Forst
Als Pensionierter will der Kantonsoberförster wieder mehr Zeit im Wald verbringen

Jürg Froelicher war 24 Jahre Solothurns Kantonsoberförster. Er freut sich, dass der Wald heute nachhaltig bewirtschaftet wird. Zu Sorgen Anlass geben jedoch Krankheiten und Schädlinge.

Daniela Deck
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Nach 24 Jahren als Kantonsoberförster tritt Jürg Froelicher ab. Sorgen bereitet ihm das Verschwinden der Insekten. Er fürchtet markante Auswirkungen.

Nach 24 Jahren als Kantonsoberförster tritt Jürg Froelicher ab. Sorgen bereitet ihm das Verschwinden der Insekten. Er fürchtet markante Auswirkungen.

Hanspeter Bärtschi

Das wichtigste Hilfsmittel bei seiner Arbeit waren nicht die Gummistiefel, sondern der Computer. «Als Kantonsoberförster kam ich beruflich kaum noch in den Wald. Ausnahmen waren Augenscheine bei Streitfällen und die Beratung zu konkreten Projekten», sagt Jürg Froelicher im historischen Gebäude an der Barfüssergasse in der Stadt Solothurn, in dem sein Amt untergebracht ist. In knapp zwei Wochen hat Froelicher seinen letzten Arbeitstag.

Er blickt zurück auf 33 Jahre als Forstingenieur beim Kanton, davon 24 Jahre als Kantonsoberförster und seit zwölf Jahren als Vorsteher des Amtes für Wald, Jagd und Fischerei. Im Wald hat sich in dieser Zeit viel verändert. Der Luchs ist zurückgekehrt und der Biber. Die Kettensäge hat durch den riesigen Vollernter Unterstützung bekommen. Die Förderung der Artenvielfalt ergänzt den Verkauf von Holz als zentrale Aufgaben der Forstwirtschaft. Ausserdem finden hier immer mehr Freizeitaktivitäten statt.

Freizeitgesellschaft und Wildtiere

Als Chef des 18-köpfigen Teams war Froelicher das Bindeglied zwischen der Politik und den praktischen Massnahmen. Er beriet die Waldeigentümer und Förster: «Als ich zum Kanton kam, gab es noch 60 Förster und Bannwarte. Heute werden die Wälder des Kantons noch von 20 Revierförstern betreut. Obschon das Holz immer noch die wichtigste Einnahmequelle der Forstbetriebe ist, haben andere Leistungen an Bedeutung gewonnen. Dazu gehören die Förderung der Biodiversität und der Schutz vor Naturgefahren; im Kanton Solothurn sind das besonders Steinschlag und Rutschungen.»

Vier Fünftel des Waldes sind im Besitz der öffentlichen Hand, von Bürger- und Einheitsgemeinden. Die Mechanisierung und die sinkenden Einnahmen aus dem Holzverkauf haben für eine Flurbereinigung bei den Forstbetrieben gesorgt. Diese sind heute grösser und werden professioneller geführt als früher.

Zum Studium der Forstwirtschaft an der ETH ist Jürg Froelicher gekommen, weil er seine Interessen Umwelt und Wirtschaft unter einen Hut bringen wollte. Besonders wichtig ist ihm das Anliegen der Nachhaltigkeit. Deshalb freut es ihn, dass der Schutz des Waldes, der dortigen Pflanzen und Tiere, zunehmend einen hohen Stellenwert bekommt. Froelicher ist überzeugt: «So wie der Wald bei uns bewirtschaftet wird, ist er das beste Beispiel für nachhaltiges Denken und Handeln.»

In diesem Zusammenhang spielt die Freizeitgesellschaft eine wichtige Rolle. «Störungen der Wildtiere und der Druck auf den Lebensraum Wald nehmen laufend zu», weiss der Kantonsoberförster aus Erfahrung. Deshalb setzt er auf die Sensibilisierung der Öffentlichkeit. Den Schlüssel dafür sieht er in der Zusammenarbeit mit den Schulen. «Die Kinder lassen sich begeistern. Sie bringen das Gelernte und die Erlebnisse, die sie im Wald machen, mit nach Hause.»

