Im Solothurner Dorf Luterbach riefen die Sozialdemokraten an einem Frühlingsabend zu einer Versammlung. In der vollen Aula der Primarschule sassen eine Nationalrätin, ein Ständerat, eine Regierungsrätin, mehrere Kantonsräte und die Präsidentin der Jungsozialisten. Warum der Aufmarsch? Weil Luterbach das Dorf von Willi Ritschard ist, dem beliebtesten Bundesrat, den die SP und vielleicht die Schweiz je hatten. Ausgerechnet hier war die Ortspartei vorübergehend eingegangen.

Ritschard wäre am Freitag 100 Jahre alt geworden. Dass er zu einer Lichtgestalt wurde, hat mit den dramatischen Ereignissen zu tun, die sich am 16. Oktober 1983 auf dem Grenchenberg ereigneten. Willi Ritschard und seine Frau Margaretha machten an diesem Sonntag mit Freunden eine Wanderung. Ritschard konnte sich darauf freuen, kürzerzutreten. Seinen Rücktritt aus dem Bundesrat auf Ende Jahr hatte der 65-jährige bereits angekündigt. Es sollte nicht so weit kommen. Um 10 Uhr sackte er in sich zusammen. Das Herz. Weder die Reanimation durch seine Begleiter, noch der Rettungshelikopter konnten etwas ausrichten. Die Fahnen am Bundeshaus wehten auf halbmast. Später nahmen 10 000 Menschen in Solothurn von ihm Abschied. Durch den Tod im Amt wurde aus einem beliebten Bundesrat eine Legende.

SP wollte ihn nicht im Bundesrat

So gern sich die Sozialdemokraten heute mit dem Namen Willi Ritschard schmücken, so wenig wollten sie ihn ursprünglich als Bundesrat. Als Ritschard am 5. Dezember 1973 im ersten Wahlgang mit 123 Stimmen gewählt wurde, blieb es still in der Ecke der Sozialdemokraten. Einzelne Genossen verliessen aus Protest den Saal. Die bürgerliche Ratsmehrheit hatte den offiziellen Kandidaten und damaligen SP-Präsidenten Arthur Schmid aus taktischen Gründen verhindert. Die Genossen schnaubten, und in der Stube eines zweistöckigen Hauses mit Garten in Luterbach klingelte das Telefon. Der damalige Solothurner Regierungsrat Ritschard nahm den Hörer ab und die Wahl an. Ein Polizeiauto brachte ihn nach Bern. Seine Antrittsrede klang, als würde er sich bei seiner Partei entschuldigen. Er hoffe, dass auch die Sozialdemokraten die Wahl als Ehre empfinden könnten. Die Genossen verzogen keine Miene.

Beim Volk kam Ritschard vor allem wegen seiner bodenständigen Rhetorik an. Sprüche wie «Ein runder Tisch bringt nichts, wenn darum nur viereckige Grinde sitzen», trugen dazu bei. Als Finanzminister (1980–1983) kehrte er seine Hosensäcke nach aussen, um zu zeigen, dass die Kasse leer sei. Er liess die Menschen per Brief Sparvorschläge einreichen.

Sämtliche Zitate stammen aus «Das Wort hat Herr Bundesrat Ritschard...», erschienen im Benteli Verlag 1975, und aus dem Folgeband «Das Wort hat wiederum Herr Bundesrat Ritschard, erschienen im Benteli Verlag 1982.

Populär war er aber auch wegen seinem Büezer-Image. Ritschard gilt als erster und einziger Arbeiter im Bundeshaus. Tatsächlich gab es vorher und nachher nie einen Magistrat, der als höchsten offiziellen Abschluss eine Berufsausbildung vorweisen konnte. Ritschard schloss 1936 eine Lehre als Heizungsmonteur ab. Doch wegen der Wirtschaftskrise gab es kaum Heizungen zu installieren.

Er wurde Gewerkschaftsfunktionär und bildete sich in der Arbeiterschule von Max Weber und Walter Ingold weiter. Eher Gewerkschafter als Arbeiter, war er Kind einer Arbeiterbewegung, die damals aus einer eigenen Lebenswelt bestand: Arbeiterschule, Arbeitermusik, Arbeiterzeitung. Als er Bundesrat wurde, war diese Lebenswelt bedroht. Gewerkschaften kämpften um Mitglieder, und die 68er-Bewegung rebellierte gegen alle Biederkeit. Zum Konflikt zwischen dem im Jahr des Landesstreiks geborenen Ritschard und der neuen Linken kam es bei der Besetzung der Baustelle des AKWs Kaiseraugst. Energieminister Ritschard (1974—1979) war für, seine Partei gegen Atomstrom. Auch dank Ritschards Zurückhaltung zogen die Besetzer friedlich wieder ab.

Der erste Medien-Bundesrat

Ritschard sucht die Nähe zum Volk direkt und via Medien. Der Hüne genoss das Bad in der Menge. Und Ritschard posierte für die Fotografen. Ritschard mit den Kindern, Ritschard in der Badehose, Ritschard beim Gärtnern. So wie Ritschard hatte sich vorher noch kein Bundesrat in den Medien inszeniert.

Speziell war auch seine Partnerschaft mit Peter Bichsel. Er liess sich vom Schriftsteller beraten. Der vielfach portierten Geschichte, wonach Bichsel ihm die Reden schrieb, widerspricht Tochter Margaretha Ueker-Ritschard. Er habe sich vom Autor zwar inspirieren lassen, seine Worte aber selber formuliert. Bichsel spricht nicht gern über seinen berühmten Weggefährten. «Ich kannte einen anderen Ritschard als den, den die Menschen lieben», sagt er am Telefon. Bei Bichsel zeigte sich Ritschard in sich gekehrt und traurig. Der Spagat zwischen Bundesrat und Partei nagte an ihm. «Er wollte es allen recht machen», sagt Ritschards Tochter.

In der heutigen Verehrung Ritschards durch die Sozialdemokraten – nicht nur in Luterbach – schwingt der Schmerz über den Verlust der Arbeiter mit. Der nächste Büezer im Bundesrat war nicht mehr Heizungsmonteur, sondern Handelsschüler. Und er war in der SVP.