Kanton Solothurn

«Den Sek-B-Schülern fehlt eine Lobby» – Schwierigkeiten bei der Stellensuche

An Berufsmessen wie der IBLive können die Jugendlichen Industrieberufe kennen lernen.

An Berufsmessen wie der IBLive können die Jugendlichen Industrieberufe kennen lernen.

Jugendliche aus der Sek B haben regelmässig Mühe, eine Lehrstelle zu finden. Lösungsansätze gibt es verschiedene.

Wenn in einer Schulklasse lediglich die Hälfte der Schülerinnen und Schüler eine Lehrstelle findet, dann lässt das aufhorchen. Passiert ist das in diesem Schuljahr in Zuchwil. Über die Hälfte der Jugendlichen der Klassen der Sek B hat dort in diesem Herbst nach den Sommerferien keine berufliche Grundausbildung angefangen, das gab der Zuchwiler Schuldirektor Stephan Hug im September an einer Sitzung des Gemeinderates bekannt. Und er mahnte: «Den Sek-B-Schülern fehlt eine Lobby». Kantonsweit liegt die Zahl zwar etwas tiefer, rund ein Drittel der Jugendlichen aus der Sek B hat in diesem Jahr laut Angaben der Verwaltung keine Lehrstelle gefunden. Trotzdem verfolge man das Ziel, diese Zahl in Zukunft weiter zu reduzieren.

Anschlusslösungen, aber keine Lehrverträge

Vor welchen Problemen die Jugendlichen der Sek B stehen, erklärt Stephan Hug in einem Gespräch, an dem auch Barbara Weibel Schoch, die Schulleiterin des Oberstufenzentrums Zuchwil, teilnimmt. «Es wird von Jahr zu Jahr schwieriger, die Jugendlichen aus den Sek-B-Klassen
direkt in der Lehre unterzubringen», so Hug. «Und das darf nicht sein. Unser Ziel darf nicht sein, dass die Mehrheit der Schulabgänger der Sek B ein Überbrückungsjahr einschieben muss.»

Möglichkeiten für Praktika oder andere Anschlussmöglichkeiten gibt es im Kanton verschiedene: Das Berufsvorbereitungsjahr (BVJ) in Olten etwa oder das Brückenjahr «Startpunkt Wallierhof». Diese Angebote seien für die Jugendlichen nur zweite Option, betont Weibel Schoch. «Wenn ein Kind über das BVJ zu einer Berufslehre kommt, ist das sicher ein Gewinn», sagt sie. Nur: «Im Grundsatz wollen die Kinder nach der 3. Sek aber eine Lehre machen. Sie bewerben sich und merken dann plötzlich, dass sie nicht erwünscht sind.» Denn obwohl im Kanton, gerade in der Industrie, häufig Lehrstellen offen bleiben, sind die Schülerinnen und Schüler der Sek B für die Unternehmen keine Wunschkandidaten. «Die Unternehmen stürzen sich auf die Schülerinnen und Schüler der Sek E», erzählt Hug. «Bei den Schülerinnen und Schülern aus der Sek B hören wir oft das Argument, dass es für eine Berufslehre schulisch nicht reicht».

Die schulischen Anforderungen seien in den letzten Jahren gestiegen, so der Schuldirektor. Deshalb sei es aus schulischer Sicht wünschenswert, dass Unternehmen vermehrt berufliche Grundausbildungen anbieten würden. Das sind 2-jährige Berufslehren, die sich vor allem an Jugendliche richten, die praktisch begabt sind. Diese berufliche Grundbildung führt zum eidgenössischen Berufsattest EBA, einem in der Schweiz anerkannten Abschluss. «Nach zwei Jahren erlebt man häufig, dass den Jugendlichen der Knopf aufgeht und sie eine Berufslehre anhängen können, die zum eidgenössischen Fähigkeitszeugnis führt», sagt Hug.

Segregation schadet der Motivation

Kurzfristig gibt es im Kanton verschiedene Lösungen, um Jugendlichen zu helfen, eine Lehrstelle zu finden. Unter anderem finden sie auf der «Berufswahlplattform» einem Projekt der kantonalen Berufs- Studien- und Laufbahnberatung zur Verminderung von Jugendarbeitslosigkeit Hilfe, oder bei dem Case Management Berufsbildung, das ebenfalls vom Kanton angeboten wird. Zusätzlich kommt in diesem Schuljahr ein Angebot für Lehrstellencoaching und Lehrstellenvermittlung des Kantonal-Solothurnischen Gewerbeverbands (kgv) in Zusammenarbeit mit dem Kanton dazu.
Diese Angebote seien für die Jugendlichen hilfreich, betonen Hug und Weibel Schoch. Allerdings sind diese laut dem Schuldirektor und der Schulleiterin lediglich dazu da, um die Symptome, nicht die Ursache der Probleme der Schülerinnen und Schüler der Sek B zu bekämpfen: Die Segregation der Kinder in der sechsten Klasse.

«Bis in die 6. Klasse sehen wir jeweils, dass die Leistungen unterschiedlich sind. Aber die Diskrepanz ist nicht so hoch, wie sie sich nach einigen Jahren zwischen den Kindern der Sek B, E und P herauskristallisiert», sagt Hug. Als Beispiel dafür führt er die Welschen Kantone und das Tessin an. Diese kennen die Segregation in der Oberstufe nicht, stattdessen gibt es in den Klassen für die verschiedenen Fächer unterschiedliche Leistungsniveaus. Trotzdem haben die Schüler des untersten Leistungsniveaus aus diesen Kantonen bei der Überprüfung der Grundkompetenzen im Schuljahr 2017/18 im Schnitt besser abgeschnitten als die Schüler der meisten Kantone aus der Deutschschweiz.

Um die Segregation in der Oberstufe aufzuheben, bräuchte es aber Veränderungen, die auf politischer Ebene angestossen werden. Und damit Politikerinnen und Politiker, welche die Situation der Kinder in der Sek B kennen. «In den politischen Gremien sitzen aber meisten Eltern, deren Kinder in die Sek E oder P gehen, und nicht in die Sek B», erklärt Hug. «Das meine ich damit, wenn ich sage, dass den Sek-B-Schülern eine Lobby fehlt.»

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Autor

Rebekka Balzarini

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