1.Mai
Von Grenchen nach Lengnau marschieren — für Lohngleichheit

Gemeinsame 1.-Mai-Feier der SP Grenchen, SP Lengnau und der Unia im Schulhaus Lengnau.

Oliver Menge
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Rund 50 Genossinnen und Genossen marschierten von Grenchen nach Lengnau zur grenzüberschreitenden 1.-Mai-Feier.

Rund 50 Genossinnen und Genossen marschierten von Grenchen nach Lengnau zur grenzüberschreitenden 1.-Mai-Feier.

Oliver Menge

Rund 50 Personen versammelten sich beim Monbijou Grenchen, um zusammen nach Lengnau zu spazieren. Die gemeinsame 1.-Mai-Feier der SP Lengnau, der SP Grenchen und der Gewerkschaft Unia führte in die Aula des Schulhauses Dorf in Lengnau. Ein friedlicher Umzug, der nicht einmal den Verkehr behinderte, beobachtet lediglich von zwei Solothurner Polizeibeamten und das nur bis zur Kantonsgrenze. «Uns scheint es gut zu gehen, dass nur so wenige gekommen sind», war am Rande zu vernehmen.

In der Aula des Schulhauses war man bereit, die Stimmung fröhlich, draussen blubberte im Topf schon das Chili für das Festmahl nach den Reden. Sandra Huber, Vizepräsidentin der SP Lengnau begrüsste die Anwesenden – Margrit Gatschet, die Präsidentin, kam verspätet, weil sie just zum selben Zeitpunkt von der Unia Biel mit dem Solidaritätspreis ausgezeichnet wurde und diesen in Empfang nehmen durfte. Der Saal füllte sich allmählich, am Schluss lauschten rund 70 Personen den Rednerinnen. Auf der Bühne sorgte das Quartett «Follchlore» zwischen den Programmpunkten für Unterhaltung.

37 Jahre überfällig

Franziska Teuscher, frischgewählte SP-Gemeinderätin der Stadt Bern, widmete ihre Rede dem von den Gewerkschaften und der SP festgelegten Motto «Lohngleichheit. Punkt. Schluss»: «Vor 37 Jahren, am 14. Juni 1981, sagten 60 Prozent der Schweizer Stimmberechtigten und die Mehrheit der Kantone JA zum Verfassungsgrundsatz ‹Gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit›».

Zwar eine Selbstverständlichkeit, aber die Realität sehe anders aus: «Noch immer verdienen Frauen gut einen Fünftel weniger als ihre männlichen Kollegen», so Teuscher. Ein Teil lasse sich zwar schon irgendwie erklären, mit Kriterien wie Berufserfahrung, Ausbildung oder Alter. Aber: «In Tat und Wahrheit verdienen die Frauen immer noch im Schnitt 600 Franken pro Monat weniger, nur weil sie Frauen sind – also einfach aufgrund ihres Geschlechts. Und das, geschätzte Kolleginnen und Kollegen, das ist verfassungswidrig, und zwar seit 37 Jahren.» Zwar habe sich die Lohndifferenz über die Jahre verringert, aber das Ziel sei noch nicht erreicht.

Eine bürgerliche Mehrheit im Ständerat habe auch die Revision des Gleichstellungsgesetzes und die damit verbundene Überprüfung von Betrieben mit mehr als 100 Mitarbeitern zurückgewiesen. Dies mit fadenscheinigen Argumenten. 37 Jahre nach der Aufnahme des Gleichstellungsartikels in die Verfassung, 22 Jahre nach Festschreibung des Grundsatzes «Gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit» im Gleichstellungsgesetz und nach mehreren erfolglosen Jahren «Lohngleichheitsdialog» zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern «kann man solche Argumente nur als das bezeichnen, was sie sind: ein Affront gegenüber den Frauen, ein Affront gegenüber Verfassung und Demokratie», so die Berner Gemeinderätin. Teuscher lud die Anwesenden nach Bern ein, um an der Demonstration für Lohngleichheit am 22. September auf dem Bundesplatz teilzunehmen.

Aufruf zum Klassenkampf

Das Thema Lohngleichheit lies Lena Frank, Branchensekretärin bei der Unia Zentrale Sektor Bau, Bieler Stadträtin der Jungen Grünen und Vizepräsidentin der Grünen Kanton Bern in ihrer Rede beiseite. Vielmehr rief sie dazu auf, die Stimme zu erheben und sich zu wehren. Ihr Blick in die Geschichte ging noch weiter zurück: «1890 rief die zweite Internationale den 1. Mai zum ‹Kampftag der Arbeiterklasse› aus, der auch heute noch gefeiert wird.» Gerade dass der 1. Mai international gefeiert werde, sei in Zeiten des Casino-Kapitalismus und der Turbo-Globalisierung bedeutend.

«Es ist der Tag im Jahr, an dem sich die Linke auf ihre Wurzeln besinnt und die Solidarität lebt. Die Arbeiterinnen und Arbeiter stehen zusammen auf der Strasse und kämpfen für ihre Anliegen.» Frank blickte über die Grenzen hinaus: «Weiterhin sterben Tausende vor der Festung Europa. Es herrscht eine Politik, die Eigeninteressen über Menschenleben stellt. Rassismus und Ausgrenzung sind längst wieder salonfähig geworden.»

Die junge Politikerin untermauerte ihre Kritik an den Rechten, welche die Flüchtlingsproblematik zur Unterteilung in nützliche und unnütze Ausländer missbrauche: «Wer unserer Wirtschaft hilft, ist gut und darf bleiben und einwandern, die anderen sollen gehen, denn die übervölkern unser Land. Dies ist das Credo der Rechten.»

Staatsangehörigkeit werde zum Besitz, der verteidigt werden müsse, wenn es nach der SVP gehe. Arbeiter blieben dabei auf der Strecke. «Dass Arbeiterinnen und Arbeiter jeden Tag von Unternehmen ausgebeutet werden, wird geduldet, denn dies dient der nationalen Gemeinschaft. Die politische Agenda in der Schweiz und in Europa ist gemacht, um das Ego von einigen wenigen zu streicheln und nebenbei ihre Taschen zu füllen. Auf dem Buckel der Arbeiterschaft.»

Das zeigten auch die neuesten Angriffe auf das Arbeitsgesetz. Länger und flexibler arbeiten zu weniger Lohn, weniger Personal trotz zunehmender Arbeitslast ständige Erreichbarkeit. «Kolleginnen und Kollegen: Das können und dürfen wir nicht auf uns sitzen lassen. 100 Jahre nach dem Landesstreik müssen wir wieder auf die Strasse.» Unter dem Deckmantel des Sparens werde von rechter Seite gekürzt und abgebaut, wo nur möglich. Sparen und Privatisieren sei das Mantra der Bürgerlichen. Profitieren davon würden Reiche, Gutverdienende und Unternehmen. «Bieten wir den Casino-Kapitalisten Einhalt, hören wir auf, die Faust im Sack zu machen und setzen wir uns zur Wehr!»

Markige Worte in einer doch eher geselligen Runde, aber der lang anhaltende Applaus zeigte, dass die Rede der jungen Bielerin offenbar doch bei einigen Genossinnen und Genossen ins Schwarze getroffen hat.

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