«Wenn Du dieses E-Mail bekommst, ist ein Wunder geschehen, denn ich habe das Internet-Programm erst vor einer Stunde erklärt bekommen», schrieb Schwester Marguerite Marie im vergangenen Februar. Mittlerweile mutierte die Neunzigjährige zum Computer-Profi.

Nur folgerichtig: Per Natel und SMS kommuniziert Schwester Marguerite Marie schon lange. Die moderne Technik erleichtert der ehemaligen Frau Mutter des Klosters Visitation und nicht pensionierten, sondern seit Jahrzehnten passionierten Schwester Économe die Aufgaben als Ökonomin.

Als sie 1942 als Novizin ins Kloster Visitation in Solothurn einzog, blickte die Stadtzürcherin auf eine für damalige Verhältnisse aussergewöhnliche Berufskarriere, die sie als Sekretärin und rechte Hand des Verlegers mit21 Jahren in die Chefetage von «Meyers Modeblatt» brachte. Die Fräuleins des Patrons wurden unter den wachsamen Augen seiner Angetrauten häufig ausgewechselt. «Das katholische Mädchen mit dem Kreuzkettchen um den Hals überstand jedoch Madames prüfenden Blick», schmunzelt sie. Herr Meyer indessen schätzte vor allem die rasche Auffassungsgabe der neuen Mitarbeiterin.

Umbauten geplant und Handwerker überwacht

Schnelldenkerin und Allrounderin ist die vitale Ordensfrau bis heute geblieben. Ihrer Initiative ist es zu danken, dass die Klosterliegenschaft und die Kirche stets renoviert, erweitert und modernisiert wurden. Als Bauherrin plante sie Umbauten, verhandelte mit Unternehmern, überwachte Handwerker und gestaltete mit untrüglichem Sinn für Ästhetik und Funktionalität das neu Geschaffene.

Sie hat sich nicht gescheut, auch selber Hand anzulegen. Wie in den 60er-Jahren, als sie die Wände des damaligen Damenheims fachgerecht malte. Bei der Eröffnung hörte sie zufällig, wie ein Malermeister und sein Kollege ihr Werk eingehend musterten und ungläubig murmelten: «Das hat die Schwester doch nicht alleine gemacht.»

Eine eigentliche Managerin

Bei aller Komplexität doch nur eine der vielen Facetten dieser Macherin im Ordenskleid, die seit jeher die Finanzen der Schwesterngemeinschaft verwaltet und mit Marketing- und Führungskompetenzen überzeugt. Vor neunundsechzig Jahren ins Kloster eingetreten, glaubt man der eigentlichen Managerin des Klosteralltags, dass sie den Schritt nie bereut hat.

«Als Hausfrau und Mutter, wie es dem Frauenbild der 40er- und 50er-Jahre entsprach, hätte ich mich nicht so vielfältig entfalten können. Getragen durch das Vertrauen der Vorgesetzten entwickelte ich mich zum Wohle der Gemeinschaft», resümiert Schwester Marguerite Marie. Aktivitäten, die laut ihren Worten «Nebenstimmen» blieben. Die Hauptmelodie habe ihr geistliches Wachsen ausgemacht. Die Liebe und Nähe zu Gott.

Die Arbeit ist ihr wichtig, das Gebet wichtiger. Kontemplation blüht auf einem reichen Geistes- und Innenleben. Mit Kursen und Vorträgen machte die intellektuelle Nonne die Spiritualität des Ordensgründers Franz von Sales auch anderen zugänglich. Schwester Marguerite Marie gründete einen Salesianischen Freundeskreis, half tatkräftig mit, den Förderverein Kloster Visitation ins Leben zu rufen und bereitete die Aufnahme der indischen Schwestern vor. Belesen und interessiert am Zeitgeschehen, befruchtet die schlagfertige Salesianerin jede Diskussion mit Inputs und Analysen. Aussergewöhnlich war diese Frau schon immer.

Stelle gekündigt, um Landi-Girl zu werden

Als eine der ersten Zürcherinnen, die Hosen trug, wurde sie bewundert und angestarrt. Mit Schönheit, Charme und Intelligenz gesegnet, hat ihr wohl mancher Mann einen zweiten und dritten Blick geschenkt. Zumal sie mit achtzehn in den erlauchten Kreis der Landi-Hostessen aufgenommen wurde. Damals arbeitete Erwina Winterhofen, so ihr bürgerlicher Name, bei einem Rechtsanwalt und kündigte die Stelle, um Landi-Girl zu werden. «Was der Advokat überhaupt nicht billigte. Eine sichere Arbeit aufzugeben - für so etwas...», lächelt Schwester Marguerite Marie.

Zurück zur Landi: Soldaten durften damals gratis die Landesausstellung besuchen. Fesche Mannsbilder defilierten an der Hostesse vorüber. «Episoden, die in meinem Leben bedeutungslos blieben», wirft sie ein. «Mich hat die grosse Sehnsucht nach Gott getragen».

Eigene Bedürfnisse zurückgestellt

Natürlich schlug ihr Puls Purzelbäume, als Film-Beau Paul Hubschmid neben ihr im Landi-Lift stand. Mitten in dieser turbulenten Zeit keimte der Entschluss, dereinst den Schleier zu nehmen und bei den Salesianerinnen einzutreten. Auch wenn sie heute mehr Ruhepausen braucht als zu Landi-Zeiten, blieb ihr Denken und Trachten stets vorwärts-gerichtet, auf die Zukunft des Konvents fokussiert.

Persönliche Bedürfnisse rangieren bei Ordensschwestern an zweiter Stelle. Ausgenommen an hohen Geburtstagen. Als die Familie das «Klostertanti» wegen eines Präsents befragte, kam die Antwort postwendend: «Einen schnelleren Computer.» Ein Wunsch, der niemanden wirklich verblüffte.