Bildung
Auch die Berufsbildung wird digitalisiert

Werden die Mikroprozessoren der Computer schon bald unser Gehirn ersetzen? Berufsbildungsfachleute der MEM-Industrie befassten sich in Solothurn mit der Berufsbildung im Jahr 2020.

Andreas Toggweiler
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Die Tagungsteilnehmer besuchten am Freitag unter anderem die Lehrwerkstätte der Uhrenfirma ETA.

Die Tagungsteilnehmer besuchten am Freitag unter anderem die Lehrwerkstätte der Uhrenfirma ETA.

Solothurner Zeitung

«Bezüglich Leistungsfähigkeit in Millionen Operationen pro Sekunde gemessen, werden Computer etwa im Jahr 2020 die Leistung eines menschlichen Gehirns erreichen», sagte der Zukunftsforscher und Leiter der Berner Schule für Gestaltung, Roger Spindler, vor Berufsbildungsfachleuten in Solothurn. «Natürlich ist das nicht zu verwechseln mit Intelligenz.»
Doch Spindlers Vergleich machte klar: Was wir zurzeit mit iPhone und Co. erleben, ist der Anfang eines Megatrends zur allumfassenden Vernetzung von Information. Spindler hatte die Aufgabe, rund 100 Personen aus der Berufsbildung der Schweizerischen Maschinen- Elektro- und Metallindustrie (MEM-Industrie) auf diese Zukunftsperspektive einzustimmen. Vertreter aus der ganzen Schweiz finden sich in der Vereinigung «focusMEM» zu regelmässigen Tagungen und Informationsaustausch zusammen.
Drei bedeutende Trends
Drei Trends sind laut Spindler für das Ausbildungsumfeld besonders bedeutsam: Individualisierung, neue Arbeitswelten und «Connectivity. «Augmented Reality» heisst das Schlagwort zum letzten Begriff: Wer die Welt durch die neuste Google-Brille betrachtet, bekommt zu allem, was er anschaut, gleich auch Zusatzinformationen aus dem Internet eingeblendet. Vom Wetterbericht über Zugverspätungen bis zum nächsten Date.

Was Informationsflut und Digitalisierung für die traditionelle (Berufs-)Bildung bedeutet, war zuvor von weiteren Referenten erläutert worden, so von Stanley Schwab von der Pädagogischen Hochschule Solothurn, Berufsschullehrer Jürg Viragh, Rudolf Jenni, ehemaliger Prüfungsleiter im Kanton Bern, Rolf Schütz, dem neuen Direktor des Berufsbildungszentrums Solothurn, und von Felix Kunz, Unternehmer und Leiter des Solothurner Computermuseums «Enter».
«Schöne neue Computerwelt»
Dass die «schöne neue Computerwelt» nicht nur Chancen bietet, sondern auch Gefahren, wurde in der anschliesssenden kurzen Diskussion der Referenten mit dem Publikum klar. «Ich würde jedenfalls meine Bankauszüge nicht in der iCloud ablegen», meinte Felix Kunz. Zu unberechenbar sei die Geschäftspolitik der grossen Computerkonzerne. Auch politische Veränderungen könnten plötzlich zu Unzugänglichkeit der Daten führen. Wer sein halbes Leben dem Internet anvertraut, muss auch weiter agieren können, wenn dieses einmal ausfällt.
«Das ist nicht ausgeschlossen», sagte Kunz.
Die Berufsbildungsfachleute forderten dennoch eine Implementierung des Informatik- und Medienunterrichts in der Grundschule. Denn sie bangen auch um den Lehrlingsnachwuchs. «Die demografische Entwicklung wird zurzeit durch die Zuwanderung noch abgeschwächt. Doch das Bildungsniveau der Lehrlinge sinkt», sagte Heinz Aemmer, FocusMEM-Präsident der Solothurner Sektion, am Rande der Tagung.
Als Ursache wurde auch die Akademisierung genannt. Steigende Maturitätsquoten führten unweigerlich zu einer Verknappung an der Lehrlingsfront. Dieser Trend müsse gebrochen werden.

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