Tag der Arbeit
«Die Chancen, eine neue Stelle zu finden, sind gut»

René Knipp, Leiter des Regionalen Arbeitsvermittlungszentrums Solothurn (RAV), spricht im Interview über den Solothurner Arbeitsmarkt, die Arbeit bei der RAV und die Chancen für das Scintilla-Personal.

Franz Schaible
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Der 56-jährige René Knipp leitet das Regionale Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) Solothurn seit zwölf Jahren. Insgesamt ist er seit 20 Jahren an verschiedenen Standorten im RAV-Bereich tätig.

Der 56-jährige René Knipp leitet das Regionale Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) Solothurn seit zwölf Jahren. Insgesamt ist er seit 20 Jahren an verschiedenen Standorten im RAV-Bereich tätig.

Hans Ulrich Mülchi

Am 1. Mai feiern Arbeitnehmende und Gewerkschaften den Tag der Arbeit. Ist der Anlass geeignet, für bessere Arbeitsbedingungen und Vollbeschäftigung zu kämpfen?

René Knipp: Das müssen Sie die Gewerkschaften fragen. Aber die Anliegen sind sicher nötig und legitim. Grundsätzlich ist die gut funktionierende Sozialpartnerschaft zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite eine wichtige Errungenschaft. Sie ist eine tragende Säule für eine gut laufende Wirtschaft und einen funktionierenden Arbeitsmarkt.

Der Solothurner Arbeitsmarkt steht mit einer Quote von 2,7 Prozent im Verhältnis zur Gesamtschweiz mit 3,3 Prozent gut da. Welches sind die Hauptgründe?

Im Kanton Solothurn ist ein guter Branchenmix angesiedelt. Ich denke vor allem an die boomende Uhrenindustrie oder an die Medizinaltechnik, welche tendenziell neue Arbeitsplätze anbietet. Und der Logistik-Cluster im Gäu spielt auch auf dem Arbeitsmarkt eine tragende Rolle. Zudem profitiert Solothurn als Industriekanton momentan von der anziehenden Wirtschaft, insbesondere in den Exportmärkten. Aber in kritischen Phasen ist Solothurn dann auch überdurchschnittlich von Arbeitslosigkeit betroffen.

Beobachten Sie, dass die Solothurner Firmen wieder vermehrt Stellen schaffen und Personal einstellen?

In den erwähnten Branchen ist das sicherlich spürbar. Das melden auch bei uns angemeldete Arbeitslose, die neue Stellen finden. Aber von einem Boom bei der Stellenschaffung kann nicht gesprochen werden. Die Unternehmen sind weiterhin vorsichtig. Personalaufbau und Personalabbau laufen parallel. Zudem ist der laufende Strukturwandel in der Industrie mit Auslagerungen wohl noch nicht abgeschlossen. Davon sind auch die Zulieferer betroffen. Bei ihnen gehen in der Folge Arbeitsplätze verloren.

Ist der Solothurner Arbeitsmarkt also intakt?

Im Grossen und Ganzen ist der Arbeitsmarkt in einer guten Verfassung. Eine Arbeitslosenquote von 2,7 Prozent ist im internationalen, aber auch im nationalen Vergleich ausgezeichnet. Natürlich sehen das die Direktbetroffenen anders. Es stecken vielfach tragische Einzelschicksale dahinter, die ob der guten Situation nicht vergessen werden dürfen.

Kann ein RAV den Arbeitsmarkt aktiv beeinflussen?

Nein. Wir sind kein Arbeitsplatzschaffer, wir reagieren auf die Entwicklung bei der Beschäftigung. Wir können einen Nutzen stiften, wenn es uns gelingt, die Betroffenen für die Stellensuche zu motivieren und sie dabei aktiv zu unterstützen. Das ist unsere Kernkompetenz.

Der Widerspruch bleibt. Einerseits suchen Menschen Arbeit, andererseits können Stellen nicht besetzt werden. Was sind die Hauptgründe?

Das bedeutet nüchtern betrachtet, dass Nachfrage und Angebot nicht übereinstimmen. Es werden Arbeitskräfte mit bestimmten Voraussetzungen gesucht, die von den Arbeitssuchenden nicht erfüllt werden. Stichwort ist hier der Fachkräftemangel.

Welche Stellensuchende haben die grössten Probleme, einen neuen Job zu finden?

