Zugang zum Meer in Sichtweite

Der von der SVP lancierte Anschluss von Baden-Württemberg an die Schweiz gibt bei den Süddeutschen zu reden. Erstaunlich dabei: In einer Umfrage stimmen über 73 Prozent mit einem Ja.

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Stuttgart

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Keystone

Hans Lüthi

Zuerst erstaunte Gaddafis Vorschlag, die Schweiz sei am besten aufzuteilen und gemäss Sprachregionen einfach den Nachbarn zuzuschlagen. So quasi zum Gegenschlag holte die Schweizerische Volkspartei aus. Ja, ausgerechnet die SVP, sonst den Fremden gegenüber eher kritisch eingestellt, machte mit Präsident Toni Brunner und 26 Mitunterzeichnern im Parlament den Antrag, der Anschluss vieler Nachbarregionen rund ums Land sei zu prüfen.

Von Baden-Württemberg und dem Elsass bis zum Jura, Savoyen über Aosta bis und mit Vorarlberg. Auf deren Wunsch einzugliedern als neue Kantone. Was der Bundesrat postwendend zum unfreundlichen politischen Akt erklärte.

Sympathie bei Süddeutschen

Bereits zur Tagesordnung übergegangen, erstaunte eine Umfrage im Online-Dienst des Südkuriers. Titel: «Soll Baden-Württemberg ein Schweizer Kanton werden?» Statt eines vernichtenden Neins sagten zuerst 69 Prozent, bis gestern bereits 73,21 Prozent «Ja, die Schweizer sind uns von der Mentalität her näher als die Norddeutschen».

26,81 Prozent sagten «Nein, wir haben ohnehin schon genug Probleme». Ob man bei dieser Umfrage als Schweizer auch mitmachen kann? Ein Klick genügt, schon steigt der Ja-Anteil für den Anschluss noch höher. Immerhin haben sich bis gestern über 2000 Personen beteiligt – und wir haben das Ergebnis nur mit einer einzigen Stimme verfälscht, damit das klar ist.

Vorschlag nicht ernst zu nehmen

Ziemlich zugeknöpft geben sich die politischen Stellen ennet dem Rhein, Landrat Tilman Bollacher will sich da die Finger nicht verbrennen. Gar nicht lustig findet man das Thema auf höchster Ebene, bei der Landesregierung in Stuttgart. Ministerpräsident Stefan Mappus ist an einer Kabinettssitzung.

Um eine klare Antwort ist Markus Moeller, Sprecher im Staatsministerium, nicht verlegen: «Dieser Vorschlag ist nicht ernst zu nehmen. Die Baden-Württemberger leben gerne in Deutschland», sagt er kurz und trocken – um allfällige Trennungsgelüste gleich im Keim zu ersticken. «Wir leben doch nicht mehr im 19.Jahrhundert», meint Wolfgang Messner, Korrespondent der «Stuttgarter Zeitung» für den Raum Bodensee-Oberschwaben. Weiter: «Das ist ein vorgezogenes Sommerthema, für die Schweiz wäre es viel wichtiger, sich auf das 3. WM-Spiel vorzubereiten.»

Schwäbisch als neuer Dialekt

Abgeklärter und mit Humor nehmen es die Schreiber in Online-Foren. Bei 10,7 Millionen Einwohnern in Baden-Württemberg würde Schwäbisch zum am meisten gesproche-nen Schweizer Dialekt, frotzelte der «Tages-Anzeiger». «Wenn sich Hessen, Bayern und Sachsen auch noch anschliessen würden, dann hätte Deutschland ja rein sprachlich das Schlimmste hinter sich», kommentierte ein Teilnehmer.

Ein anderer fügte an: «Ich wäre dafür, dass
ganz Deutschland angegliedert wird, dann hätte die Schweiz endlich einen Meerzugang.» Aber es gibt auch ernstere Stimmen: «Bei einer Volksabstimmung wäre wohl die Mehrheit in Baden-Württemberg dafür. Endlich raus aus der EU und der abgewirtschafteten BRD.»

Keine Verständigungsprobleme

Der 44-jährige Stefan Mappus ist übrigens erst seit Februar 2010 Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg. Bei den gemeinsamen alemannischen Wurzeln gibt es kaum Verständigungsprobleme. Das zeigt die Wikipedia über den CDU-Mann und seine «bolitische Detigkeit»: «Dr Stefan Mappus isch anne 1983 in die Jung Union yydrätte und 1985 in d CDU.» Ist man als Aargauer im Schwarzwald bemüht, ein gutes Mittelland-Hochdeutsch zu sprechen, kommt die Aufforderung: «Red doch eifach so, wie dr de Schnabel gwachse isch.»

Übrigens: Baden-Württemberg ist als einziges deutsches Land aus einer Volksabstimmung entstanden. Die Mehrheit sprach sich 1951 für die Fusion von Württemberg-Baden, Württemberg-Hohenzollern und Baden aus. Damit begann der grosse Aufstieg des Landes. Was nicht heissen soll, weitere Angliederungen seien jetzt nötig.

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