. Im Gegenteil: Vielen Gemeinden fehlt Personal. Man ist froh, wenn es einer macht. Das ermöglichte bei den Wahlen im Mai, was vor Jahrzehnten noch kaum denkbar war: Die Unter-30-Jährigen haben gleich in mehreren Ortschaften das Gemeindepräsidium erobert. Für sie ist das Amt kein Karrieregipfel. Von jahrelanger Erfahrung können nicht alle zehren. Für sie ist es eine Möglichkeit, Erfahrungen zu sammeln und etwas für die Allgemeinheit zu tun. Wille und Engagement sind mindestens gleichbedeutend wie Erfahrung.

Eine persönliche Chance

Stephan Joray ist eingesprungen, als sich sonst keiner meldete. Der angehende Gemeindepräsident von Gänsbrunnen trägt T-Shirt und Sneakers. Mit 26 ist er der jüngste Gemeindepräsi im Kanton. Er ist keine Karriereleiter emporgestiegen, in Kommissionen sass er bisher nicht. Joray wurde angefragt und sagte zu. «Ich will dazu beitragen, dass die Gemeinde weiterhin gut funktioniert», sagt der Landmaschinenmechaniker, der die Ausbildung zum Landwirt macht und keiner politischen Partei angehört. Er sieht sein Amt auch als Chance, Erfahrungen zu sammeln.

Der 26-Jährige ist nicht der Einzige in seinem Alter, der gerade die Führung einer Gemeinde übernimmt. Die Generation U30 rollt das Feld vom untern Ende der Alterspyramide auf. In Kienberg kommt die 29-jährige Adriana Gubler an die Macht, ohne dass sie zuvor im Gemeinderat war. Und in Kriegstetten übernimmt Simon Wiedmer (26) gerade das Gemeindepräsidium, nachdem sein SVP-Vorgänger Manfred Küng im Frust über ein miserables Wahlresultat vom einen auf den anderen Tag alles hinschmiss. Wiedmer war bereits vier Jahre Vizegemeindepräsident.

Stephan Joray, Gänsbrunnen (26 Jahre)
4 Bilder
Simon Wiedmer, Kriegstetten (26 Jahre)
Fabian Gloor, Oensingen (27 Jahre)
Adriana Gubler, Kienberg (29 Jahre)

Stephan Joray, Gänsbrunnen (26 Jahre)

Bruno Kissling

Gegner deklassiert

Fabian Gloor trägt ein blaues Hemd mit weissem Stehkragen, Sakko und Lederschuhe. Der 27-Jährige ist der mächtigste Jungpolitiker im Kanton. Er hat gerade einen fulminanten Wahlfrühling hinter sich. Gloor wurde auf Anhieb in den Kantonsrat und dazu noch als Oensinger Gemeindepräsident gewählt. Im Rennen ums Gemeindepräsidium deklassierte er gleich zwei verdiente Politveteranen, die zusammen nicht einmal 30 Prozent der Stimmen erhielten. CVPler Gloor über 70. Jetzt führt er eine rasant wachsende Gemeinde mit 6400 Einwohnern. Er muss sich mit Raumplanung, Verkehrsaufkommen, Infrastrukturprojekten und Firmenansiedlungen beschäftigen. «Das Alter war nicht entscheidend», sagt Gloor. Wichtig sei, dass er im Gemeinderat schon sechs Jahre Erfahrung gesammelt habe. «Ich habe den Tatbeweis erbracht.»

Gloor hat seinen Master in Wirtschaft vorerst auf Eis gelegt. Das Gemeinderatsmandat und der Kantonsrat sind zusammen bald ein 100-Prozent-Pensum. «Es ist ein Risiko», sagt Gloor. Er, der zuvor als Geschäftsführer der CVP Basel gearbeitet hat, setzt voll auf die Politkarriere. Vielleicht, sagt Gloor, sehe dies alles so linear aus wie eine geplante Karriere. «Aber das war es nicht.» Er sei selbst überrascht gewesen, dass er gleich in den Kantonsrat gewählt wurde.

Doch kann er mit 27 mit Firmenchefs verhandeln? Er habe zehn Jahre auf einer Bank gearbeitet und im Ressort Finanzen bereits Kontakt mit grossen Firmen gehabt, sagt Gloor. «Ich habe das Gefühl, dass man da auf Augenhöhe reden kann.»

«Die Hürden werden kommen»

Beim gemeinsamen Gespräch sind sich Fabian Gloor und Stephan Joray einig: Ihr Engagement ist aussergewöhnlich in ihrer Alterskategorie. «Unter den Kollegen ist das exotisch», sagt Joray. Die Kollegen von Fabian Gloor machen ab und an zwar auch einen «dummen Spruch». Aber sie haben sich an sein Engagement gewöhnt, er hat sich schon früh für Politik interessiert. «Ich hoffe, dass ich als Vorbild auch andere Junge für die Politik motivieren kann», sagt Gloor.

Was wollen sie in ihren Dörfern bewirken? Fabian Gloor nennt die Verkehrsentlastung, neue Arbeitsplätze und die Zusammenarbeit mit dem Bezirk und dem Kanton als Themen. Für Stephan Joray ist das Wichtigste, dass die Gemeinde eigenständig weiterfunktionieren kann. Beide werden sich in den kommenden Wochen in die Dossiers einarbeiten. Dass junge Politiker komplett anders an die Aufgabe herangehen, glauben beide Politiker nicht. Meist gehe es ja um Sachthemen.

Haben sie Angst vor der Aufgabe? Er habe keine Bedenken, sagt Stephan Joray. «Aber man denkt schon gut nach, damit man alles möglichst gut macht.» Er hofft nicht nur auf die Mithilfe seiner Kollegen im Gemeinderat. Gänsbrunnen sei klein. «Man sieht einander oft und kann Probleme gemeinsam anschauen.»

«Man muss das Vertrauen rechtfertigen», sagt Gloor. Er weiss: «Die ersten Hürden werden kommen.» – Ganz unabhängig vom Alter.

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