Grenchen
Keine Spur von Überbauung beim Südbahnhof: Sind die Altlasten der Grund?

HRS hatte vor drei Jahren der SWG zugesagt, beim Südbahnhof eine Wohnüberbauung zu realisieren. Jetzt prüft das Unternehmen einen Rückzug aus dem Vertrag für das Bauprojekt.

Oliver Menge
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Auf dieser Brache nördlich des SWG-Betriebsgebäudes sollte eigentlich schon längst eine Überbauung realisiert sein.

Auf dieser Brache nördlich des SWG-Betriebsgebäudes sollte eigentlich schon längst eine Überbauung realisiert sein.

Oliver Menge

Die Brache nördlich des neuen Betriebsgebäudes der SWG an der Brühlstrasse und der Geländeabschnitt südlich der Riedernstrasse, die entlang des Bahndamms führt, ist leer. Und leer sollte hier eigentlich nichts sein, im Gegenteil: Die SWG hatte vor drei Jahren schon den Investor gefunden, der auf dem Gelände, wo früher das Gaswerk und die Gasannahmestation standen, eine Wohnüberbauung realisieren möchte.

Rund 45 Mietwohnungen und 40 Eigentumswohnungen sollen hier von HRS gebaut werden, angedacht waren zwei grössere und rund vier kleinere Mehrfamilienhäuser. HRS mit Sitz in Frauenfeld und diversen Niederlassungen ist bekannt für die Realisierung diverser Grossprojekte und Stadien, wie zum Beispiel der Tissot Arena in Biel. Aber auch etliche Wohnüberbauungen an diversen Schweizer Standorten wurden von HRS gebaut, finanziert oder sind in Planung.

Man habe verschiedene Aspekte der Überbauung in Grenchen vorbesprochen, hiess es vor drei Jahren. Beispielsweise wollte man die Gebäude mit der Abwärme der SWG versorgen. Folglich plante man ein Blockheizkraftwerk, das bis jetzt noch nicht realisiert wurde.

Nun waren aber ganz andere Töne zu vernehmen, wie aus gut unterrichteter Quelle zu erfahren war: HRS wolle das Projekt sausen lassen und als Investor aussteigen. Auf eine konkrete Anfrage bei HRS Frauenfeld bekommt man denn auch eine vielsagende, schriftliche Antwort: «Da SWG vertraglich vereinbarte Bedingungen nicht erfüllen kann, prüft HRS derzeit einen Rückzug aus dem Kaufvertrag.» Welche Bedingungen damit gemeint sind, wird nicht näher erläutert. Da es sich um vertragliche Details handle, die man prüfe, gebe man keine Auskunft.

Somit ist klar, dass tatsächlich etwas dran ist an der Sache, auch wenn auf der Homepage der HRS die Wohnüberbauung in Grenchen immer noch figuriert. Laut dem Kurzbeschrieb dort hätte sie 2013/14 gebaut werden sollen.

Aber worum geht es wirklich?

Das besagte Gelände war belastet (siehe Kasten), gilt aber jetzt aus altlastenrechtlicher Sicht als saniert, wie Martin Brehmer vom Amt für Umwelt des Kantons Solothurn bestätigt. Das ist in zweierlei Hinsicht wichtig.

Gasproduktion verseuchte den Boden

Im Jahr 1911 wurde in Grenchen das erste Gaswerk in Betrieb genommen – am fraglichen Standort im Brühl. Das Gas wurde hauptsächlich zur Warmwasser-Aufbereitung und zum Kochen benutzt.

Ab 1914 übernahm die Einwohnergemeinde Grenchen das Gaswerk. Die Gasproduktion erfolgte damals nur lokal, man «vergaste» Steinkohle, was nicht ganz ungefährlich war. Denn das so gewonnene Gas war stark kohlenmonoxidhaltig und hochgiftig. Dennoch gewann Gas als Energieträger immer mehr an Beliebtheit und die Speicherkapazitäten wurden laufend ausgebaut.

