Parteijubiläum
Die Atomfrage spaltete einst die Solothurner SP im Kern

1967 regte ein Vorstoss des damaligen SP-Kantonalpräsidenten Walter Kräuchi im Kantonsrat den Bau eines Atomkraftwerks an - bei der grössten «Gösgen-Kundgebung» von 1986 war die Stimmung in der Partei nahezu einhellig dagegen. Wie war das möglich?

Christian von Arx
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Der Solothurner Polizeidirektor Godi Wyss (SP) spricht über das Mikrofon aus dem Dienstwagen zu den Besetzern der Zufahrt zum AKW Gösgen. (Beim Parkzentrum Däniken, 1977)

Der Solothurner Polizeidirektor Godi Wyss (SP) spricht über das Mikrofon aus dem Dienstwagen zu den Besetzern der Zufahrt zum AKW Gösgen. (Beim Parkzentrum Däniken, 1977)

Aus dem Buch «Die Anti-AKW-Bewegung» von Thomas Ledergerber und Patrick Lüthy (Bookshop imagopress.com)

Während von 1973 bis 1979 das AKW Gösgen gebaut wurde, wandte sich die junge Generation der SP radikal von der Atompolitik der damaligen Parteiführung bis hinauf zu Bundesrat Willi Ritschard ab. Diese epochale Wende schildert jetzt die neuste historische «Momentaufnahme» der SP Kanton Solothurn zu ihrem 125-Jahr-Jubiläum.

Für dieses ist die Solothurner SP ganz neue Wege gegangen. In sechs «Momentaufnahmen» werden entscheidende Abschnitte der Parteigeschichte in Wort, Bild und Videos mit Experten, Zeitzeugen oder Originaldokumenten lebendig gemacht.

Auch im brisanten letzten Beitrag unter dem Titel «SP-Regierungsrat verteidigt Gösgen» steht die Haltung der SP-Exponenten wie auch der SP-Basis im Zentrum. Dabei wird der zusammen mit dem Generationenwechsel erfolgte, spannungsgeladene Bruch in der Haltung zur Atomkraft dokumentiert.

SP-Präsident als Atomfreak

In dem etwa 20-minütigen Videobeitrag kommen der frühere Chefredaktor der Parteizeitung «Solothurner AZ/Das Volk», Kurt Troxler (Olten), und der Schriftsteller und Gesprächspartner von Bundesrat Willi Ritschard, Peter Bichsel, zu Wort. Troxler zeichnet ein Porträt seines Vorgängers Walter Kräuchi (1913-1996), der – als Chefredaktor des «Volks» von 1948 bis 1973 – die Zeitung zusammen mit seiner Frau praktisch allein «gemacht» habe.

Kräuchi, kantonaler SP-Präsident von 1956 bis 1967, lieferte als Kantonsrat 1967 mit einer Interpellation dem Solothurner Regierungsrat die Steilvorlage, um sich energisch für ein Atomkraftwerk auf Solothurner Boden einzusetzen, was dann in Gösgen realisiert wurde.

«Kräuchi war ein fanatischer Befürworter der Atomkraftwerke, die er für einen riesigen Fortschritt für die Menschheit hielt», erinnert sich Troxler. Bis an sein Lebensende habe Kräuchi daran festgehalten und mit seiner Partei gehadert. Bichsel schildert Kräuchi als «richtig guten, tollen, tapferen Sozialdemokraten», der überzeugt war: «Der technische Fortschritt macht den Kuchen grösser, das gibt für die Arbeiter grössere Stücke vom Kuchen.»

Diese Sicht herrschte bis in die 1970er Jahre vor in der SP, doch dann seien die Jungen plötzlich gegen die Atomkraft gewesen, erinnert sich Bichsel: «Da hatten wir echt zu kämpfen in der Partei.»

Willi Ritschard in der Klemme

Für den Bau des AKW Gösgen spielte der populärste SP-Politiker Willi Ritschard eine zentrale Rolle – zuerst als Solothurner Finanzdirektor (1964-1973), dann als Bundesrat (Energieminister von 1974 bis 1980).

«Willi Ritschard war als Atel-Vizepräsident zweifellos für Atomkraftwerke», stellt Kurt Troxler klar.

Vor allem mit der Besetzung des AKW-Geländes in Kaiseraugst geriet Ritschard zwischen die Fronten. Als Bundesrat warf er den Besetzern Rechtsbruch vor. Doch damit sah er sich nun der jungen Generation seiner eigenen Partei gegenüber.

Als Troxler in der «Solothurner AZ» einen atomkritischen Kommentar veröffentlichte, bekam er Ritschards Nervosität und Verletzlichkeit zu spüren: «Willi rief mich morgens um 5.30 Uhr an und schiss mich zusammen: ‹Du hast keine Ahnung, was bei uns oben (im Bundesrat) geht.›» Es habe damals geheissen, so Troxler, dass Bundesrat Kurt Furgler einen Militäreinsatz in Kaiseraugst befürwortete.

Peter Bichsel ergänzt dies aus seiner persönlichen Kenntnis Ritschards: «Er sagte: Wenn die Armee eingesetzt wird in Kaiseraugst, dann trete ich augenblicklich zurück. Das hätte er gemacht.» – Es ist eine besondere Trouvaille der SP-«Momentaufnahme» zum parteiinternen Atomstreit, dass sie diese fundamentale Aussage von SP-Bundesrat Ritschard mit einem von der Zeitschrift «Bilanz» im Januar 1978 veröffentlichten Kurzinterview belegen kann. Der «Bilanz»-Artikel ist auf der Website abgebildet.

Wie «Willi» ein AKW bodigte ...

Wie Peter Bichsel dann dem Gösgen-Förderer Willi Ritschard eine Rolle beim Verhindern von Kaiseraugst zuschreibt, ist eher eine dichterische als eine historische Interpretation: «Im Übrigen war er halt auch ein Solothurner.

Und Solothurner Politiker neigten immer dazu – eigentlich alle –, ja nichts zu entscheiden. Das ist solothurnische Politik. Er war also wirklich mitverantwortlich dafür, dass Kaiseraugst nicht gebaut worden ist.»

1977 kam es dann auch in Däniken zu gefährlichen Konfrontationen von AKW-Gegnern und Polizei. Politischer Chef der Polizei war wieder ein SP-Politiker: Regierungsrat Gottfried Wyss. Als Berichterstatter der «Solothurner AZ» sah Kurt Troxler aus nächster Nähe, wie Polizeidirektor Wyss den Demonstranten aus dem Dienstwagen übers Mikrofon Landfriedensbruch vorwarf.

«Das Auto war von einer dichten Traube von Demonstranten umgeben. Ich habe geschwitzt», gesteht Troxler. Ein aufregender Beitrag zur jüngsten Geschichte des Kantons Solothurn.

www.sp-so.ch/125jahre

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