Dafür gibt es keine Pauschalaussage. Oft sind es Menschen mit einer sogenannten Mehrfachproblematik wie Ausbildung, Sprache oder Alter, die auch in Hochkonjunkturphasen keine Stelle finden. Das darf aber keinesfalls verallgemeinert werden. Es kann durchaus sein, dass auch gut ausgebildete Berufsleute bei der Jobsuche nicht fündig werden. Wir beobachten, dass die Arbeitgeber verstärkt weiche Faktoren berücksichtigen. Sie sagen sich, dass das fehlende Fachwissen gelernt werden kann, aber Faktoren wie Motivation, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit müssen zwingend vorhanden sein. Das können die Arbeitgeber sie nicht lehren.

Laufen die Langzeitarbeitslosen, rund 13 Prozent aller registrierten Arbeitslosen, automatisch Gefahr, ausgesteuert zu werden?

Im Grundsatz gilt, je länger die Arbeitslosigkeit dauert, desto schwieriger wird es, einen Job zu finden. Das Risiko für einen Langzeitarbeitslosen – ausgesteuert zu werden – ist also deutlich höher.

Warum ist das so?

Dafür gibt es zwei Hauptgründe. Einerseits zweifelt der Arbeitgeber, ob ein Mensch mit langer Arbeitslosigkeit überhaupt in der Lage ist, sich wieder in eine normale Tagesstruktur «einzuklinken» und ob die Motivation, zu arbeiten, noch vorhanden ist. Andererseits sinkt bei einem Langzeitarbeitslosen nach 200 erfolglosen Bewerbungen der Glaube an sich selber deutlich.

Jeden Monat werden rund 100 Betroffene ausgesteuert. Wird dadurch die offizielle Statistik beschönigt?

Beschönigt ist das falsche Wort. Grundsätzlich haben auch Ausgesteuerte das Recht, beim RAV angemeldet zu bleiben. Das ist bei rund der Hälfte der Fall. Das heisst, diese bleiben als Stellensuchende erfasst. Entscheidend ist, dass die Zahlen über die Jahre vergleichbar sind, weil die Grauzone immer gleich gross bleibt.

Aufgrund der technologischen Entwicklung nimmt sowohl im Produktions- wie im Dienstleistungssektor die Zahl der tiefer qualifizierten Arbeitsplätze stetig ab. Ist das ein Problem?

Ja. Die Anforderungen steigen in allen Berufsfeldern. Es gibt zwar noch tiefer qualifizierte Arbeitsplätze. Aber wenn diese abgebaut werden, werden sie nicht mehr in gleichem Ausmass aufgebaut. Der Bestand nimmt also logischerweise ab.

Sie als RAV-Leiter Solothurn waren in den vergangenen Jahren immer wieder mit Massentlassungen, beispielsweise mit Borregaard, Mühlemann, Sappi und neuerdings Scintilla, konfrontiert. Wie wirken sich solche Ereignisse auf Ihre Arbeit aus?

Das Ausmass solcher harter Massnahmen führt sicherlich zu höheren Emotionen bei der Arbeit. Es gibt auch andere Aufgaben über das Normale hinaus für uns. Wir sind beispielsweise jeweils direkt vor Ort, um bei der Stellensuche behilflich zu sein. Aber für den einzelnen Betroffenen spielt es keine Rolle, ob nun hundert oder ein Beschäftigter entlassen wird. Es sind immer Schicksale.

Werden Massenentlassungen zur Routine?

Nein. Die erwähnten Ereignisse liegen Jahre auseinander, da kann keine Routine aufkommen.

Die nächste grosse Herausforderung wird sein, für möglichst viele der Scintilla-Beschäftigten eine Stelle zu finden. Wie beurteilen Sie die Ausgangslage?

Der Abbau beginnt erst in einem Jahr und gestaffelt. Das ist im Unglück ein Vorteil. Aus der Erfahrung glaube ich, dass die Chancen für die grosse Mehrheit, eine neue Stelle zu finden, gut sind. Die Beschäftigungsentwicklung zeigt, dass Personal gesucht wird. Der Arbeitsmarkt ist nicht tot.

Das Hauptziel der RAV ist die absolute Vollbeschäftigung und letztlich die Auflösung der RAV. Ist das nicht ein Zielkonflikt?

Nein, überhaupt nicht. Gemäss internationaler Definition bedeutet «Vollbeschäftigung» weniger als 3 Prozent Arbeitslose. Dem gemäss hätten wir das also bereits erreicht. Ich persönlich würde gerne das RAV-Büro auflösen, die Lichter löschen und als Letzter einen Job suchen. Das wäre ein schönes Gefühl, dann hätten wir ideale Vollbeschäftigung. Das bleibt aber eine unerfüllbare Vision.

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