Auf einen Kaffee mit...
Alt Bundesrat Samuel Schmid zehn Jahre nach SVP-Austritt: «Ich hatte selten schlaflose Nächte»

Auf einen Kaffee mit... alt Bundesrat Samuel Schmid. Sein ganzes Leben verbrachte der Seeländer an der Kantonsgrenze zu Solothurn. Jetzt ist es fast genau zehn Jahre her, seit er aus der SVP austrat.

Daniela Deck
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Samuel Schmid beim Kaffee im Solothurner Bucheggberg. Der frühere Bundesrat wohnt nicht weit weg im Berner Seeland.

Samuel Schmid beim Kaffee im Solothurner Bucheggberg. Der frühere Bundesrat wohnt nicht weit weg im Berner Seeland.

Hansjörg Sahli

Er wollte die Einheit und lebt mit der Spaltung.

Samuel Schmid verfügt über eine Trumpfkarte: Er kann loslassen. In den turbulenten Zeiten seines Lebens als «halber SVP-Bundesrat» und ganzer BDP-Bundesrat hat er Kraft aus der Gelassenheit geschöpft. «Vieles kann man nicht mehr richtigstellen», sagt er im Rückblick, fast genau zehn Jahre nach dem bewegenden und turbulenten Moment, als er aus der SVP aus- und in die BDP eintrat. In seinen Worten findet sich keine Spur von Bitterkeit.

Politische Ämter hat Samuel Schmid nicht mehr. Lieber setzt er auf karitative Engagements, wie etwa als Präsident der Winterhilfe Schweiz, zugunsten behinderter Kinder und in der Begleitgruppe zur Renovation der Orgel in der Solothurner Jesuitenkirche.

Ein Bein in jedem Kanton

Sein ganzes Leben hat Samuel Schmid an der Kantonsgrenze Bern-Solothurn verbracht, im 850-Seelen-Dorf Rüti bei Büren, mit je einem Bein in jedem Kanton. Geprägt hat ihn die Offenheit der Bevölkerung im Seeland. In der Stadt Solothurn besuchte er die Kantonsschule, profitierte als Protestant vom Austausch mit den Katholiken.

Er schloss lebenslange Freundschaften, die ihn bis heute prägen: mit Pfarrer Cadotsch, der den reformierten Gymnasiasten «Asyl» gewährte, als sie gerade keinen eigenen Pfarrer hatten; mit Christian Wanner, mit dem er einmal zur Revision des bäuerlichen Bodenrechts politisch die Klinge gekreuzt hatte. In Grenchen half er als «Giel» beim Start der Segelflugzeuge, frequentierte die Badi und die Ausgehszene.

BDP: Andere entscheiden lassen

Samuel Schmids politisches Fundament war die ländlich geprägte SVP des Kantons Bern, «in Solothurn und Bern geistig am nächsten verwandt mit der FDP», wie er sagt. Er wurde Gemeindepräsident, Grossrat (als «Lückenbüsser» überraschend gewählt), National- und Ständerat sowie im Jahr 2000 Bundesrat.

Vor fast genau zehn Jahren wurde aber alles anders: Am Abend des 21. Juni 2008 läutete das Telefon und Bundesrat Schmid erfuhr, dass er fortan BDP-Bundesrat sein würde. Die Ortssektion von Rüti war übergetreten, hatte sich an die Seite der Bündner geschlagen. «Ich habe bewusst nicht an der Versammlung teilgenommen. Meine Kollegen sollten unbelastet entscheiden», blickt er zurück.

Was Aussenstehende als grossen Bruch wahrnehmen, brachte für Samuel Schmid keine Überraschung. Nur die Enttäuschung, dass sein Kampf um die Einheit der Partei endgültig gescheitert war. «Schon bei meiner Wahl hat die Zürcher SVP gezielt auf mich gespielt. Das habe ich ertragen. Schliesslich war ich als Bundesrat der Bundesverfassung und damit der Bevölkerung verpflichtet.» Was nun kam, war das Leiden für seine Familie. Schmid erklärt: «Für mich gab es neben allen Angriffen eine Welle von Ermutigung, von Solidarität. Ich hatte selten schlaflose Nächte. Aber für meine Familie gab es nur eine Realität, diejenige der Medien mit ihrer Hetze.»

Kleinpartei für Konsens

Kraft tankt Samuel Schmid in der Natur. Aus diesem Grund hat er für das Gespräch den Garten des Gasthofs Kreuz in Mühledorf gewählt, mit der Badi daneben. Geblieben ist die BDP, «die Kleinpartei, die sich der konstruktiven Politik verschrieben hat. Davon hat das Volk am meisten», wie Schmid nach einem Schluck Kaffee aus der zweiten Schale sagt. Eine Rückkehr zur SVP hält er für ausgeschlossen: «Ich habe noch keinen BDPler gehört, der den Wunsch geäussert hat.» Die Idee, mit der CVP zusammenzuspannen, sei abseits der Basis aufgegleist worden und «hors-sol» gescheitert.

«Die Leute sehnen sich nach Lösungen. Sie verdienen Lösungen.» Doch das Mass, in dem sich der «Geldadel mit Marketingagenturen im Gefolge» in der Schweizer Politik ausbreite, macht Schmid Sorge. Am schlimmsten findet er «Initiativen, die dazu dienen, mit politischen Leerformeln die Verfassung zu schwächen oder das Völkerrecht auszuhebeln».

Der einstige Sportminister engagiert sich bis heute an dieser Front, wo weltweit grosse Geldströme fliessen und die Fairness gelegentlich unter die Räder gerät. Sein Sitz in der Ethikkommission des Internationalen olympischen Komitees sei ein Erbe von Kurt Furgler. In den letzten zwei Jahren präsidierte Samuel Schmid die eine der beiden Kommissionen, die Licht ins Dunkel der russischen Dopingaffäre brachten. «Als Anwalt hatte ich es früher schliesslich auch mit Straffällen zu tun», kommentiert er nüchtern die unerfreuliche Arbeit, deren Ergebnisse letzten Dezember vorgestellt wurden.

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