Auf Mann geschossen
Neonazi auf freiem Fuss, weil er Urteil weiterzog

Sebastien Nussbaumer, der im Januar vom Solothurner Obergericht zu 39 Monaten Gefängnis verurteilt wurde und am Samstag einen Mann anschoss, war auf freiem Fuss. Dies, weil er das Urteil ans Bundesgericht weiterzog.

Lea Durrer
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Sebastien Nussbaumer: Ihm blüht ein Verfahren in Zürich.

Sebastien Nussbaumer: Ihm blüht ein Verfahren in Zürich.

Tele M1

Die Fahndung der Zürcher Kantonspolizei nach dem mutmasslichen 24-jährigen Täter war mit Erfolg gekrönt. Am frühen Montagmorgen wurde Sebastien Nussbaumer in Deutschland gefasst.

Der 24-Jährige ist polizeilich kein Unbekannter. 44 Delikte hat der bekennende Neonazi aus Grenchen in den letzten Jahren begangen. Mitte Januar wurde er dafür vom Obergericht in zweiter Instanz zu 39 Monaten Gefängnis verurteilt. Ungefähr sechs Monate hätte er noch absitzen müssen. Knapp vier Monate nach dem Urteilsspruch schiesst er im Stadtzürcher Kreis 1 einem 26-jährigen Schweizer in die Brust und flieht.

Auflagen zu erfüllen

Wieso war der Verurteilte auf freiem Fuss? Ein Anruf beim Gericht bringt ans Licht: Nussbaumer will das Urteil erneut nicht akzeptieren und hat es ans Bundesgericht in Lausanne weitergezogen. So lange kein rechtskräftiges Urteil vorliegt, muss der Grenchner nicht in den Strafvollzug. Der 24-Jährige hat in dieser Zeit allerdings einige Auflagen zu erfüllen. So muss er eine Wohnung und einen Job haben und das Medikament Antabus, das den Alkoholkonsum verhindert, einnehmen.

Das Einhalten der Bestimmung wird von der Bewährungshilfe kontrolliert. Die zuständige Bewährungshilfe habe Nussbaumer über längere Zeit betreut und bestens gekannt, erklärt Paul Loosli, stellvertretender Chef des Amts für Justizvollzug im Kanton Solothurn. «Die Voraussetzungen sind über Jahre geprüft und eingehalten worden.» Nussbaumer habe gut mitgearbeitet. Zumindest bis zum 27. Januar. An diesem Tag hat die zuständige Bewährungshilfe festgestellt, dass er nicht mehr auffindbar war. «Die Bewährungshilfe hat daraufhin sofort das Gericht informiert», so Loosli.

Doch dieses konnte nichts tun. «Das Verfahren ist mit dem Urteil abgeschlossen», erklärt Oberrichter Hans-Peter Marti, der den Gerichtsentscheid mit trug. Zudem hätte zu diesem Zeitpunkt keine gesetzliche Regelung bestanden, wer, wie reagieren konnte.

Laut Marti hat das Obergericht den erhaltenen Brief an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet. Zudem ist ein Schreiben beigelegt worden, in dem der Verteidiger von Sebastien Nussbaumer darauf hingewiesen wurde, dass sein Mandant die Auflagen einhalten solle.

Die Frage der Verwahrung

Hätte beim Urteil im Januar auch gleich eine Sicherheitshaft beantragt werden müssen? Es sei die Masse, nicht die Schwere der begangenen Delikte gewesen, die zum Urteil geführt hätten, so Marti. «Die von uns beurteilten Delikte waren im Vergleich zum neuen Delikt nicht schwerwiegend.» Das neue vorgeworfene Delikt gehe weit über die beurteilten Delikte hinaus, so der Oberrichter. «Jetzt stellt sich die Frage der Verwahrung.» Daran sei beim Urteil im Januar gar nicht zu denken gewesen.

Die Richter sahen von einer präventiven Sicherheitshaft ab. Auch gab es damals von der Staatsanwaltschaft keinen entsprechenden Antrag. «Sebastien Nussbaumer hat sich ja längere Zeit gut aufgeführt», sagt Marti.

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