An den Solothurner Filmtagen ist Fernand Melgars dritter Dokumentarfilm über Migranten, die in der Schweiz Asyl beantragten, angelaufen. Für «Le monde est comme ça» begleitete der Regisseur aus der Westschweiz auch den Kameruner Geordry, den die Schweiz 2010 per Zwang ausgeschafft hatte, worauf dieser in Kamerun inhaftiert und gefoltert wurde.

Menschliches Versagen im BFM

Als wäre der Fall nicht schlimm genug – das Bundesamt für Migration (BFM) spielte eine unrühmliche Rolle im Leidensweg des jungen Kameruners. So gelangten bei dessen Zwangsausschaffung Dokumente an die Behörden in Kamerun, die niemals dorthin hätten gelangen dürfen. Darunter das Personalblatt der Genfer Ausschaffungsanstalt Frambois, der Asylbewerberausweis und besonders frappant: eine Kopie des Befragungsprotokolls des BFM, aus dem auch die Asylgründe ersichtlich sind. Dass auch dieses Protokoll unter den Dokumenten war, wusste die Amnesty-International-Mitarbeiterin Denise Graf bis heute nicht. Sie bezeichnet es als «äusserst gravierend».

Denn ein zentraler Punkt im Asylverfahren liegt in der Garantie für Asylbewerber, dass ihre Angaben niemals in die Hände der Behörden ihrer Heimatländer fallen. Den Asylsuchenden oder ihren Familien könnten Repressalien drohen. In der Herausgabe der Dokumente sieht der Filmemacher Fernand Melgar einen «eklatanten Verstoss gegen die Geheimhaltung, die die Schweiz den Asylsuchenden zusichert», wie er im Gespräch mit der «Nordwestschweiz» sagte. Denise Graf vermutet einen Einzelfall. «Es handelt sich sicher nicht um einen systematischen Missstand, sondern um menschliches Versagen», ist sie überzeugt.

Weder beim BFM noch beim Justizdepartement will man sich zum Fall Geordry oder zur verhängnisvollen Herausgabe der Dokumente äussern. Die Pressestellen beider Institutionen verweisen auf ein laufendes Verfahren, das seit letztem Dezember vor Bundesverwaltungsgericht hängig ist. Der Kameruner hatte zuvor erneut erfolglos Asyl beantragt und den abschlägigen Entscheid angefochten.

Sommaruga hat andere Prioritäten

Denise Graf von Amnesty International hofft, dass sich ein ähnlicher Fall nie wiederholt. Informationslecks gebe es auch sonst zur Genüge, etwa unter Dolmetschern, die häufig vom BFM hinzugezogen würden. Obwohl man diese überwache, hätten sie nicht selten eine enge Verbindung zur Botschaft ihrer Heimatländer. Melgar bezeichnete die Rolle des BFM in dieser Geschichte als «trist».

Angesprochen auf das Schicksal der Protagonisten aus Melgars Film, erklärte Justizministerin Simonetta Sommaruga im Interview mit der «Nordwestschweiz» von letzter Woche zuerst: Was mit den Protagonisten geschehen sei, wisse sie nicht im Detail. Das sei auch nicht ihre Aufgabe. Diese bestehe primär darin, schutzbedürftigen Migranten Schutz sowie rechtsstaatliche und faire Verfahren zu garantieren. Zitieren liess sich Sommaruga dann aber mit den Worten: «Wir sind einzelnen Fällen nachgegangen.»

Den Eindruck, wonach sich weder in Sommarugas Justizdepartement noch im BFM jemand ernsthaft Gedanken über das Schicksal zwangsausgeschaffter Asylbewerber macht, weisen die Mediensprecher vehement von sich.