Auf dem 300-jährigen Bauernhof «Eyhof» der Familie Kunz in Burgdorf tut sich Einzigartiges. Dort, wo bis 2014 noch 30 Mutterschweine lebten, schwimmen heute Zehntausende Shrimps in umfunktionierten Gartenpools.

Der innovativen Familie ist es als Erste schweizweit gelungen, in einem umgebauten Schweinestall eine funktionierende Indoor-Shrimpzucht aufzubauen. Seit einem Jahr werden die fangfrischen Garnelen verkauft. Damit sind die Burgdorfer dem Projekt der in Solothurn gegründeten Swiss Shrimp AG zeitlich voraus. Diese plant für 2017 den Spatenstich ihrer industriellen Produktionsanlage auf dem Areal der Salinen in Rheinfelden.

Statt Schweine tummeln nun Garnelen im Stall

Irene Kunz tippt den Geheimcode auf der Tastatur ein, um die elektronisch gesicherte Türe zum ehemaligen Schweinestall zu öffnen. «Wir haben mit viel Eigenleistung den Stall gegen Lärm, Licht und Wärme isoliert, die Elektronik eingebaut und mehrere handelsübliche Aussenpools für unsere Zwecke umgebaut und montiert», sagt die vife, ausgebildete Hauswirtschaftslehrerin. Zusammen mit ihrem Ehemann Fritz und den beiden Söhnen Jürg und Christian ist sie daran, mit der Zucht von Shrimps einen Nebenerwerb aufzubauen.

Diese Garnele wird bald als fangfrische Delikatesse im Teller landen.

Diese Garnele wird bald als fangfrische Delikatesse im Teller landen.

«Die Shrimp-Larven lassen wir aus Florida einfliegen.» Eine eigene Zucht wäre zu kostspielig, und sie ist sehr anspruchsvoll. Die Kleinstlebewesen werden in Aufzuchtbecken grossgezogen, bis diese in den erwähnten Pools im 28-gradigen Salzwasser auswachsen. Nach rund fünf bis sechs Monaten ist es so weit: Die Garnelen haben sich von 0,3 Zentimeter Länge in eine Delikatesse von über 25 Gramm entwickelt.

Wasser, Strom und Wärme aus eigenen Quellen

«Wir legen sehr viel Wert auf eine nachhaltige Produktion», sagt Irene Kunz auf dem Rundgang. Es kämen weder Antibiotika noch Chemikalien zum Einsatz. Das mit Pumpen in Bewegung gehaltene Wasser – zur Anreicherung mit Sauerstoff – sieht für den Laien nicht sehr appetitlich aus. Es gleicht eher einer braunen Brühe. Das hänge mit dem Biofloc-System zusammen, erläutert die Unternehmerin. Dem Wasser wird das Futter beigefügt, und es wird auch gleichzeitig mit Bakterienstämmen angereichert. Diese essen die Exkremente der Shrimps und deren Schalen – die Tiere häuten sich alle zwei Tage. Die Garnelen ernähren sich vom Futter und auch den Bakterien. Irene Kunz spricht von einem geschlossenen Kreislauf. «Das Wasser müssen wir nie auswechseln.» Zusammengefasst gesagt brauche dieses Verfahren wenig Strom, wenig Wasser und wenig Salz, weil die Wärme in den Becken erhalten bleibt.

Darüber hinaus stammt das Wasser aus einer eigenen Quelle und die Energie für die Wassererwärmung erfolgt über eine Solaranlage und im Winter über eine Schnitzelfeuerung mit Holz aus dem eigenen Wald. Die Tötung der Tiere passiert innert weniger Sekunden im Eiswasser. Eigentlich könnten wir die Shrimps unter dem Bio-Label verkaufen.» Das gehe rechtlich nicht, weil dazu der ganze Bauernbetrieb Bio-zertifiziert sein müsste. Die übrigen Bereiche auf dem Eyhof – wie Ackerbau, Obst- und Beerenbau – werden aber nach Vorgaben der Integrierten Produktion (IP) betrieben.

