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Brigitte Kummer hat ein grusliges Hobby – sie ist Fell-Näherin: «Der erste Mensch trug kein Tshirt»

Die Pflegefachfrau ist damit mit dem Fellnähen aufgewachsen: Schon ihre Mutter ist dieser Beschäftigung nachgegangen.

Fränzi Zwahlen-Saner
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Brigitte Kummer

Brigitte Kummer

AZ

Im Hauptberuf ist Brigitte Kummer (51) aus Kriegstetten Pflegefachfrau. Gelernt habe sie eigentlich Kinderkrankenschwester, ihren Wunschberuf, seit sie sieben Jahre alt war. Das erzählt die aufgestellte Frau im Tea Room Hofer in Solothurn. Doch es geht bei diesem Gespräch nicht um ihren Beruf, den sie in einem 40 Prozent-Pensum am Bürgerspital Solothurn ausübt.

Es geht um ihr Hobby, das heute etwas aussergewöhnlich ist: das Fellnähen. Ihre Mutter habe diesem Hobby schon gefrönt, erzählt sie, denn ihr Vater sei immer noch Züchter von Thüringer Kaninchen. So kämen bis heute die Meisten, die sich mit Fellnähen beschäftigen, zu ihrem Hobby: Sie haben eine Nähe zum Kaninchenzüchten.

Zwar habe sie immer gerne jede Art von Handarbeit ausgeübt, erzählt Brigitte Kummer weiter. Das Fellnähen habe sie aber erst zu interessieren begonnen, als ihre Mutter verstorben war. «Beim Aufräumen nach etwas Zeit kam mir ein unfertiger Fell-Teddybär meiner Mutter in die Hände. Das störte mich, und ich begann, bei der Fellnähgruppe Biberist, wo meine Mutter Mitglied war, nachzufragen, wie man das Stück fertignähen konnte. Die Frauen dort, haben mich mit offenen Armen aufgenommen und mir die ersten Handgriffe beigebracht.»

Ein Meisterstück

Inzwischen absolviert Brigitte Kummer selbst die Ausbildung zur Fellnähkurs-Lehrerin und ist gerade an ihrem Meisterstück: einem Kurz-Mantel aus fünf verschiedenen Kaninchenfellen in grau-, weiss- und schwarz-Tönen. «Es ist die Vielfalt, die mich beim Umgang mit dem Fell immer wieder begeistert», sagt sie. «Kein Stück wird wie das andere, auch wenn man mehrmals das gleiche Schnittmuster verwendet.»

Die Fellnäh-Gruppe Biberist hat derzeit zwölf Mitglieder. «Neun davon nähen noch aktiv mit», sagt Kummer und verweist darauf, dass die meisten Fallnäh-Gruppen oder -Clubs heute Nachwuchsschwierigkeiten haben. «Unsere Gruppen sind meist überaltert, was sehr schade ist.»

In der ganzen Schweiz gibt es derzeit noch 69 Fellnähgruppen, ganze fünf noch im Kanton Solothurn und zwar in: Bettlach, Zuchwil, Luterbach, Biberist, Däniken. Erst vor wenigen Tagen fand in Biberist die Schweizerische Delegiertenversammlung der Fellnähgruppen statt.

Kummer: «Man hat sich unter ‹Fellnähen.ch› zu einer Vereinigung zusammengeschlossen, um die Anliegen besser vertreten zu können.» Die Fellnähclubs oder -gruppen sind eine Untergruppe des Vereins Rassekaninchen Schweiz, und werden von diesem auch finanziell unterstützt. Dachorganisation wiederum ist «Kleintiere Schweiz».

Brigitte Kummer selbst ist die Jüngste in ihrem Biberister Club und sie ist wohl auch die Aktivste, denn sie reist gerne an Verbandstreffen in der ganzen Schweiz.

Brigitte Kummer ist sehr kreativ und näht am liebsten Ungewöhnliches. Das kann ein Fellanhänger sein oder ein Schal aus verschiedenen Fellen. «Man näht mit einer gehärteten Stahlnadel; als Faden verwenden wir einen gewachsten Baumwollfaden.»

Die Mutter von zwei erwachsenen Töchtern hat sich auch eine Fellnähmaschine angeschafft. «Die holten wir bei einer achtzigjährigen Fellnäherin aus Süddeutschland. Die Maschine aus den Sechzigerjahren funktioniert einwandfrei», freut sich die Kriegstetterin.

Wo sie zu sehen sind

Kleine Tiere, Kissen, Kleidungsstücke – fast alles stellen die Fellnäherinnen her. Zu kaufen gibt es die Produkte in der Regel an den regionalen Kaninchenausstellungen oder – ganz aktuell – in der kommenden Woche im Gäupark in Egerkingen anlässlich der Osterausstellung. «Es ist wichtig, dass wir uns präsentieren können und vielleicht so neue Mitglieder finden», sagt Brigitte Kummer.

Und was erwidert sie Leuten, die gegen das Felltragen sind? «Alle unsere Produkte sind exakt deklariert. Würden wir diese Kaninchenfelle nicht verarbeiten, würden sie im Müll landen. Das ist doch schade für diesen so wertvollen Rohstoff. Zudem: Der erste Mensch trug ja auch kein T-Shirt.»

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