Jubiläum
Generalstreik: Darum ging es in Grenchen so heftig zu und her

Mit drei toten Männern endete vor 100 Jahren der Landesstreik in Grenchen. Warum ging es ausgerechnet hier heftiger zu und her als andernorts? Das beleuchtet der Historiker Wolfgang Hafner in diesem Essay. «In kaum einer anderen Region wurden die Widersprüche einer modernen Industrialisierung so auf die Spitze getrieben», schreibt er. «Hier wurde auf engstem Raum das Zukunftsmodell einer durchrationalisierten Massenproduktion realisiert.»

Wolfgang Hafner
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Generalstreik in Grenchen
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Füsiliere des Waadtländer Infanteriebatallions 6 nehmen am 14. November 1918 in den Strassen Aufstellung.
Generalstreik am Postplatz
Generalstreik
Generalstreik
Kavallerie
Kavallerie

Generalstreik in Grenchen

Zur Verfügung gestellt

Hundert Jahre ist es her, seit der Generalstreik stattfand, der in Grenchen blutige Spuren hinterliess: Die Auseinandersetzungen eskalierten, drei Männer wurden von Soldaten erschossen, die sich bedrängt fühlten. Der Tod dieser drei Menschen ist Ausdruck einer Zuspitzung, die den Generalstreik in Grenchen zu einem einzigartigen Ereignis macht.

Nun kann dieser Vorfall auf eine Häufung von unglücklichen Zufällen und eine inkompetente militärische Führung zurückgeführt werden, wie es etwa Alfred Fasnacht in seiner – umfassenden – Dokumentation zum Generalstreik antönt. Doch diese Fixierung auf die politisch-soziale Auseinandersetzung, die im Rahmen der Schweizer Geschichte eine grosse Bedeutung besass, verhindert den Blick auf die spezifische Entwicklung in der Uhrenregion Grenchen. Denn Grenchen war besonders, Grenchen war ein Einzelfall. In kaum einer anderen Region wurden die Widersprüche einer modernen Industrialisierung so auf die Spitze getrieben wie im Leberberg. Hier wurde auf engstem Raum und unter grossem Modernisierungsdruck das Zukunftsmodell einer arbeitsteiligen, durchrationalisierten Massenproduktion realisiert.

Allerdings war die Umsetzung dieses Modells mit Schwierigkeiten verbunden. Jedenfalls waren die Grenchner Uhrenunternehmer – laut dem Verfasser der umfassendsten Solothurnischen Wirtschaftsgeschichte, Fernand Schwab, Ende 20er- Jahre des letzten Jahrhunderts – nicht zu irgendwelchen Angaben über ihre Unternehmen zu bewegen. Dies, obwohl der grösste Uhrenunternehmer der Region, Ernst Kottmann aus Langendorf, zugleich Präsident der Solothurner Handelskammer war. Die Handelskammer hatte die Forschungsarbeiten bei Schwab in Auftrag gegeben.

Diese Mauer des Schweigens hatte einen guten Grund: Während des Ersten Weltkriegs wurde zwar dank Lieferung an Zündern, Uhren und anderem Kriegsmaterial an alle Kriegsparteien viel Geld verdient, aber gleichzeitig spitzten sich die Verhältnisse in der Uhrenindustrie zu. Und zwar in eine Richtung, wie sie der Vater von Ernst Kottmann, Carl Kottmann (1844–1890), schon um 1888 vorausgesagt hatte: Die Uhrenunternehmer sahen sich gezwungen, sich zwecks Vermeidung der Konkurrenz untereinander zusammenzuschliessen; dazu galt es auch dem Druck der gewerkschaftlich organisierten Arbeiter für höhere Löhne durch Absprachen zu begegnen. All das richtete sich gegen die kleineren, wendigeren Betriebe, die kostengünstiger zu produzieren vermochten. Sie machten, da sie nicht dem Vertragszwang unterworfen sein wollten, als «Freien den Gebundenen eine unerträgliche Konkurrenz» – so Kottmann senior in seiner Abhandlung über die zukünftige Entwicklung der Uhrenindustrie.