Sorge um die Insekten

Zu den eindrücklichsten Erlebnissen seiner Laufbahn zählt Jürg Froelicher den Orkan Lothar 1999. Der Sturm prägt das Gesicht der Wälder bis heute und zog jahrelange Aufräumarbeiten nach sich.

Am 26. Dezember 1999 zog Orkantief Lothar über West- und Mitteleuropa hinweg.
13 Bilder
Der Orkan richtete vor allem in Nordfrankreich, der Schweiz, Süddeutschland und Österreich die höchsten Sturmschäden der jüngeren europäischen Geschichte an.
Aus Westen kommend traf der Sturm vormittags auf den Schwarzwald, die Schweiz und Liechtenstein in seiner ganzen Länge.
Der Sturm zog in etwa zweieinhalb Stunden von 10:00 Uhr bis 12:30 Uhr über die Schweiz hinweg.
In der Schweiz wurden die höchsten Windgeschwindigkeiten auf dem Jungfraujoch mit 249 km/h, auf dem Zürcher Hausberg Uetliberg mit 241 km/h gemessen.
Im Flachland betrugen die Böenspitzen in der Schweiz verbreitet 140 km/h (im Zürcher Oberland bis zu 160 km/h), selbst in Tallagen.
In der Schweiz starben wegen des Sturms 14 Menschen.
Auch Wochen nach dem Sturm kamen während der Aufräumarbeiten noch Menschen zu Tode, und zwar überwiegend im Privatwald, wo wenig geschulte Waldbesitzer und ihre Angehörigen bei den Holzbergungsarbeiten meist von unter Spannung stehenden Baumstämmen erschlagen wurden.
In der Schweiz starben allein durch solche Unfälle 15 Menschen.
Der Sturm hat einen geschätzten Versicherungsschaden (Swiss Re) von über 6 Milliarden US-Dollar verursacht.

Am 26. Dezember 1999 zog Orkantief Lothar über West- und Mitteleuropa hinweg.

Keystone

Gern erinnert sich Froelicher an den Tag, an dem er bei einem Wochenendspaziergang mit seiner Frau und den beiden Hunden in Lommiswil ein Reh fand, das ein Luchs gerissen hatte. Der Zufallsfund führte dazu, dass das Luchsweibchen Loma mit einem Sender ausgestattet werden konnte.

Sorgen machen dem abtretenden Waldhüter Krankheiten und Schädlinge, die im Zug der Klimaerwärmung zunehmen dürften. So rechnet er damit, dass der Pilz, der die Eschentriebe befällt, 95 Prozent der Eschen zum Verschwinden bringen wird.

Ein Pilzbefall führt zum Eschensterben Philipp Schoch, Präsident des Verbands Wald beider Basel zeigt den Pilzbefall, der zum Eschensterben im Liestaler Wald und der ganzen Region führt.

Ein Pilzbefall führt zum Eschensterben Philipp Schoch, Präsident des Verbands Wald beider Basel zeigt den Pilzbefall, der zum Eschensterben im Liestaler Wald und der ganzen Region führt.

Yannette Meshesha

Noch nicht abschätzen kann er die Gefahr durch die Schweinepest, die gegenwärtig in Osteuropa ausgebrochen ist. Der Rückgang der Insekten um 75 Prozent hingegen, wird nach Froelichers Einschätzung markante Auswirkungen haben, besonders für die Fische und Vögel. «Noch wissen wir nicht, was die Insekten zum Verschwinden bringt. Aber dass es so ist, kann jeder Autofahrer feststellen. Er muss im Sommer kaum mehr Insekten von der Frontscheibe putzen.»

Befürchtungen sind das eine. Jürg Froelicher blickt der Ära nach ihm auch mit Zuversicht entgegen. Er hofft, dass dank dem Projekt Fagus Suisse im Jura das Buchenholz, mit 50 Prozent die wichtigste Baumart im Kanton, künftig vermehrt innerhalb der Schweiz verarbeitet werden kann. Was vom Buchenholz derzeit nicht zu Holzschnitzeln verarbeitet wird, werde noch grossmehrheitlich exportiert, erklärt er. Grosse Pläne hat Jürg Froelicher für seinen neuen Lebensabschnitt noch nicht gemacht. Eines ist klar: Nach der Pensionierung will er wieder mehr Zeit im Wald verbringen.

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