«Strong Age»
«Geht es Ihnen nicht gut?»: System eines Oltners soll Notfälle verhindern

Ein System soll Notfälle von älteren Menschen voraussehen und verhindern. Ausgeklügelt hat dieses ein Oltner. Nun soll es in die Haushalte.

Noëlle Karpf
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Diesen Sensor tragen Seniorinnen und Senioren im Rahmen von Strong Age – weitere werden in der Wohnung installiert.

Diesen Sensor tragen Seniorinnen und Senioren im Rahmen von Strong Age – weitere werden in der Wohnung installiert.

Michel Lüthi

Hugo Saner ist ein Mann mit vielen Visionen. In Europa hat er die ambulante Herz-Rehabilitation etabliert, in Olten die Herzstiftung und ein Programm für Menschen mit Herzproblemen gegründet. Der Oltner Herzspezialist forscht an der Uni Bern und doziert an einer Uni in Moskau. Eine Vision, die der 72-Jährige aktuell verfolgt: Menschen sollen so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden wohnen können.

Um diese Vision wahr zu machen, hat der Oltner vor rund zwei Jahren auch eine Studie in der Region Olten durchgeführt. 24 Seniorinnen und Senioren testeten Sensoren; in der Küche, im Bad, im Schlafzimmer – und auch am eigenen Arm trugen die Teilnehmenden einen Sensor. Diese massen ganz Verschiedenes: Schlafrhythmen, Herzfrequenzen – wie oft jemand rausging oder den Kühlschrank öffnete.

Das Ziel: Anhand der Daten Muster erkennen, die etwa auf einen kommenden Sturz oder Herzprobleme, aber auch Depressionen hinweisen können. Diese Studie ist abgeschlossen; das Projekt «Strong Age» befindet sich nun in der zweiten Phase.

Hinweise auf gesundheitliche Probleme

«Das Sensorsystem funktioniert», sagt Saner über die abgeschlossene Studie. In der Zwischenzeit hat er mit den Forschungsteams an der Uni Bern und an der EPFL Lausanne über 10 weitere Studien zum Projekt durchgeführt, welche die ersten Erkenntnisse bestätigen.

Wenn sich die Teilnehmenden während mehrerer Nächte oft im Bett drehten, seltener den Kühlschrank öffneten, über Tage einen veränderten Blutdruck oder Herzrhythmus aufwiesen, deutet das in vielen Fällen auf gesundheitliche Probleme und eine Sturzgefährdung hin – die Betroffenen selbst merken das meist nicht. Und gerade jetzt, während der Coronakrise, könne eine erhöhte Atemfrequenz und Puls auf eine Erkrankung hinweisen.

Nachfragen via Telefon

Diese Muster sind erkannt – jetzt wird damit gearbeitet. Aus «Strong Age» ist inzwischen eine gemeinnützige Organisation geworden. Für 300 Franken Mietkosten jährlich, plus monatlich 124 Franken für die damit verbundenen Dienste. Dazu gehört auch: Die Kundschaft kann entscheiden, wie auf Daten reagiert werden soll. Etwa wann jemand benachrichtigt werden soll – und wer: die Spitex, Angehörige, der Hausarzt.

In manchen Fällen kann auch jemand von «Strong Age» anrufen um nachzufragen: «Geht es Ihnen nicht gut?» Und für den Fall, dass jemand zu wenig Schritte macht, kann eine Benachrichtigung eingerichtet werden, die an Bewegung erinnert. So soll im Notfall schnell Hilfe kommen – im besten Fall ein Notfall verhindert werden.

Jetzt muss die Zielgruppe erreicht werden – aber wie?

Eines hat die Studie jedoch auch gezeigt: Laut Saner ist es schwierig, an die Zielgruppe heranzukommen. «Auf Flyern, die für ein neues, technisches System werben, sprechen die meisten älteren Menschen nicht unbedingt an. Dies, obwohl die Hälfte der Teilnehmenden mindestens einmal während der Testphase gestürzt ist. Davon erzählt man aber oft nicht, auch aus Angst, dann nicht mehr alleine wohnen zu dürfen.»

Zudem müsse man gut erklären, wie genau die Daten gesammelt würden. «Die Kundschaft bestimmt zwar, in welchen Fällen das Programm überhaupt reagieren soll – zuvor bleiben die Daten verschlüsselt – das genauso zu erklären ist aber schwierig», so Saner.

Seit Anfang Jahr arbeitet «Strong Age» deshalb mit Pro Senectute, dem Verein für Seniorinnen und Senioren im Kanton, zusammen. «Sie haben bereits Kontakt zur Zielgruppe, diesen können wir nutzen.» So bietet Pro Senectute etwa Digital Coaches an, die Seniorinnen und Senioren beim Installieren von E-Mail oder Whatsapp helfen. Bei solchen Besuchen wird nun auch gleich das Angebot «Strong Age» vorgestellt. Trotzdem habe man mit dem Projekt etwas zurückschrauben müssen, erklärt der Herzspezialist. Dafür erhält man nun Unterstützung vom Kanton.

Notfälle nicht nur erkennen, sondern verhindern

Ursprünglich hatte Saner geplant, bis Ende 2021 etwa 250Seniorinnen und Senioren im Kanton mit dem System auszustatten. Die Forschungsarbeiten dauerten aber etwas länger. Nun sollen es bis Ende 2023 «nur» 200 sein; die ersten 50 will man bis im Sommer 2021 erreichen.

In dieser Zeit erhält das Projekt Geld aus dem kantonalen Lotteriefonds: So ist das System aktuell für drei Monate lang gratis, danach kostet es monatlich 58 Franken. Dafür soll laut Saner unter dem Strich Geld gespart werden – weil weniger Spitalbetten und Heimplätze belegt werden sollen.

Langfristig sucht Saner auch den Kontakt zu anderen Institutionen – um das System auch Menschen mit Behinderung oder psychischen Problemen, die alleine zu Hause wohnen, anbieten zu können. Stolz sei er aber nicht. «Eher enttäuscht», sagt er lachend. Enttäuscht, darüber dass es nicht schneller vorwärtsgehe. Was auch an der Coronasituation liegt, wegen der etwa Infoveranstaltungen zum System abgesagt werden mussten.

Weitere Visionen mit viel Forschungsbedarf

Denn der Oltner hat noch andere Visionen: Mit dem System zusammen soll auch Gedächtnistraining angeboten werden, oder Bewegungscoaching. So befasst sich Saner für seinen Lehrstuhl in Moskau auch mit der Raumfahrt. Konkret: Mit Kleidung die Astronauten tragen.

Diese stimuliert die Muskeln, indem kaum spürbare elektrische Impulse abgegeben werden. Solche Funktionskleidung könne er sich auch für Seniorinnen und Senioren vorstellen – «sie sitzen dann vor dem Fernseher, während Rumpf- und Beinmuskulatur stimuliert und damit gestärkt werden», so der Herzspezialist.

Ich bin überzeugt, dass die Gesellschaft das braucht.  

(Quelle: Hugo Saner, Programmleiter Strong Age)

Bis es auch für diese Ideen Zeit ist, müssen aber zuerst noch weitere Forschungsprojekte realisiert werden. «Das ist halt so bei solch grossen Visionen. Ich bin überzeugt, dass die Gesellschaft «Strong Age» braucht. Es dauert halt einfach noch.»