Architektur
Architektur in ihrer konsequenten Form

Fritz Haller (1924–2012) war der bekannteste Solothurner Architekt der Nachkriegszeit. Als Vertreter der so genannten Solothurner Schule haben seine Gebäude internationales Ansehen erlangt. In Solothurn selbst waren sie eher umstritten.

Andreas Toggweiler
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Der Solothurner Architekt Fritz Haller verstarb vorletzte Woche kurz vor seinem 88. Geburtstag. Weltberühmt wurde er als Erfinder des Möbelsystems USM-Haller. Die Büromöbel-Klassiker haben es bis ins Museum of Modern Art in New York geschafft. Vergleichsweise weniger bekannt sind Fritz Hallers Gebäude, obwohl er über hundert realisiert hat.
«Fritz Haller war ein sehr bedeutender Architekt, meines Erachtens einer der bedeutendsten der Schweizer Nachkriegszeit», sagt Heinz Jeker (Büsserach), Präsident des Solothurner Kuratoriums für Kulturförderung und selber Architekt. «Er war ein innovativer Vordenker, der es aber mit der konsequenten Umsetzung seiner Ideen schwer hatte.» So habe sich die von ihm propagierte Elementbauweise in der Schweiz nie richtig durchgesetzt – dies im Gegensatz zum Ausland.

Im Stil von Mies van der Rohe

Auch sei die Transparenz seiner Stahl-Glas-Gebäude im Stil von Mies van der Rohe offenbar des Schweizers Sache nicht gewesen, merkt Jeker an. Haller konnte denn auch nur wenige Wohnhäuser realisieren. Zum Wohnen bevorzugt man hierzulande Backstein- oder Betonbauten, «obwohl diese Bautechnik eigentlich veraltet ist und auch beträchtliches Rationalisierungspotenzial brach liegt», wie Jeker anmerkt.

Öfters sieht man Schulhäuser und Industriebauten von Fritz Haller. Doch auch diese wurden Gegenstand von Kontroversen. So beispielsweise das Schulhaus 3 in Bellach. 1957/58 realisiert, gilt es als Frühwerk von Haller. «Für uns war es ein permanentes Ärgernis», erinnert sich der ehemalige Bellacher Gemeindepräsident Ernst Walter. Die Wärmeausdehnung der Stahlträger hat immer wieder die Fensterfugen beschädigt. Feuchtigkeit drang ein und machte die Fenster blind. «Laufend mussten wir diese ersetzen, was auf Dauer eine teure Angelegenheit wurde.» Über die Heizkosten sei hingegen in einer Zeit, als 100 kg Heizöl 7 bis 9 Franken kosteten, noch nicht diskutiert worden.

Schüler stehen im Regen

Eher unpraktisch sei auch die Erschliessung der Schulzimmer gewesen. Dass die Schüler in der Pause im Regen stehen mussten, hatten die Bellacher aber sich selber zuzuschreiben. Eine im Projekt eingeplante Überdeckung des Pausenhofes wurde nämlich abgelehnt. Als die Schulanlage in den 1990er-Jahren saniert, umgebaut und erweitert wurde, gabs auch noch Probleme mit dem Architektur-Copyright. «Einer erneuten Zusammenarbeit mit Haller hätte die Bevölkerung nicht zugestimmt», meint Walter.

Dabei steht im gleichen Dorf ein weiteres bedeutendes Haller-Projekt: Die ganze Anlage der Maschinenfabrik Agathon wurde über mehrere Etappen von Fritz Haller geplant. Die transparente Maschinenfabrik war revolutionär, die Grossraumbüros eine Novität.

Mini, Midi und Maxi

Haller perfektionierte die Metallbausysteme namens Mini, Midi und Maxi. Auch andere Architekten haben das System in der Folge angewendet. Eigentlich ist auch das USM-Möbelsytem ein Ausfluss dieser Überlegungen.

Das einzige Haller-Wohnhaus auf Stadtsolothurner Boden befindet sich an der Fegetzallee. Es wurde 1978 von Edith Hafter-Kottmann gebaut. «Wir fühlen uns wohl darin und schätzen die spezielle Form und Architektur», erklärt Annette Berger, die Tochter von Edith Hafter, die mit ihrem Mann in der schmalen, langgezogenen, inzwischen hinter Bäumen und Sträuchern verborgenen Villa unweit der Kantonsschule wohnt. Die Form des Hauses sei damals durch die Grundstücksform bestimmt worden. «Meine Mutter wollte einzig genug Raum für die Bilder, ansonsten hatte Fritz Haller völlig freie Hand. Das hat er sehr geschätzt», sagt Berger, die der Industriellen-- und Kunstmäzenen-Familie Dübi-Müller entstammt.

Die radikal-nüchternen und funktionalen Gebäude von Fritz Haller sind insofern nicht singulär, als er einer Gruppe ästhetisch ähnlich orientierter Architekten zuzuordnen ist, die schon in den 1960er-Jahren als «Solothurner Schule» bezeichnet wurde. Es sind dies im weiteren die Architekten Hans Zaugg (1913–1990), Alfons Barth (1913–2003), Max Schlup (*1917) und Franz Füeg (*1921). Dank den Büromöbeln brachte es Haller aber zur grössten Prominenz.

Wie Le Corbusier hat sich Haller schliesslich auch mit Planspielen für Städtebau befasst, beispielsweise anhand von Olten oder Biel. Er war bis ins hohe Alter aktiv. Die Bautätigkeit des Büros «fritz haller bauen und forschen gmbh» wurde erst 2007 eingestellt. Das Architektur-Archiv der ETH Zürich hat Hallers architektonischen Nachlass bereits übernommen. Seine Konzepte werden von ehemaligen Mitarbeitern im Büro «2bm architekten» in Solothurn weitergeführt.