Kanton Solothurn
Dauerhafte Aufnahme von Flüchtlingen «kommt der Allgemeinheit zugute»

61 besonders verletzliche Flüchtlinge aus Syrien leben im Kanton, ihre Geschichte ist geprägt von Krieg und Angst. Sie werden zwei Jahre lang begleitet und auf ein Leben in Frieden vorbereitet. Lässt sich seit Programmstart 2013 eine Bilanz ziehen?

Christof Ramser
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Anne Birk (links), Leiterin Fachstelle Projekte und Innovationen im Amt für soziale Sicherheit und Anna Sollberger (rechts), Integrationscoach für Flüchtlinge.

Anne Birk (links), Leiterin Fachstelle Projekte und Innovationen im Amt für soziale Sicherheit und Anna Sollberger (rechts), Integrationscoach für Flüchtlinge.

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Sie gehören zu insgesamt 500 Menschen aus der Kriegsregion, die direkt vom UNO-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) ausgewählt und in der Schweiz dauerhaft aufgenommen werden. Die Menschen erhalten spezielle Integrationsmassnahmen und werden eng begleitet. Das zweijährige Programm wird vom Bund mit 24 000 Franken pro Flüchtling finanziert. Dazu kommen Auslagen wie die Sozialhilfe. Nach zwei Jahren werden die Personen den Gemeinden und den regionalen Sozialdiensten zugewiesen. Das Monitoring des Bundes läuft via eine Langzeitauswertung über fünf Jahre weiter.

Am 29. November 2013 landete eine erste Gruppe von 30 Personen in der Schweiz. Anne Birk, Leiterin der Fachstelle Projekte und Innovationen beim kantonalen Amt für soziale Sicherheit und Anna Sollberger, Integrationscoach für die besonders verletzlichen Syrienflüchtlinge, blicken auf intensive Monate zurück.

Die Asylfrage wird in der Öffentlichkeit breit diskutiert. Lassen Sie sich davon im Arbeitsalltag beeinflussen?

Anne Birk: Die politische Diskussion gehört in der Kantonsverwaltung zu unserem Alltag. Wir nehmen diese Fragen durchaus auf.
Anna Sollberger: Ich dagegen beschäftige mich während meiner Arbeit nicht mit der Asylpolitik. Im Privaten werde ich aber oft darauf angesprochen.

Die 61 Personen im Integrationsprogramm werden breit unterstützt und eng gecoacht. Können Sie nach anderthalb Jahren mit 30 Personen eine Bilanz ziehen?

Birk: Das ist sehr schwierig. Der Bund macht ein Monitoring über alle 500 Kontingentsflüchtlinge. Nur aufgrund des Coachings darf man nicht davon ausgehen, dass die Menschen nach zwei Jahren im ersten Arbeitsmarkt integriert und finanziell unabhängig sind. Mit dem Coaching kann die Integration dennoch schneller und gezielter aufgegleist werden. Das vereinfacht die Situation für alle Akteure. Das kommt am Ende nicht nur den Flüchtlingen, sondern auch der Allgemeinheit zugute. Für den Kanton ist es wichtig, dass sämtliche Angebote im Integrationsbereich optimiert werden können. Weil wir so nah an den Leuten sind, entdecken wir schnell, was gut läuft und was nicht. Davon profitieren auch künftige Flüchtlinge.
Sollberger: Es sind besonders verletzbare Menschen, denen die Integrationsmassnahmen zukommen. Diese Personen können sich aber nicht einfach so integrieren, wie wir das manchmal gerne möchten. Durch das Coaching und die Mittel, die gezielt für die Integration gesprochen werden, wird das Programm schliesslich Nutzen bringen. Das wird aber mehrere Jahre dauern. Alleine die Bereitschaft der Menschen, Traumata behandeln zu lassen, ist manchmal erst nach einer gewissen Zeit vorhanden.

Tragen die Personen in diesem Programm Verpflichtungen?

Birk: Sie verpflichten sich und müssen die Motivation aufbringen, am Integrationsprogramm teilzunehmen. Man muss sehen: Es sind Sozialhilfebezüger mit den gleichen Rechten und Pflichten wie andere Sozialhilfebezüger auch. Teilweise müssen wir Grenzen setzen. Da muss man auch mal klarstellen, dass nur günstige Wohnungen erlaubt sind. Dem wird jedoch viel Verständnis entgegengebracht.

Wie erklären sie «gewöhnlichen» Asylsuchenden, dass sie weniger Privilegien haben als die Kontingentsflüchtlinge? Kommt es da zu keinen Reibereien?

Sollberger: Wir kommunizieren offen und verheimlichen nichts. Wenn wir von Beginn an informieren und erklären, weshalb 61 Flüchtlinge intensiv begleitet werden, wird dies akzeptiert. Die anderen Asylsuchenden sagen dann: Schön, dass ihr diese Chance bekommt. Klären wir dagegen nicht auf, führt dies zu Missgunst.

Wie stellen Sie sicher, dass nur jene Personen in das Programm kommen, die die Kriterien bezüglich der Verletzlichkeit erfüllen?

Birk: Die Personen durchlaufen ein strenges Auswahlverfahren, koordiniert vom UNHCR, von der Internationalen Organisation für Migration und vom Staatssekretariat für Migration. Dazu werden die Leute vor Ort befragt.

Ist eine Rückkehr nach Syrien definitiv ausgeschlossen?

Birk: In der Regel schon. Bei einer Rückkehr in das Fluchtland verlieren sie auch die Flüchtlingseigenschaft.

Welche Reaktionen erhalten Sie von den Kontingentsflüchtlingen?

Sollberger: Vielen wird nach der Ankunft in der Schweiz bald bewusst, dass die Realität eine andere ist, als sie sich das vorgestellt haben. Da knallen die Leute auch mal hart auf den Boden. Das ist schmerzhaft. Wir müssen Alternativen aufzeigen, damit sie neue Ziele haben.

Und wie gelingt eine Integration?

Birk: Der Wille muss vorhanden sein. Die Leute müssen sich darauf einlassen wollen. Zudem müssen Ängste abgebaut werden. Ist dies gelungen, können sich die Flüchtlinge ein Netzwerk aufbauen. Wo gibt es Vereine, wo können sie sich melden und Menschen kennenlernen? Das ist enorm wichtig. Wichtig ist auch die Bereitschaft der Gesellschaft, die Leute aufzunehmen. Sei es in der Arbeitswelt, sei es nur, um zusammen einen Kaffee zu trinken und sich mit ihnen zu unterhalten. Dies ist möglich, weil die Flüchtlinge in Sprachkursen Hochdeutsch lernen.

Millionen Syrer sind auf der Flucht, 200 000 sind dem Krieg zum Opfer gefallen. Sind die 61 Personen im Kanton Solothurn da nicht ein Tropfen auf den heissen Stein?

Birk: Das muss man differenzieren. Die 61 Personen sind im so genannten Resettlement-Programm. Wir dürfen nicht vergessen, dass daneben viele andere Menschen aus Syrien als Asylsuchende in die Schweiz kommen. Dazu kommt die schrittweise humanitäre Aufnahme von 3000 weiteren Personen aus der Krisenregion, die der Bundesrat beschlossen hat. Man darf das Resettlement-Programm nicht damit mischen.

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