Lockerung der Massnahmen

Zwischen Deutschschweiz und Romandie öffnet sich ein «Coronagraben»

In der Romandie macht die Rückkehr zum Präsenzunterricht nicht nur Freude.

In der Romandie macht die Rückkehr zum Präsenzunterricht nicht nur Freude.

In der stärken von der Epidemie betroffenen Westschweiz will man einen langsameren Ausstieg aus dem Stillstand.  Die Skepsis gegenüber raschen Öffnung von Schulen und Restaurants ist gross.

«Die Rückkehr ins Klassenzimmer ist eine schlechte Idee»: Unter diesem Titel berichtete die ­«Tribune de Genève» am Mittwoch über eine Online-Umfrage. Eine Mehrheit von 58 Prozent der über 10000 Befragten ist gegen die Wiedereröffnung der Schulen am 11. Mai. Das Ergebnis mag eine Momentaufnahme sein, geprägt durch viele offene Fragen bezüglich Hygienemassnahmen und Distanzregeln, welche die Schulverantwortlichen noch klären müssen. Und doch ist es ein Indiz, dass die Romands eine vorsichtigere Ausstiegsstrategie bevorzugen. Lehrergewerkschaft stellt Schulöffnung am 11. Mai in Frage

«Die Wahrnehmung des Coronavirus unterscheidet sich zwischen Deutschschweiz und Romandie», sagt der Waadtländer FDP-Nationalrat Olivier Feller. Er führt dies auf die unterschiedlich starke Betroffenheit zurück: «Das Tessin und danach die Kantone Genf und Waadt waren früher und stärker von der Epidemie betroffen.» Dies habe «legitime Ängste» ausgelöst und führe dazu, dass die Bevölkerung beim Ausstieg aus dem Stillstand die gesundheitlichen Argumente etwas höher Gewichte, als man dies in der Deutschschweiz mit tieferen Fallzahlen tue.

Lehrerverband nötigenfalls für spätere Schulöffnung

«Wir machen uns Sorgen wegen der Wiedereröffnung der Schulen», sagt denn auch Samuel Rohrbach, Präsident der Westschweizer Lehrervereinigung SER. Lehrerschaft und Eltern wollten wissen, wie genau die angekündigten Sicherheitsmassnahmen aussähen, die als Voraussetzung für die Wiedereröffnung der Schulen am 11. Mai erfüllt sein müssen. Der Schulbetrieb dürfe nicht in einer Art und Weise durchgeführt werden, die zu einer Wiederausbreitung der Krankheit führe.

Die Weisungen des Bundesamts für Gesundheit – 2 Meter Abstand, regelmässiges Händewaschen – seien bei einem normalen Schulbetrieb schlicht nicht praktikabel: «Wenn zwanzig Kinder sich an einem Lavabo gründlich die Hände waschen, dauert das bereits eine halbe Stunde, das sollte berücksichtigt werden», nennt Rohrbach ein Beispiel. Auch der Schutz von besonders gefährdeten Personen müsse erst sichergestellt werden. Sei dies nicht der Fall, warte man mit der Wiedereröffnung der Schulen lieber noch eine oder zwei Wochen länger.

Gastronomie plädiert für spätere Wiederöffnung

Auch in der Gastronomie präsentiert sich in der Romandie ein anderes Bild. In den Deutschschweizer Medien kritisierte Gastro-Suisse-Präsident Casimir Platzer den Bundesrat dafür, dass für Restaurants und Bars noch keinen Fahrplan vorliegt. Er verlangte die möglichst schnelle Wiedereröffnung der Gastrobetriebe.

Der Kanton Genf hat verhältnismässig viele Covid-19-Fälle.

Der Kanton Genf hat verhältnismässig viele Covid-19-Fälle.

Ganz anders tönt es bei der grössten Westschweizer Sektion Gastro Vaud. April und Mai seien zu früh, um Cafés und Restaurants wieder zu öffnen. «Die Mehrheit unserer Mitglieder unterstützt eine Wiedereröffnung allenfalls im Juni», sagte Gastro-Vaud-­Präsident Gilles Meystre gegenüber «Le Matin». Während viele Deutschschweizer Kantone nur wenige Covid-­19-Fälle verzeichneten, seien etwa die Waadt, Genf und das Tessins stark betroffen. «Je nach epidemiologischer Situation müssen deshalb kantonal verschiedene Daten für die Wiedereröffnung möglich sein», fordert Gastro Vaud in einer Mitteilung.

Meistgesehen

Artboard 1