Zölibat

«Zwei bis drei Jahrzehnte wird das noch dauern»

Generalvikar Markus Thürig. Felix Gerber

Generalvikar Markus Thürig. Felix Gerber

Generalvikar Markus Thürig erklärt, wie eine neue Regelung formuliert sein müsste.

Markus Thürig ist die Nummer 2 des Bistums Basel. Während Bischof Felix Gmür derzeit in den Ferien weilt, hält Thürig die Stellung im bischöflichen Palais in Solothurn und führt das grösste Bistum der Schweiz. Es reicht von Basel bis Bern und Luzern.

Herr Thürig, welche Vorteile hat das zölibatäre Leben für Sie persönlich?

Markus Thürig: Äusserlich gibt es mir Freiheiten, mich auf meinen Auftrag zu konzentrieren. Innerlich ruft das zölibatäre Leben mir immer wieder in Erinnerung, worauf ich mein Leben ausgerichtet habe und woher ich letzte Erfüllung erhoffe: Himmelreich und ewiges Leben.

Bischof Felix Gmür sagte kürzlich, er wünsche sich eine Diskussion über das Zölibat. Wie könnte eine moderne Lösung aussehen?

Eine «moderne» Lösung gibt es nicht; denn sie muss den Traditionen gerecht werden und der Jüngerschaft mit Jesus Christus langfristig eine überzeugende Lebensform geben. Wenn das Zölibatsgesetz geändert wird, dann erwarte ich: Erstens muss der Einzelne vor der Diakonenweihe verheiratet sein oder das Zölibatsversprechen bei der Diakonenweihe ablegen. Zweitens wird eine bewährte Ehe vorausgesetzt. Drittens soll es keine Ausnahmeregelung sein.

Das Zölibat steht seit vielen Jahren zur Diskussion. Doch bewirkt hat dies wenig. In welchem Zeitraum können Sie sich wirkliche Veränderungen vorstellen?

Als Notmassnahme im Dienste des sakramentalen Lebens – wie es Papst Franziskus für das Amazonasgebiet angedacht hat – könnte die Abschaffung des verpflichtenden Zölibats bald möglich sein. Das läge eher in der funktionalen Perspektive. Ich erwarte aber nicht, dass eine solche Regelung für Europa gelten würde. Eine wie zuvor angesprochene neue gesetzliche Grundlage für die Zulassung zur Priesterweihe erwarte ich nur im Zusammenhang mit einem Konzil. Zwei bis drei Jahrzehnte wird das noch dauern.

Welche Vor- und Nachteile hat das Zölibat für das Bistum Basel?

Für das Bistum Basel als Institution fallen auch mir zunächst die gängigen Aussagen ein: eine höhere Verfügbarkeit etwa beim Stellenwechsel als Vorteil und eine negative Selektion – weniger Priester, weniger reife Persönlichkeiten – als Nachteil. Für eine Institution stellt sich zuerst die Frage, ob sie Personal gewinnen, ausbilden und fördern kann, das Sendung und Auftrag glaubwürdig und authentisch im Sinne der Institution erfüllt. Der Lebensstil ist dabei wichtiger als die Lebensform.

Im Bistum Chur haben Priester, die mit dem Zölibat brechen, wenig Perspektiven. Sie im Bistum Basel hingegen wollen diese bieten. Wie sehen die konkret aus?

Wir sehen es als unsere Verantwortung, Priester, die zum Bistum Basel gehören und ihre Lebenskraft für die Seelsorge hier eingesetzt haben, auch nach einer Lebenswende noch zu kennen und anzuerkennen. Voraussetzungen für einen erneuten Dienst in der Seelsorge sind: erneuter Laienstand, kirchliche Eheschliessung, Versöhnung mit der eigenen Geschichte in der Kirche sowie die Absicht, wieder als Seelsorger tätig zu sein. Sie gehören dann zur Berufsgruppe der nicht-ordinierten Seelsorger und Seelsorgerinnen und können die ihnen anvertrauten Aufgaben übernehmen.

Uns ist der Fall eines Mönchs des Klosters Mariastein bekannt, der nach seinem Austritt eine Anstellung im Pastoralraum suchte. Doch solange das dreijährige Austrittsverfahren läuft, ist das nicht möglich. Weshalb?

Die Kirche erwartet von den Seelsorgern und Seelsorgerinnen eine Lebensform, die der kirchlichen Überzeugung entspricht. Betroffene brauchen Zeit, um die Krise der Lebenswende durchzustehen und Gewissheit über den zukünftigen Weg zu erlangen. Das unterstützen auch die kirchlichen Verfahren, die durch Gespräche und schriftliche Eingaben die Selbstvergewisserung fördern.

Die Ehefrau des entlaufenen Mönchs arbeitet als Sakristanin und wechselte zur reformierten Kirche. Sie wurde danach teilsuspendiert. Weshalb darf eine Reformierte nicht einen katholischen Gottesdienst vorbereiten?

Soweit ich die Situation einschätzen kann, war der Grund nicht die reformierte Konfession an sich, sondern die Lebenssituation mit dem vor Ort bekannten Mönch und hierbei der Konfessionswechsel, der als Protest verstanden wird. Ich finde es klug, wenn die Anstellungsbehörde da Distanz schafft.

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