1964 trat Grenchen dem Gasverbund Mittelland bei und das giftige Stadtgas wurde mehr und mehr durch das ungiftige Erdgas, das vom Ausland her in die Schweiz geliefert wurde, ersetzt. In der Folge wurde denn auch die Gasfabrik Grenchen 1967 abgebrochen.

Zurück blieb die Schlacke im Boden, die bei der Gasproduktion anfiel, ebenfalls giftig. Als die SWG die alten Betriebsgebäude und die Gasannahmestation abrissen, musste auch der verseuchte Boden saniert werden: Ein Teil des Aushubs – rund 10'000 Tonnen Erde – musste als Sondermüll entsorgt werden.

Der Gestaltungsplan stand schon vor drei Jahren, aber eine konkrete Planung gab es bis jetzt noch nicht. Denn HRS musste auf den Entscheid warten, dass das Areal abparzelliert werden kann. Dafür benötigte das Grundbuchamt das Einverständnis des Amtes für Umwelt. Denn das Grundstück musste erst aus dem Kataster der belasteten Standorte gestrichen werden.

Das Terrain wurde saniert, der Humus abgetragen. Die Kosten für die Sanierung übernahm die SWG vollumfänglich. Und bis auf zwei kleine, unbedenkliche und ungefährliche Restbestände an Altlasten, einer im nordöstlichen Teil und ein kleiner im westlichen Teil des Geländes sei alles entfernt worden, bestätigt Brehmer.

Konkret: Auf der entsprechenden Karte im Altlastenkataster des Kantons Solothurn sind die zwei Standorte vermerkt: Unter den Laufnummern 22.007.0582B.01 und 02 figurieren die beiden Flecken als Betriebsstandorte, die aus «altlastenrechtlichem Status belastet, weder überwachungs- noch sanierungsbedürftig» sind. «Bearbeitungsstand: Sanierung abgeschlossen».

Per Just, Geschäftsleiter der SWG erklärt, dass dort verseuchtes Material bis tief in die Kiesschicht gesickert sei. Es sei unmöglich, an dieses Material heranzukommen und es herauszunehmen. Und das weiss HRS seit geraumer Zeit. Auf die Frage an HRS, ob der Grund für den eventuellen Rückzug aus dem Kaufvertrag tatsächlich diese beiden belasteten Geländeabschnitte sind, will diese keine Stellung beziehen.

Vertragsbruch oder Ausrede?

Die Vermutung liegt nahe, dass mögliche institutionelle Anleger wie Banken, Versicherungen und Pensionskassen ihr Geld nicht in Bauprojekte stecken wollen, die auf belastetem Untergrund liegen. Und dass HRS im Kaufvertrag darauf bestand, dass von der SWG alle Altlasten entfernt werden – womit das Nichterfüllen der vertraglich vereinbarten Bedingungen gegeben wäre, weil eben nicht alle Altlasten entfernt wurden.

Das könnte aber auch nur die halbe Wahrheit sein und HRS sucht eine Ausrede, um sich aus dem Projekt zurückzuziehen. Wird in Grenchen und Umgebung etwa doch zu viel gebaut und ein national und international tätiger Generalunternehmer wie HRS schätzt das Risiko, dass die Wohnüberbauung in Grenchen nicht rentieren könnte, als zu hoch ein? Fakt ist, dass die Bautätigkeit in Grenchen zwar nach wie vor gross ist, man hat aber den Eindruck, dass der Leerwohnungsbestand in letzter Zeit auch zugenommen hat – insbesondere bei Neubauten.

In Kürze sollen die Differenzen an einer Sitzung zwischen HRS und SWG aus der Welt geräumt und Klarheit geschaffen werden. Spätestens dann wird man wissen, wie es mit der Brache weitergeht – ob mit HRS oder einem neuen Investor, den die SWG suchen muss.

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