Die automatische Maschine

Gleichzeitig wurde der Kampf um die Kontrolle der Entwicklung bis auf alle Details auch in den Fabriken selber ausgetragen. Anfang der 20er-Jahre berichtet ein Journalist vom Besuch in der damals grössten und modernsten Uhren-Fabrik jener Zeit, der Lanco von Kottmann junior: «Das Ideal ist die automatische Maschine.» Und: «Jede Bewegung, jede Handlung bei der Produktion der Uhrenbestandteile ist rigorosen Regeln unterworfen und vorausbestimmt. Alles erfolgt nach einem streng methodisch konzipierten Prozess, in dem dem technischen Büro eine zentrale Rolle zukommt.» Ob sich dieses System der strikten Kontrolle auch ökonomisch lohnte, ist – wie zum Beispiel die Erfahrungen bei dem Schuhfabrikanten Bally zeigten – nicht klar. Aber nur unter diesen Bedingungen konnten die industriellen Normen einer grösstmöglichen Präzision und der Austauschbarkeit der einzelnen Teile erreicht werden. Der Journalist schreibt: «Die automatischen Maschinen, in Gruppen zusammengestellt, stellen die einzelnen kleinen Teile her. Die Arbeiter und Arbeiterinnen machen nichts anderes, als die Maschinen zu ‹füttern›.»

Ausmerzung der Unangepassten

Dass sich die Arbeiter und Arbeiterinnen dem strengen Rhythmus der Produktion unterwarfen, war nicht selbstverständlich. Noch um 1880 konstatierte Kottmann, dass sich ein paar Jahre früher unter den Arbeitern «zur Hälfte fremde Leute, darunter viele widerfarige, déroutierte Gesellen befanden ... Heute ist kaum mehr als ein Viertel von auswärts und sind die unsoliden Elemente zum grössten Theil ausgemerzt ...» Dieser Prozess der «Ausmerzung» der Unangepassten dürfte wesentlich zu der im schweizerischen Vergleich überaus grossen Zahl an Streiks im solothurnischen Leberberg beigetragen haben.

Dabei erfolgte mit dem Ersten Weltkrieg ein weiterer entscheidender Rationalisierungsschub, so der führende sozialistische Theoretiker der damaligen Zeit, Otto Bauer: «Die technische Entwicklung, die sich sonst allmählich, schrittweise vollzieht, musste nun ruckweise vollzogen, in kurze Zeiten zusammengepresst werden.» Es kam zu einer «revolutionären Entwicklungsphase». Bauer begrüsst diese Entwicklung, denn im nüchternen Ingenieursdenken, das «alles Unberechenbare, jedes Wagnis, jedes Abenteuer scheut, die die Stimme der Leidenschaften nüchterner Rechnung unterordnet, die jede soziale Umgestaltung mit den geringstmöglichen Opfern ... durchzuführen versucht, in dieser Denkweise wurzelt die moderne Demokratie.» Das Fehlen dieses nüchternen Selbstverständnisses prägte auch die Auseinandersetzungen rund um den Generalstreik in Grenchen und Umgebung. Denn Grenchen scherte aus dem vom Oltener Aktionskomitee geplanten Ablauf aus. Obwohl von Olten verfügt, brachen sie den Streik nicht ab.

Eliminierung der Abweichler

Der Streik entwickelte unter der Führung des Linkssozialisten Max Rüdt ein vom Eigensinn der Streikenden geprägtes Eigenleben. Dies entsprach nicht dem von den gewerkschaftlichen Führern vorgesehenen Ablauf einer berechenbaren Auseinandersetzung, in der die Streikenden zwar nicht die Macht an sich beanspruchten, aber immerhin ihre Verhandlungsposition angesichts der bürgerlichen Übermacht verbessern sowie ihre Deutungshoheit behalten wollten. Weitergehenden Forderungen von ausscherenden Streikenden wurden daher im stillen Einvernehmen sowohl bürgerlicher tonangebender Kreise als auch der nationalen gewerkschaftlichen Streikleitung eine abrupte Grenze gesetzt.

Dies erfolgte einerseits durch die tödlichen Schüsse der Soldaten und anderseits durch die soziale Zerstörung des überbordenden Grenchner Streikführers Max Rüdt. Er erlitt ein ähnliches Schicksal wie seine Vorbilder Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, die mit dem stillen Einverständnis eines Sozialdemokraten von dem Freikorpsführer Waldemar Pabst eliminiert wurden. Rüdt hingegen wurde nach dem Streik durch den führenden solothurnischen Sozialisten Jacques Schmid seiner Ämter enthoben, später gerichtlich verurteilt und hoffte vergeblich auf die Unterstützung seiner früheren Kampfgenossen bei der Einreichung eines Gnadengesuches. Er starb verarmt.

So ist denn der Streikverlauf und sein Ergebnis ein wesentlicher Schlüssel zu dem Erfolg des Wirtschaftsmodells der Schweiz: Der Streik und sein Ausgang legten die Grundlagen für die Berechenbarkeit der sozialen Auseinandersetzungen. Das Friedensabkommen von 1937 war die Krönung dieser Entwicklung. Damit wurde auch die Möglichkeit geschaffen, eine berechenbare, genau durchdachte Produktion zu verwirklichen, von der die führenden Uhren-Unternehmer am Leberberg schon lange vorher geträumt hatten.

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