Staatskundeunterricht
«Zu wenig Unterrichtszeit für die politische Bildung – Deutschland macht es besser»

Monika Waldis, Leiterin des Zentrums für die Didaktik der Politischen Bildung und Geschichtsdidaktik der PH FHNW, sieht in der Schweiz Nachholbedarf. Staatskunde müsse mit einer verbindlichen Stundenzahl im Stundenplan verankert werden: «Damit sie nicht zwischen die Maschen fällt.»

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Monika Waldis ist Leiterin des Zentrums für die Didaktik der Politischen Bildung und Geschichtsdidaktik der PH FHNW: «Der Zweck der politischen Bildung ist der breiten Öffentlichkeit kaum bekannt.»

Monika Waldis ist Leiterin des Zentrums für die Didaktik der Politischen Bildung und Geschichtsdidaktik der PH FHNW: «Der Zweck der politischen Bildung ist der breiten Öffentlichkeit kaum bekannt.»

Zur Verfügung gestellt

Frau Waldis, an Tessiner Schulen wird künftig das Fach Staatskunde fix im Stundenplan verankert. Sind obligatorische Stunden der richtige Weg, um die politische Bildung zu stärken?

Monika Waldis: Man muss berücksichtigen, dass es sich dabei nur um zwei Stunden pro Monat handelt. Das ist natürlich wenig. Wenn man politische Bildung umfassender denkt, nicht bloss als Staatskunde, dann müssten es mehr sein. Mit einer verbindlichen Stundenzahl wird sichergestellt, dass die Staatskunde nicht zwischen die Maschen fällt. Ausserdem signalisieren Tests und Noten den Kindern und Eltern, dass das Thema wichtig ist.

Sollten andere Kantone das Tessin zum Vorbild nehmen?

Die Lösung ist unkonventionell. «Staatskunde» ist ein Konzept aus den 70er-Jahren. Im neuen Lehrplan 21 wurde politische Bildung weitergefasst und erscheint als Thema im Gefäss «Räume, Zeiten und Gesellschaften». Entscheidend wird nun sein, ob die Lehrpersonen dieses Thema im Unterricht aufgreifen und Zeit dafür einplanen.

Gilt das besonders jetzt, wenn in den sozialen Medien oft Falschnachrichten verbreitet werden?

Wahlpropaganda und Falschnachrichten gab es schon immer und sie sind nicht auf die sozialen Medien beschränkt. Nur ist es heute schwieriger geworden, zu erkennen, woher die Informationen stammen. Es braucht einen reflektierten Umgang mit Medien. Kinder und Jugendliche müssen ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass Nachrichten nicht zwingend wahr sind. Solche Fragen müssen aufgegriffen werden.

Wie stehen die Schweizer Schulen im internationalen Vergleich da?

In der Schweiz ist insgesamt wenig Unterrichtszeit für die politische Bildung vorhanden. Dies ist in anderen Ländern wie Deutschland oder den Niederlanden besser. Uns fehlt eine akademische Kultur des Nachdenkens über den Bildungsgehalt und die Wirksamkeit des Faches. Und die beteiligten Akteure sind vielfach nicht dafür ausgebildet. Im Moment ist die politische Bildung auf das Engagement einzelner Lehrpersonen und auf private Initiativen angewiesen. Das funktioniert einige Jahre, ist aber immer eine unsichere Sache.

Warum sind ähnliche Initiativen wie im Tessin oft gescheitert?

Es fehlte bislang der politische Wille. Der Zweck der politischen Bildung ist der breiten Öffentlichkeit kaum bekannt. Selbst wenn ich mit Politikern oder Botschaftern spreche,merke ich, dass für viele das Thema nicht greifbar ist. Das macht es schwierig. Historisch betrachtet wurde politische Bildung lange Zeit als Aufgabe des Elternhauses verstanden, das dann auch Werte vermittelt. Heute ist ein Umdenken im Gange. Allerdings befürchten einige, dass Lehrerinnen und Lehrer einen zu starken Einfluss auf die Kinder ausüben könnten. (yno)