Schweizer Shrimps erobern Sterne-Köche

Schweizer Shrimps erobern Sterne-Köche (2.9.2015)

Woran denken Sie beim Begriff "Swiss Made"? Sicherlich nicht an Shrimps. Und doch gibt es nun die ersten Crevetten aus der Schweiz. 

Idee in den USA gefunden, umgesetzt in Burgdorf

Dass das System funktioniere, belege die Überlebensrate der Garnelen. «Die liegt bei hohen 55 bis 60 Prozent.» Auch Irene Kunz weiss, dass Aquakulturen eigentlich nur in Industrie- und Gewerbezonen zugelassen sind. Allerdings sei laut Bundes- und Kantonsbehörden die Regelung in diesem Fall noch unklar. Denn bei den Garnelen handle es sich um wirbellose Tiere, und die gehörten deshalb nicht unter die Fischzucht. Ihnen sei signalisiert worden, dass eine solche Umnutzung möglich sei.

Die Idee mit der Zucht von Garnelen geisterte schon lange in den Köpfen der Familie Kunz herum. «Wir wollten einen Nebenerwerb aufbauen mit einem Nahrungsmittel, welches in der Schweiz nicht produziert, aber konsumiert wird», erinnert sie sich. Auf einer Reise in den USA sei man in Kalifornien auf einen ähnlich gelagerten traditionellen Bauernbetrieb mit Schweinemast, Mais- und Getreideproduktion gestossen, der seit einigen Jahren auch erfolgreich eine Indoor-Shrimpzucht betreibt. Das war 2013. «Wir wussten, das wollen wir auch versuchen.» Mit dem US-Betrieb wurde ein exklusiver Know-how-Vertrag abgeschlossen, Sohn Christian verbrachte einige Zeit auf dem Hof in den USA und kehrte mit viel Wissen für die Shrimp-Produktion auf den Eyhof in Burgdorf zurück. Im Frühling 2015 wurde das Projekt nach langer Vorarbeit gestartet, ein halbes Jahr später hat die Familie die ersten Shrimps genossen.

Für die Familie Kunz ist klar: Die Garnelenzucht bleibt ein Nebenerwerb. «Unser Ziel ist es, jährlich rund zwei Tonnen Shrimps zu produzieren.» Zum Vergleich: Schweizweit werden rund 9000 Tonnen tiefgefroren importiert und konsumiert. Die Vermarktung in Eigenregie sei auf die nähere Region ausgerichtet. Der Verkaufspreis liegt bei 10 Franken pro 100 Gramm «Aemmeshrimp». Zielgruppen seien die gehobene Gastronomie sowie Privatkunden, so Irene Kunz. Das sei Teil der Philosophie. «Unsere Shrimps werden nie in einem Grossverteiler im Regal stehen.» Nach dem ersten Jahr habe sich die Umstellung finanziell noch nicht gelohnt. Mittelfristig ist die Familie aber überzeugt, dass die Garnelenzucht die Schweinemast werde ersetzen können.

Das Konzept wird auf weitere Bauernbetriebe ausgeweitet

Der Eyhof spielt eine Vorreiterrolle. Nun soll das Konzept weiter verbreitet werden. «Es gibt so viele leerstehende Gebäude auf Bauernbetrieben, die sich neu nutzen liessen», so Irene Kunz. Dazu hat die Familie bereits 2014 die Aquafuture Switzerland GmbH als Start-up gegründet. Ziel ist es, das Konzept in Lizenz an andere Bauernbetriebe für den Aufbau eines Nebenerwerbes verkaufen zu können. Diese beinhalte die Hilfe mit Know-how bei Planung und Aufbau und später auch bei der Produktion. «Die ersten Lizenzen wollen wir bis im Herbst 2017 vergeben haben.»