«Häftli» bei Büren
Während des Zweiten Weltkriegs lag grösstes Schweizer «Concentrationslager» auf dem Aare-Inseli

Auf dem Aare-Inseli «Häftli» bei Büren befindet sich heute ein Naturschutzgebiet. Nur ein Gedenkstein und ein altes Waschhaus zeugen davon, dass hier einmal das grösste «Concentrationslager» der Schweiz während des Zweiten Weltkriegs stand.

Patric Schild
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Auf dem Aare-Inseli «Häftli» bei Büren befindet sich heute ein Naturschutzgebiet. Nur ein Gedenkstein und ein altes Waschhaus zeugen davon, dass hier einmal das grösste «Concentrationslager» der Schweiz während des Zweiten Weltkriegs stand.

Auf dem Aare-Inseli «Häftli» bei Büren befindet sich heute ein Naturschutzgebiet. Nur ein Gedenkstein und ein altes Waschhaus zeugen davon, dass hier einmal das grösste «Concentrationslager» der Schweiz während des Zweiten Weltkriegs stand.

sl

Giorgo Loderer und Nadine Hunziker wandelten auf den Spuren des ehemaligen «Polenlagers» und referierten im Kultur-Historischen Museum Grenchen über dessen Werdegang. Ihre Erkenntnisse stützen sich dabei hauptsächlich auf das Werk des Historikers Jürg Stadelmann. Untermauert wurde die Präsentation mit Videos von Zeitzeugen und Auszügen aus dem Tagebuch des dort stationierten Oberstleutnants Eduard Lombard.

Zunächst willkommen

Am 20. Juni 1940 überquerten rund 43'000 Soldaten des 45. Französischen Armeekorps bei Goumois JU den Doubs, um in der Schweiz Asyl zu beantragen und so den Fängen der deutschen Wehrmacht zu entgehen. Loderer: «Aneinandergereiht ergibt so ein Armeekorps eine Länge von 30 Kilometern, was der Strecke Büren–Bern entspricht.» Gemäss damals geltender Haager Konvention waren Länder, welche nicht Krieg führten, berechtigt, fremde Truppen aufzunehmen und zu internieren, um sie zu «neutralisieren» und so von weiteren Einsätzen fernzuhalten. Die zu internierenden Soldaten sind von der Schweizer Bevölkerung wie Helden und mit Rufen wie «Vivent les Français – à bas les Boches!» empfangen worden. Nebst französischen Soldaten waren unter anderem auch rund 12'500 Soldaten der 2. Polnischen Schützendivision mit dabei.

Da die Schweizer Männer aufgrund der Mobilmachung nicht zu Hause waren, haben die Polen zunächst unverzichtbare Arbeiten auf den Bauernhöfen verrichtet. Einige übernahmen für die Kinder gar eine Art Ersatzvaterfunktion. Als nach der Aufteilung Polens zwischen Nazi-Deutschland und der Sowjetunion allerdings klar wurde, dass die Fremden länger bleiben würden, drehte der Wind. Trotz gutem Draht zur Zivilbevölkerung wurde beschlossen, die Internierten auf wenige Stellen zu «konzentrieren». Die Unterbringung sollte möglichst kostengünstig sein und wenige Soldaten binden. Hierfür war die Lage auf dem Aare-Inseli geradezu prädestiniert. Auch sollte so der Kontakt zur Zivilbevölkerung unterbunden werden. Was angesichts der über 900 Vaterschaftsklagen allerdings eher mässig erfolgreich war.

Lager nach deutschem Vorbild

Das Lager wurde von einem Aargauer Ingenieur nach deutschem Vorbild errichtet – inklusive Wachturm und Stacheldraht. Das Lagerleben war indes hart, oft fehlte es an genügend Nahrung, da die Internierten gerade mal das Minimum zum Überleben erhielten. Was einige auch zum Stehlen animierte. Auch Beschäftigungsmöglichkeiten blieben Mangelware und so machte sich Monotonie breit. Ein Aufstand offenbarte schliesslich die Fehler des Lagerkonzeptes und zwang die Behörden zum Umdenken. Im Frühjahr 1942 wurde entschieden, das Lager zu schliessen.

Bereits im September wurden dessen Pforten allerdings erneut geöffnet. Zunächst für jüdische Zivilflüchtlinge und später für italienische Militärflüchtlinge sowie sowjetische Heimkehrverweigerer, bis es 1946 endgültig abgebrochen wurde.

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