Atombombe

Zwischen Pazifismus und Atombombe

Japan erinnert sich: Ein Mann verbeugt sich in Hiroshima vor einem Schrein zum Gedenken der Opfer.

Zwischen Pazifismus und Atombombe

Japan erinnert sich: Ein Mann verbeugt sich in Hiroshima vor einem Schrein zum Gedenken der Opfer.

Heute jährt sich der Abwurf der Atombombe auf Hiroshima zum 65. Mal. Bis in alle Ewigkeit will Japan auf Krieg und die Atombombe verzichten. Nun fordern Nationalisten eine Reform.

Daniel Kestenholz, Bangkok

In der Nachkriegsverfassung verpflichtete sich Japan, «bis in alle Ewigkeit» auf «Krieg als souveränem Recht einer Nation abzuschwören». Auch sollte Japan nie in den Besitz der Atombombe kommen. Doch je weiter die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki wegrücken, desto lauter wird der Ruf nach einer Reform der Verfassung.

Japan hätte Atombombe schnell

Ein Kippen von Artikel 9, in welchem der Kriegsverzicht verankert ist, würde die nukleare Bewaffnung erlauben, was die technologisch herausragende Nation zweifellos ohne grössere Probleme meistern würde. De facto gilt Japan bereits als Atommacht, verfügt es doch über Know-how, Rohmaterial und Kapital, binnen Jahresfrist – mit der «Drehung eines Schraubenziehers», wie es heisst – eine Atombombe zu produzieren.

Insbesondere aus konservativen Kreisen der letztes Jahr abgewählten Liberaldemokraten (LDP), die Japan seit 1955 praktisch ohne Unterbruch regierten, wurden Rufe nach einer «Modernisierung» der pazifistischen Verfassung laut.

Diese Verfassung bindet Japans Armee, die so genannten Selbstverteidigungskräfte JDF, an rein defensive Aufgaben. Legalistische Spitzfindigkeiten und Verfassungszusätze erlaubten Japans Streitkräften jedoch, an «unbewaffneten» Friedensmissionen im Irak und in Afghanistan teilzunehmen.

2006 wertete Japan seine Militärbehörde zu einem Verteidigungsministerium auf. Japan verfolgt damit nicht länger eine rein «pazifistische», sondern eine «konstruktivistische» Sicherheitspolitik.

Bedrohung aus Pjöngjang?

Neuen Aufwind erhielt die Debatte um eine stärkere Armee, indem die Anfeindungen Nordkoreas über die letzten Jahre zunahmen. Pjöngjang soll über Atomsprengköpfe verfügen. Der frühere LDP-Finanzminister Shoichi Nakagawa forderte eine japanische Antwort auf Nordkoreas Nuklearbedrohung: «Es entspricht auf der ganzen Welt gesundem Menschenverstand, dass in einem rein militärischen Sinn das Nukleare dem Nuklearen entgegenwirken kann.»

Die Regierung distanzierte sich von Nakagawa: «Es ist unmöglich für Japan, Nuklearwaffen zu kriegen», so der Kabinettssekretär Takeo Kawamura. Japan sei dem Atomwaffensperrvertrag verpflichtet. Die in Japan seit einem Jahr regierende Demokraten verfolgen eine Politik des «nuklearfreien Nordostasiens». Premier Naoto Kan vermied, das Thema auf die Tagesordnung zu bringen, doch im Mai forderte die Vorgängerregierung unter Yukio Hatoyama ein brüskiertes China dazu auf, sein Nukleararsenal abzubauen.

USA bleibt Schutzmacht

Gleichzeitig sucht Japan mehr politische Eigenständigkeit, was auch in den jüngsten Wahlkämpfen Hauptthema war. Die alte Schutzmacht Amerika aber lässt die Zügel nicht nach. Washington stellt sich taub gegenüber dem gewünschten Abzug von US-Truppen. Auch an Japans Einbindung in Amerikas nuklearen Raketenschutzschild, die Tokio schlicht zu kostspielig scheint, wird nicht gerüttelt.

Trotz neuer Distanziertheit zwischen den Verbündeten, Tokio fühlt sich Amerika weiter verpflichtet, hat man seinen Aufstieg zur wirtschaftlichen Supermacht doch fast ausschliesslich der Nähe zum Kriegsbezwinger und späteren Förderer zu verdanken. Dennoch, die neue Gemengelage im nordöstlichen Asien mit einem unaufhaltbar voranmarschierenden China, das 2009 die USA als Japans grössten Handelspartner überholte, verlagert das geopolitische Gleichgewicht und definiert Sicherheitspolitik im nordöstlichen Asien neu.

Japan steht vor neuen Partnerschaften und Herausforderungen. Die Nukleardebatte bleibt Thema. Unklar ist, welche Umstände Japan dazu bringen könnten, den Schritt zu wagen.

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