Alle Jahre wieder. Wenn der Bundesrat in den nächsten Wochen die Staatsrechnung 2017 diskutiert, dann bekommt er es mit einem mittlerweile vertrauten Thema zu tun: Rückstellungen für die Schweizer Hochseeflotte. Das war bereits vor einem Jahr der Fall, als es um die Staatsrechnung 2016 ging. Damals schrieb Finanzminister Ueli Maurer (SVP) 215 Millionen solcher Rückstellungen in die Rechnung.

Diesmal sind es gemäss Recherchen der «Nordwestschweiz» 100 Millionen. Das bedeutet konkret, dass das in dieser Sache federführende Departement für Wirtschaft (WBF) damit rechnet: Der Bund muss demnächst für weitere Schiffsbürgschaften, die er vor Jahren gewährte, Rückstellungen vornehmen.

Letztes Jahr sprach das Parlament letztlich einen Nachkredit von 215 Millionen Franken, weil eine vom Bund unterstützte Reedereigruppe vor der Pleite stand: Die SCL-/SCT-Gruppe von Hansjürg Grunder, die 12 Hochseeschiffe besessen hatte. Die Grunder-Schiffe wurden im Lauf des letzten Jahres mit grossem Verlust verkauft. Die Grunder-Firmen werden derzeit vom Bund liquidiert.

Genfer Reederei in Nöten

In der Schiffsbranche halten sich schon seit Monaten hartnäckige Gerüchte, dass eine weitere Schweizer Reederei in argen Nöten ist und Hilfe vom Bund braucht. Die Rede ist von der Genfer Massoel, der acht vom Bund über Bürgschaften finanzierte Hochseeschiffe gehören. Unabhängig voneinander berichten mehrere Branchenkenner, dass sich andere Reeder darauf einstellen, Schiffe der Genfer zu übernehmen. Unter den Interessenten sollen sich auch Schweizer Reeder befinden.

Das für die Schiffsbürgschaften zuständige Wirtschaftsdepartement gibt sich bedeckt. Auf Anfrage sagt Informationschef Noé Blancpain: «Das WBF äussert sich nicht zum Zustand einzelner Reedereien. Das WBF hat immer betont, dass sich angesichts der langandauernden Krise in der Hochseeschifffahrt für den Bund als Bürgen weitere Verluste einstellen können.» Der Sprecher ergänzt, «die Schadenwahrscheinlichkeit und -höhe» hänge primär von der Marktentwicklung ab, und diese sei seit einem Jahr positiv. «Über allfällige zukünftige Massnahmen des Bundes spekuliert das WBF nicht», so Blancpain.

Ob die neuen Verluste tatsächlich eintreten werden, und, falls ja, in welcher Höhe, ist noch offen. Hoffnung besteht darin, dass sich die wirtschaftliche Lage der Schiffsbetreiber verbessert, denn mit der Schifffahrtsbranche ging es zuletzt tendenziell leicht aufwärts. Derzeit hat der Bund noch rund 500 Millionen an Schiffsbürgschaften offen.

Bei der Reederei Massoel gibt man sich optimistisch, die Krise zu überstehen. Alain Savary, Geschäftsführer des Unternehmens, hält auf Anfrage fest: «Massoel plant im Moment nicht, Schiffe zu verkaufen. Die Gesellschaft profitiert derzeit von einem Aufschwung im Markt.»

Massoel ist nach dem Untergang der Grunder-Flotte eine von noch vier Reedereien, die vom Bund verbürgte Schiffe betreiben. Die anderen sind die Suisse Atlantique in Renens VD (12 Schiffe), die ABC Maritime in Nyon VD (3 Schiffe) sowie die Reederei Zürich (6 Schiffe). Zusätzlich hat der Bund noch fünf Schiffe verbürgt, welche Schweizer Investoren beziehungsweise Unternehmern gehören. Diese Schiffe haben ebenfalls mit Problemen zu kämpfen, wie aus der Branche verlautet. Vier dieser Investorenschiffe liess Grunder in Asien bauen, er bereederte sie darauf für die Investoren. Drei der Schiffe gingen nach Grunders Grounding ins Management der kriselnden Massoel.

Dass Massoel mit Problemen kämpft, ging auch aus Aufsichtsdokumenten von Ende 2016 hervor, deren Herausgabe die Westschweizer Zeitung «La Liberté» beim Bund bewirkte. Darin ist von einer «schwierigen finanziellen Situation» die Rede, es stünden weitere schwierige Jahre an. Für fünf der acht Schiffe verlängerte der Bund damals noch die Bürgschaften bis ins Jahr 2021. Der Bund begleitet die Reederei seit einigen Jahren eng und versucht, das Schlimmste zu verhindern.

Aus dem Ausland gemanagt

Sechs der acht vom Bund verbürgten Massoel-Schiffe sind 15-jährig oder älter, die Flotte ist damit vergleichsweise alt. Speziell bei der Genfer Reederei ist, dass sie das technische Management von Firmen im Ausland machen lässt, zunächst von Schottland, jetzt von Griechenland aus. Das technische Management beinhaltet grosse Ausgabenposten wie Besatzung, Schmiermittel, Versicherungen und Unterhalt. Kritiker sagen, damit sei ein Grossteil der Aktivitäten wirksamen Kontrollen in der Schweiz entzogen.