«Nicht nur der Islam auch das Christentum und Judentum werden von Satirikern angegriffen – aber nur Muslime töten deshalb». So lautet ein Tweet des Oltner EVP-Politikers René Steiner. Was sagen Sie dazu?

Amira Hafner-Al Jabaji: Das ist für mich eine äusserst oberflächliche Betrachtung. Sie ist sehr gefährlich, weil sie zu einer pauschalen Aburteilung von Muslimen verleitet. Von muslimischen Exponenten erwartet man gerade jetzt nach dem Attentat von Paris zu Recht, dass sie sich positiv zum Zusammenleben äussern. Das Gleiche muss auch für Politiker aller Couleur gelten, erst recht, wenn sie sich das Christliche auf die Fahne geschrieben haben.

Sie haben es erwähnt: Mit solchen Aussagen werden alle Muslime unter Generalverdacht gestellt ...

Das ist ja nicht erst seit den Pariser Attentaten so. Spätestens seit den Anschlägen auf das World Trade Center in New York kommen wir nicht mehr aus dieser Spirale heraus. Die zivilgesellschaftlich organisierten Muslime und die Muslime von der Strasse haben sich dabei immer wieder klar gegen Gewalt geäussert. Und auch durch ihr ganz normales Leben gezeigt, wo sie stehen.

Grenzen sich die gemässigten Muslime aber vielleicht nicht doch zu wenig aktiv gegenüber dem gewaltbereiten Islam ab?

Sie müssten früher klarmachen, wofür sie einstehen, und nicht erst dann, wenn wieder ein Anschlag verübt worden ist. Andererseits: Die formal-verbalen Abgrenzungen haben bis jetzt nicht dazu geführt, dass die Muslime in der Bevölkerung eine grössere Glaubwürdigkeit erlangt haben. Wer stets die explizite Abgrenzung erwartet, sagt damit auch, dass er Muslime für grundsätzlich gewaltbereit hält.

Der Solothurner SVP-Nationalrat Walter Wobmann würde am liebsten einen Aufnahmestopp für Muslime verhängen ...

Einen solchen Aktivismus halte ich für völlig unangebracht. Er nimmt kurzfristig ein gewisses islamfeindliches Potenzial auf, das in der Bevölkerung vorhanden ist. Ich finde es wichtiger, dass man die positiven muslimischen Kräfte stärkt, wie man das in den vergangenen Jahren auch immer wieder betont hat. In der Schweiz lebt eine halbe Million Muslime und das zum Teil schon seit Jahrzehnten. Und das Zusammenleben funktioniert gut bis sehr gut.

Dennoch erhält die islamkritische Pegida-Bewegung auch in der Schweiz einen gewissen Zuspruch. Wie soll man dem Trend begegnen?

Die Pegida-Bewegung steht nicht unmittelbar in Zusammenhang mit den Pariser Attentaten. In Deutschland sorgt diese seit Wochen für Schlagzeilen. Der Zusammenfall mit den jüngsten Ereignissen führt zu einer gewissen Dynamik. Andererseits entwickelt sich jetzt gerade in Deutschland ein enormer Widerstand gegen diese Bewegung. Die grosse Mehrheit kann sehr wohl differenzieren und hat verstanden, dass die Attentate nicht für eine billige Hetzkampagne missbraucht werden dürfen. All diese Menschen haben genug von Pauschalisierungen und wollen jene Kräfte stärken, die sich um ein gutes Zusammenleben bemühen.

Was sagen Sie persönlich als Muslimin zu den satirischen Darstellungen von «Charlie Hebdo»?

Einige der satirischen Darstellungen habe ich verletzend und geschmacklos empfunden. Und zwar nicht nur, wenn diese den Islam betreffen, sondern auch, wenn sie sich über das Christentum lustig machen. Ich kann hier oft auch nicht den satirischen Wert erkennen. Satire will die Grossen und Mächtigen treffen. In einer Gesellschaft, wo Religion schon lange nicht mehr diesen Machtanspruch hat, zielt man auf etwas Falsches. Ich anerkenne aber, dass in Europa eine andere Tradition im Umgang mit Religion herrscht. Satire, die auf religiöse Gefühle zielt, soll möglich sein. Man sollte sich aber gerade als Journalist oder Journalistin überlegen, ob man von dieser Möglichkeit Gebrauch machen will. Anders als Künstler haben Journalisten die Aufgabe, fair und ausgewogen zu berichten.

Wie denkt die muslimische Welt über Satire?

Die grosse Mehrheit der Muslime unterstützt diese Form von Satire nicht. Das zeigen Kommentare in den arabischen Medien und Äusserungen von Muslimen. Sie alle halten aber auch ganz klar fest, dass selbst verletzende satirische Darstellungen nie und nimmer als Rechtfertigung dienen dürfen, um zu töten.

