Leukerbad

Zweite Station – Leukerbad: Dollarschwingen und Tanz mit «Aff»

Unverhofft fidel Sobald die Leute hören, oben sei es blau, kommen sie in Scharen. Der Kurort improvisiert mit Routine und mit herzhafter Nähe.

Mitten hinein in den Gaststuben-Trubel des Hotels Alpina ruft die Köchin eine Autonummer aus. Einer hat vergessen, das Licht beim parkierten Wagen am Rand des Dorfs abzuschalten. Louis Brendel, der Hotelier, bugsiert den Besitzer des Wagens auf den Rücksitz seiner Vespa und braust mit ihm davon, natürlich ohne Helm.

An der Bar haben die Gäste eben ihr Bierglas nachgefüllt, da sind die beiden schon zurück. Brendel spielt einhändig die Harmonika und prostet mit der anderen Hand einem Geburtstagskind zu. Zirkus oder Zauberei? Nur ein Automat. Brendel hat noch einen Apparat auf Lager, einen alten Tornister der Schweizer Armee, bekannt unter Wehrmännern als «Aff». Auch der gibt eingängige Weisen von sich. Ein Gast sagt: «Mit diesem Aff haben wir schon viel erlebt!»

Das klingt nicht wie Zwischensaison. Und ist kein Spezialfall «Alpina». In der gegenüberliegenden «Walliser Kanne», ebenfalls im Dorfkern, war ein Folklore-Clübli aus Thun am Werk. Die 85-jährige Jodlerin Edith sang: «Alles was bruuchsch uf dere Wält, isch Liebi, e gueti Stund und a Fründ.» Ihr Kollege liess den Dollar im Milchbecken kreisen. Ja den Dollar, wie er zeigt. Der Fünfliber töne zu dünn und springe zu schnell heraus. Die Unterwalliser Wirtin duzt jeden, als wäre man hier unter Studenten im Pariser Quartier Latin.

Nichts vom stillen Blues in Wengen war hier noch vorhanden, einen Tunnel und drei Autostunden weiter. Wirt Louis Brendel erklärt es mit dem Wetter: «Sobald sie unter dem Grau hören, dass hier die Sonne scheint, kommen sie herauf, als Nebelflüchtlinge.» Vielleicht ist der Grund auch ein ethnisch-historischer: Wengen lebt von einer vornehmlich englischen Besuchertradition, Leukerbad beherbergt viele Italiener. Ein jüngerer Zweig des Dorfes – hinunter zum Burgerbad – scheint sich dem geschmacklich angepasst zu haben, mit zweifelhaftem Geschmack. Hier kann man Bilder von den Alpen machen, die zu einer kürzlichen Fotoausstellung gepasst hätten, Bilder, die von zunehmender Alpen-Chilbi zeugen.

Fliegen, Schnägge, Chröpf

«Als ich Kind war, gabs da noch nichts», sagt Bruno Zumofen, langjähriger Lehrer in Leukerbad und Autor einer aufwendigen Chronik («Die alten Badnerinnen und Badner – Leukerbad und seine Familien seit 1650»). Wir blättern in «idyllischen» Bergfotos. Nostalgie wollen Zumofen und seine Frau Marie-Rose nicht aufkommen lassen: «Auch alte Hotelkästen sind keine Chalets», sagt er. «Allein von Nostalgie hat man nicht gelebt», sagt sie. Er ergänzt: «Den Sommer lang wegen prekärer Witterung kein Heu für den Winter, keine Kartoffeln auf dem Acker – was dann?»

Eine «tote Zeit» gebe es in Leukerbad nicht, sagen die beiden, aber unfroh sei man nicht, habe man ab und zu etwas Luft. Dann kommt auch hier das einheimische Element stärker auf. Daneben wird erneuert und renoviert. Es kommen vermehrt Leute vom Tal, deren Übernamen nur Einheimische kennen (und mit leisem Lächeln begleiten). Etwa die «Schnäggen» von Leuk, die «Fliegen» von Visp, die «Chröpf» von Salgesch. Leukerbader sind «Choucas», Bergdohlen. Gewiss eine schönere Bezeichnung als «Fliegen». Die gleichnamige Bushaltestelle eingangs Dorf strahlt trotzdem Trübsinn aus.

Fällt ein kritisches Wort, zuckt man in Leukerbad unmerklich zusammen. Man ist sich der spassigen Demütigungen müde, etwa solcher: «Wir kommen, um euch zu helfen, Schulden abzubauen.» Am Burgerbad sagt eine Inschrift: «Quell des Lebens, fliesse immerdar». Im Ortskern hört man von bald fliessendem russischen Geld munkeln. Immerdar? Wasser ja. Gewohntes? Eher nein. (Mad.)

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