Stadtbummel Grenchen
Die Tücken mit den Farben

Der Stadtbummler geht der Ver(w)irrung nach, die die Verwendung von Farben bei gewissen sprachlichen Begriffen leider immer häufiger nach sich zieht.

Roger Rossier
Roger Rossier
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Kontrolleure der VBL kontrollieren die Tickets auf der Suche nach Schwarzfahrern.

Kontrolleure der VBL kontrollieren die Tickets auf der Suche nach Schwarzfahrern.

Manuela Jans (neue Lz) / Neue Luzerner Zeitung

Von Zeit zu Zeit fallen mir am Strassenrand Männer in uniformähnlichem Outfit und mit einer Umhängetasche ausgerüstet auf, vor denen plötzlich ein BGU-Bus hält und sie einsteigen lässt, obwohl an diesem Ort keine Bushaltestelle existiert. Vermutlich kontrollieren diese Männer, ob die Fahrgäste gültige Fahrkarten besitzen. Sie suchen also nach Schwarzfahrern oder -fahrerinnen.

Nun habe ich in meiner Sommerlektüre gelesen, dass man die Bezeichnung «Schwarzfahren» nicht mehr verwenden sollte, da dieser Ausdruck einen rassistischen Beigeschmack besitzt. Nachdem Politiker aktiv geworden waren, verwenden verschiedene Verkehrsbetriebe, darunter Städte wie Berlin oder München, dieses Wort nicht mehr. Bisher wäre mir nie in den Sinn gekommen, Schwarzfahren mit Menschen dunkler Hautfarbe zu verbinden. Die Absicht, auf sprachlich diskriminierende Ausdrücke hinzuweisen, ist sehr begrüssenswert. Bei Redewendungen mit Farben wird es schwierig. Wie steht es mit der Redensart «schwarz sehen» oder «schwarz arbeiten»? Müssen da auch neue Begriffe gesucht werden? Oder darf man jemanden nicht mehr «weisswaschen», da sich Nicht-Weisse benachteiligt fühlen könnten?

Wie haben wir uns aufgeregt, als sich Xhaka im Spiel gegen Frankreich die zweite gelbe Karte holte und für das nächste Spiel gesperrt war? Wie ungerecht empfanden wir die rote Karte gegen Freuler im Viertelfinale gegen Spanien? Könnten die Überlegungen zum Wort Schwarzfahren nicht auch auf gelbe und rote Karten bei Fussballspielen übertragen und schliesslich rassistisch gewertet werden? Die Native Americans (früher Indianer oder fälschlicherweise auch Rothaut genannt) oder die seit dem 18. Jahrhundert von den Europäern als blassgelbe Menschen beschriebenen Ostasiaten (Chinesen) könnten die mit farbigen Karten angezeigten Strafen mit ihrer Hautfarbe in Verbindung bringen und sich daran stören. Bleibt zu hoffen, dass vor lauter «Political Correctness» die Sprache nicht auf der Strecke bleibt.

Zurück zur EM. Wie sich die Schweiz im Achtelfinale den Franzosen widersetzte, das hätte auch Anna Maria Schürer gefreut. Glaubt man den Überlieferungen, so hat sich diese mutige Frau 1798 nur mit einer Hellebarde bewaffnet gegen die Soldaten Napoleons zur Wehr gesetzt, nachdem ihr Vater ermordet worden war. Sie soll mehrere französische Soldaten getötet haben, bevor sie wie 47 andere Grenchnerinnen und Grenchner im Kampf starb. Ihr zu Ehren trägt eine Strasse im Kastelsgebiet ihren Namen, und an der Kastelsstrasse steht ein Gedenkstein.

Maria Schürers Schicksal durfte auch im Freilicht-Szenenspiel «Äs eigets Völkli» nicht fehlen. Das Theaterstück erzählt die Geschichte Grenchens von der Steinzeit bis zur Industrialisierung. Iris Minder und ihrem Ensemble gelang es, die Zuschauerinnen und Zuschauer auf die historische Reise mitzunehmen, sodass man nach der Vorstellung ein wenig stolz war, Grenchner oder Grenchnerin zu sein. Wir freuen uns bereits heute auf die nächste Aufführung von Iris Minder und ihrem Team.

Übrigens: Gemäss Sprachwissenschaftler Eric Fuss soll Schwarzfahren seinen Ursprung im Jiddischen haben. Das Wort «Shvarts» bedeutet arm, und daraus entstand der «Armfahrer» beziehungsweise Schwarzfahrer.

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