Analyse
Zu wenig Stellplätze für Fahrende: Sind wir Rassisten?

Fahrenden schlägt viel Goodwill entgegen, vor der eigenen Haustüre will man sie trotzdem nicht. Eine Analyse zu unserem Verhältnis zu Jenischen, für die es zu wenig Stellplätze gibt in der Schweiz.

Daniel Fuchs
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Fahrende auf dem Durchgangsplatz in Kaiseraugst
7 Bilder
Scheren und Messer – Jakob Feubli schleift sie alle.
Mit ihren Niedriglohngewerbe nehmen die Fahrenden keine grosse Summen ein
MIt diesem Wagen sind die Jenischen am Hausieren.
Fussball spielende Jungs
Einer wird zum Wohnwagen gepfiffen, um die Hausaufgaben zu machen.
Fahrende und ihre Hunde: Chiquita und ihr Wagenrad.

Fahrende auf dem Durchgangsplatz in Kaiseraugst

Jiri Reiner

Lagerfeuer und tanzende Zigeunerinnen ebenso wie die Angst vor dem Zigeuner und die Ablehnung seines nomadischen Lebensstils – romantisierte Stereotypisierungen und Vorurteile tragen einen Fachbegriff: Antiziganismus. Er ist angelehnt an den Antisemitismus und die (frz.) «tsiganes». Religiös liegt diese Zigeunerfeindlichkeit in einem angeblichen Pakt mit dem Teufel, der den Fahrenden magische Kräfte verliehen haben soll. Sozial in der Vorstellung, Roma-Angehörige würden freiwillig umherziehen und ihren Lebensunterhalt durch Diebestouren bestreiten. Rassisch in der Vererbbarkeit der zugeschriebenen Eigenschaften. Soweit definiert die Eidgenössische Kommission gegen Rassismus Antiziganismus.

Er hatte realpolitische Folgen: Bis in die Siebzigerjahre bestand das Ziel der Schweizer Politik darin, den nomadischen Lebensstil zu beseitigen. Etwa indem man den Fahrenden die Kinder wegnahm und diese bei Sesshaften fremdplatzierte. Seither vollzog sich in der Schweiz eine Kehrtwende. 1998 anerkannte das Land die Fahrenden als schützenswerte Minderheit. Ein Bundesgerichtsbeschluss von 2003 machte deutlich, dass Bund, Kantone und Gemeinden die Bedürfnisse von Fahrenden in der Raumplanung berücksichtigen und für genügende Stellplätze sorgen müssen.

3000 Schweizer Jenische als Nomaden unterwegs

Die Ausgangslage ist also klar. Theoretisch. Theorie und Praxis liegen aber wie so oft weit auseinander: Kantonalen Konzepten, einer Bundesregelung und einer subventionierten Genossenschaft zum Trotz fehlt es bis heute an Plätzen für die Fahrenden und ihre Wohnwagen. Von den insgesamt 35 000 Schweizer Jenischen sind 2500 bis 3000 als Nomaden unterwegs. Mitte 2012 gab es für gerade einmal 30 Prozent der Schweizer Fahrenden Standplätze zum Überwintern und für 60 Prozent von ihnen Durchgangsplätze für Aufenthalte während der wärmeren Jahreszeit.

Dass sich an ihrer Situation nichts verbessert hat, machen jene Jenischen klar, die im Kanton Bern lautstark mehr Stellplätze fordern. Nachdem die Polizei sie vom Berner BEA-Areal vertrieben hatte, besetzten die Fahrenden eine Baubrache bei Biel. Dort dürfen sie noch bis Freitag bleiben. Bei einer Pressekonferenz in Nidau fiel auf, wie sehr die Vertreter der zuständigen Gemeinden darauf bedacht waren, aus der temporären Bewilligung kein Präjudiz entstehen zu lassen. Weder in Biel noch in Nidau gebe es Platz für einen neuen Durchgangs- oder Standplatz für Fahrende.

Wer von Ihnen kennt einen Fahrenden? Eben!

