Kanton Solothurn
20 Jahre lang hat Ludwig Dünbier die Geschicke des öV's mitbestimmt – nun geht er in Pension

In der Freizeit steuert Ludwig Dünbier Trams, beruflich hat er die letzten 20 Jahre den öffentlichen Verkehr im Kanton geprägt. Von der Politik hätte er, der nun pensioniert wird, gerne mehr Einsatz für Bus und Bahn.

Lucien Fluri
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Ob das Bipperlisi oder das Postauto auf den Balmberg: 20 Jahre lang hat Ludwig Dünbier Fahrpläne und Linienverlauf des öV im Kanton Solothurn geprägt.

Ob das Bipperlisi oder das Postauto auf den Balmberg: 20 Jahre lang hat Ludwig Dünbier Fahrpläne und Linienverlauf des öV im Kanton Solothurn geprägt.

Lucien Fluri

In einer Geschichte des Schriftstellers Peter Bichsel gibt es einen Mann, der alle Fahrpläne auswendig kennt. «Ganz alle kenne ich dann doch nicht», wendet Ludwig Dünbier sogleich ein. Aber es waren fast alle im Kanton Solothurn. 20 Jahre lang hat Dünbier die Geschicke des öffentlichen Verkehrs zwischen Schönenwerd und Grenchen, zwischen Schnottwil und Breitenbach geprägt. Er hat mitbestimmt, wann und wo Züge, Busse oder Postautos durchfahren. Er hat mitgeplant, wo es künftig neue Angebote oder wo es Taktverdichtungen benötigt. Jetzt, nach 20 Jahren, geht der Abteilungsleiter öffentlicher Verkehr in Pension.

«Wir haben relativ viel bewegt», blickt er auf die vergangenen Jahre zurück. Der öffentliche Verkehr fährt heute häufiger in den ländlichen Raum, dank der Schülertransporte sind auch schwache Linien ausgelastet, in der Agglomeration gibt es teils gar den 7,5-Minuten-Takt. Trotzdem sagt Dünbier: Mittelfristig müsse der Kanton mehr Geld in den öffentlichen Verkehr investieren, wenn er ihm mehr Stellenwert geben wolle. «Es braucht noch sehr viel, wenn man die Klimaziele ernst nimmt.»

Doch die Mittel sind seit 2014 plafoniert. «Vieles haben wir deshalb nicht tun können.» Parkraumbewirtschaftungen in den Städten und den Halbstundentakt der Verkehrslinien sieht Dünbier als Muss an, damit mehr Menschen auf den öffentlichen Verkehr umsteigen als nur diejenigen, die nicht anders können. «Erfolg hat der öV nur, wenn man das Potenzial der Benutzer vergrössert.» Zu bequem sei es, den Schlüssel im Auto zu drehen.

Ein Nebenjob als Tramchauffeur

Vor 20 Jahren begann Dünbier beim Kanton, zu zweit waren sie damals, heute sind es sechs Leute. Geografen, Ingenieure, Juristen sind in der Verkehrsplanung tätig. «Wir geben nur das Zeitfenster vor», sagt Dünbier. Die letzten Details, die genauen Abfahrtszeiten, was an der Haltestelle hängt, dies ist Sache der Transportunternehmen.

Noch hängen im fast leergeräumten Büro die Linienpläne von öV-Strecken. Knochenarbeit sei vor allem die Bahn 2000 gewesen, als von Grenchen bis in die Wöschnau alle Anschlüsse neu geplant werden mussten, blickt er zurück. «2005 ging dies auf einen Knopfdruck hin in Betrieb.» Alles klappte. «Gesunder Menschenverstand ist in diesem Beruf manchmal fast wichtiger als das Fachliche», sagt Dünbier, der Betriebswirtschaft studiert hatte und sich bereits damals auf Verkehr spezialisierte.

Jetzt, zum Schluss, ist ein weiteres grosses Projekt auf den Weg gebracht: Die Ausbauschritte 2035 sind aufgegleist. Beim Bund habe der Kanton fast alle seine Anliegen einbringen können. «Es geht in die richtige Richtung», sagt Dünbier. Dazu gehören insbesondere vier Schnellzüge am Jurasüdfuss, die neuen Bahnhaltestellen Dornach Apfelsee und Oensingen Dorf sowie Taktverdichtungen auf den Bahnlinien in den Agglomerationen.

Ludwig Dünbier ist nicht nur Theoretiker. Zwei bis vier Mal pro Monat sitzt er selbst im Führerstand und lenkt ein Tram durch Freiburg im Breisgau, seine alte - und nach seiner Pensionierung auch: künftige - Heimat. «Was man am Schreibtisch plant, erlebe ich dort selbst», sagt der 65-Jährige, der selbst kein Auto besitzt. Dünbier ist passionierter Bahnfahrer. «Der Speisewagen ist das schönste Verkehrsmittel», sagt er. Seine Ferienreisen haben ihn schon von Solothurn nach Wladiwostok geführt. Im Kanton Solothurn gefallen ihm das Bipperlisi, die Strecke der – geretteten – Moutierbahn oder die Tramlinie 10, die von Basel nach Rodersdorf führt – durch Frankreich. So oder so gibt es, ausser der Oensingen-Balsthal-Bahn, keine Zuglinie im Kanton, die nicht auch über das Gebiet eines anderen Kanton fährt. Umso wichtiger sei die gemeinsame Planung mit dem Bund und anderen Kantonen gewesen, blickt er zurück.

Kämpfen mit Widerständen

Er habe nie daran gedacht, frühzeitig aufzuhören, sagt Dünbier. Auch wenn es manchmal gegen Widerstände zu kämpfen gilt. «Die Kommunikation ist wichtiger geworden», man müsse den Gesamtblick erklären können, sagt Dünbier mit Blick auf den Widerstand, den Veränderungen in den Fahrplänen auslösen. Zuletzt in Oensingen. Befürchtet wird dort ein Abbau. Das Gegenteil sei der Fall, erklärt Dünbier. Zwar werde in Oensingen ein Intercity-Halt gestrichen. Tatsächlich, werde aber insgesamt das Angebot ausgebaut: «Es gibt neu zwei Züge pro Stunde, die von Oensingen direkt nach Zürich fahren.» Und auch im Unterleberberg, wo das Postauto vom Balmberg dereinst nur noch bis zum Bipperlisi-Anschluss in Riedholz fahren soll, sei dies mit einem Ausbau des Taktes – auf den Balmberg, im Unterleberberg, auf der Linie Solothurn-Niederbipp - verbunden, erklärt Dünbier. Zudem soll ein Umsteigebahnhof gebaut werden. Doch die Gesamtsicht zu erklären, sei nicht immer ganz einfach. Er habe festgestellt, dass die persönliche Betroffenheit stärker gewichtet werde. Medien und Betroffene würden öfter nur einzelne Punkte herausgreifen. Doch allzu stark verärgert hat ihn dies nicht. «Sonst hätte ich früher aufgehört», lacht er.

Noch ein Foto? «In einer Minute kommt das Bipperlisi», sagt Dünbier in seinem Büro im «Rötihof», nur wenige Meter von der Zughaltestelle entfernt. Er rennt, es reicht gerade noch. Der Zug ist pünktlich, wie fast immer. Ein bisschen mitschuldig daran ist auch Ludwig Dünbier.