Wie verbreitet ist der radikalisierte Islam in der Schweiz und im Kanton Solothurn?

Gemäss dem Sicherheitsbericht des Schweizerischen Nachrichtendienstes gehören ein bis maximal zwei Prozent zur Gruppe der radikalisierten Muslime. Das ist eine überschaubare Zahl an Personen, die man aber gut im Auge behalten muss. Zentral erscheint mir zudem, dass man das Potenzial an Menschen, die sich radikalisieren könnten, möglichst klein hält. Das macht man aber nicht vornehmlich mit repressiven, sondern mit präventiven Massnahmen. Und hier hat die Schweiz einen grossen Vorteil gegenüber Frankreich.

Inwiefern ist die Schweiz gegenüber Frankreich im Vorteil?

Die zu beobachtende Radikalisierung ist weniger religiös zu verstehen, sondern steht vielmehr in einem politischen Kontext. Im Nahostkonflikt, der viel zur politischen Radikalisierung beiträgt, betreibt die Schweiz im Unterschied zu vielen anderen Ländern eine neutrale, besonnene und konstruktive Politik. Weiter unterscheidet sich die Schweiz gegenüber Frankreich gerade auch auf sozialpolitischem Gebiet. Aufgrund der hohen Durchlässigkeit im Schulsystem und auch in der Berufsbildung haben junge Leute bei uns ganz andere Perspektiven. Anders als in Frankreich gibt es in der Schweiz keine Massen ausgegrenzter, arbeitsloser junger Menschen.

Kennen die muslimischen Gemeinschaften im Kanton Solothurn die zu einer Radikalisierung neigenden Personen?

Sehr oft nicht. Die meisten Muslime gerade im Kanton Solothurn gehören albanischen oder türkischen Gemeinschaften an. Diese haben aber oft ein distanziertes oder differenziertes Verhältnis zu Religion und Politik und auch zur Verknüpfung von beidem. Wichtig ist, dass vor allem der Nachrichtendienst Kenntnis davon hat, in welchen Gruppen eine Tendenz zur Radikalisierung besteht. Fundamentalistische Tendenzen sind vor allem im anonymen Netz zu beobachten und weniger in den Gemeinschaften, wo die soziale Kontrolle hoch ist. In den Gemeinschaften besteht eine erhöhte Alarmbereitschaft, was Personen betrifft, die zu einer radikalen Einstellung neigen. Sie wissen nämlich sehr genau, dass durch radikalisiertes Gedankengut die ganze Gemeinschaft in Verruf kommen kann.

Was müsste aus Ihrer Sicht der Staat, auch die Politik im Kanton Solothurn, unternehmen, um das Verständnis für die gemässigten Muslime zu fördern?

Wir müssen von beiden Seiten die Beziehungen zwischen den muslimischen Organisationen und der Zivilgesellschaft, aber auch zwischen der Politik und den muslimischen Gemeinschaften verstärken. Solche Beziehungen sind bis jetzt nur sehr punktuell vorhanden. Die christlichen Kirchen haben dabei eine wichtige Mittlerfunktion. Auch ihr Wunsch besteht darin, dass Religion als positive Kraft in der Gesellschaft wahrgenommen wird. Und man nicht immer nur dann von ihr spricht, wenn es wieder irgendwo zu einer Verfehlung gekommen ist.

Sie fordern, dass die Imam-Ausbildung auch in der Schweiz angeboten werden soll. Was erhoffen Sie sich?

Vor allem junge Muslime der zweiten oder dritten Generation haben heute in den Moscheen keine kompetenten Ansprechpartner. Die Imame, welche die Gemeinschaft leiten, sind in den allermeisten Fällen nicht in der Schweiz aufgewachsen und haben ihre Ausbildung ausserhalb von Europa absolviert. Dadurch aber kennen sie die Probleme und Fragen der jungen Muslime hier bei uns in der westlichen Welt nicht. Diese sind dann oft allein gelassen und suchen sich ihre Gesprächspartner irgendwo im anonymen Netz, wo sie dann leichter radikalisiert werden. Zudem haben viele dieser Imame grosse Sprachprobleme und können so keinen Dialog mit der umgebenden Gesellschaft führen. Das aber verhindert eine gegenseitige Verständigung.

Wie verarbeitet die muslimische Gemeinschaft im Kanton Solothurn das Pariser Attentat?

Muslime in der Schweiz haben dazu aufgerufen, für die Opfer der Attentate zu beten und auch für den Zusammenhalt der Nationen. Es besteht nämlich eine grosse und auch berechtigte Angst, dass die erfolgten Anschläge negative Konsequenzen für die Muslime haben.