«Wir haben gar kein Land mehr übrig», machte Nidaus Gemeindepräsidentin deutlich. Die Brache werde bald überbaut und eigne sich schon aus Infrastrukturgründen nicht als Provisorium, sagte die zuständige Bieler Gemeinderätin. Doch der Kanton Bern ist keine Ausnahme: Schweizweit fehlt es an etwa 60 Durchgangs- und Standplätzen. Wohnwagen seien nicht zonenkonform, heisst es vielerorts, auch wenn ein stillgelegtes Armeegelände oder von der «Radgenossenschaft» gekauftes Land für Stellplätze vorgesehen wäre. Fahrenden schlägt viel Goodwill entgegen, vor der eigenen Haustüre will man sie trotzdem nicht.

Sind wir also Rassisten und Zigeunerfeinde? Letzte Woche besuchte ich den Durchgangsplatz Kaiseraugst. Seien wir ehrlich: Hätte ich den Wohnwagen – eingeklemmt zwischen Bahn und Strasse am Rand des Siedlungsgebiets – auch ohne journalistischen Antrieb einen Besuch abgestattet? Und die Frage an die Leser: Wer von Ihnen kennt einen Fahrenden? Eben.

Die Jenische werden mit Kleinbussen weggebracht.
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Protestcamp der Fahrenden in Bern wird geräumt
Ein Mann wird abgeführt.
Die Fahrenden protestierten für mehr Standplätze in der Schweiz.
Auch für die Polizisten war der Einsatz nicht einfach. Auch weil Kinder involviert sind.
Viele der Jenischen reagierten emotional auf den Polizeieinsatz.
Die rund 100 Wohnwagen der Jenischen sind eingekessselt.
Die Polizei hat mit der Räumung des Geländes begonnen.
Die Polizei räumt das Protestcamp der Fahrenden auf der Berner Allmend
Die Polizei räumt das Protestcamp der Fahrenden auf der Berner Allmend
Die Polizei räumt das Protestcamp der Fahrenden auf der Berner Allmend
Die Polizei räumt das Protestcamp der Fahrenden auf der Berner Allmend
Die Polizei räumt das Protestcamp der Fahrenden auf der Berner Allmend
Die Polizei räumt das Protestcamp der Fahrenden auf der Berner Allmend
Die Polizei räumt das Protestcamp der Fahrenden auf der Berner Allmend
Die Polizei räumt das Protestcamp der Fahrenden auf der Berner Allmend
Die Polizei räumt das Protestcamp der Fahrenden auf der Berner Allmend
Kinder sollen die Zufahrt zum Camp versperren.

Die Jenische werden mit Kleinbussen weggebracht.

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Schweizer Fahrende grenzen sich oft von ausländischen Roma ab

Die wenigsten von uns werden sich noch vor ihnen fürchten oder an den diabolischen Pakt glauben. Und trotzdem sind sie uns fremd, die Fahrenden. Ausländische Transitfahrende sind typischerweise Roma. Rassistische Motive mögen vor allem bei ihnen eine Rolle spielen. Etwa dann, wenn Wenige von ihnen als Kriminaltouristen für Schlagzeilen sorgen. Oder als Fahrende, wenn sie nach einem rauschenden Fest einen Abfallberg hinterlassen haben.

Auf alle Fahrenden projiziert mag dies erklären, warum wir Mühe haben mit Stellplätzen am eigenen Wohnort. Abgesehen vom nomadischen Lebensstil der Roma, der sich mit einer langen Leidensgeschichte von Vertreibungen durch Sesshafte erklärt: Es ist nicht zielführend, Stellplätze allein für Schweizer Fahrende zu fordern. Alle Fahrenden benötigen mehr Stellplätze, ob es nun Schweizer sind oder nicht.

Schweizer Fahrende grenzen sich oftmals von den ausländischen Roma ab. Sie sollten aber auf der Hut sein, nicht selber in die Rassismusfalle zu tappen. Auch die Fahrenden gegeneinander auszuspielen, bringt nichts, wenn die Roma deshalb künftig wild campen. Die Mehrheit der Schweizer hat kaum mehr etwas gegen die Fahrenden, die grösstenteils Schweizer (wehr- und steuerpflichtige) Bürger sind. Nehmen wir uns also an der eigenen Nase und hinterfragen unsere Abwehrreflexe, wenn es darum geht, einen Stellplatz zu bewilligen – konsequenterweise auch in der eigenen Gemeinde.

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