Medizin

Zu wenig Hausärzte: Nun werden die Gemeinden selbst aktiv

In den Landgemeinden gibt es zu wenig Hausärzte. Nun werden die Gemeinden selbst aktiv und sorgen für die Infrastruktur. Kritiker monieren die falschen Anreize.

Die Ausgangslage sieht in vielen Gemeinden ähnlich aus: Die drei Hausärzte, die sich um die medizinische Grundversorgung der Einwohner kümmern, stehen vor der Pension. Sie suchen Nachfolger, finden aber keine. Nicht überall wartet die Gemeinde ab, bis auch die letzte Praxis ihre Türen schliesst. Zunehmend investiert die öffentliche Hand in Arztpraxen, um die ambulante Gesundheitsversorgung für die Zukunft zu sichern.

Ein aktuelles Beispiel ist die Berner Gemeinde Schwarzenburg, wo dieses Jahr gleich drei von vier Ärzten in den Ruhestand gehen. Weil sie erfolglos nach einem Nachfolger für ihre jeweilige Praxis gesucht hatten, wandten sich die Ärzte an die Gemeinde. Diese startete ein Projekt mit dem Ziel, die medizinische Grundversorgung zu erhalten. Für den Gemeindepräsidenten Ruedi Flückiger war klar, dass die Politik reagieren musste. «Wir zögerten nicht, auch Geld in die Hand zu nehmen.»

So schloss sich Schwarzenburg mit zwei Nachbargemeinden zusammen und investierte 1,5 Millionen Franken in ein Gebäude, in das sich Jungärzte einmieten können. «Weil sie nicht selber investieren müssen, fällt für junge Ärzte ein grosses Risiko weg», sagt Flückiger. Die Investition trägt bereits erste Früchte: Wenn die Praxen erst einmal bezugsbereit sind, ziehen zwei junge Ärztinnen und der verbliebene Hausarzt ein. 

Einstiegshürden tief halten

Die Schaffhauser Gemeinde Stein am Rhein steht vor derselben Herausforderung. Vor zwei Wochen hat das Gemeindeparlament einen Kredit über 300'000 Franken für eine Gemeinschaftspraxis gesprochen, wie die «Schaffhauser Nachrichten» berichteten. Ziel dieser Investition ist es, die Einstiegshürde für frisch ausgebildete Ärzte tief zu halten. Im Modell von Stein am Rhein beteiligt sich mit dem Kantonsspital Schaffhausen ein weiterer Akteur der öffentlichen Hand mit finanziellen Mitteln an der Praxis.

Dass die öffentliche Hand in der Grundversorgung mitmischt, ist nicht neu. Neu ist der Trend, dass die Gemeinden selbst die Initiative ergreifen und auch Geld für Investitionen in die Hand nehmen. Das ist mitunter auf das Engagement des Gemeindeverbands zurückzuführen, der bereits eine Tagung zum Thema veranstaltet hat. Direktor Ulrich König sagt, dass eine Arztpraxis in annehmbarer Distanz ein Standortfaktor für eine Gemeinde sei. Dass Gemeinden deswegen selbst Arztpraxen führen und Ärzte anstellen, schliesst er vorerst aber aus. «Die Idee ist nicht, dass die Gemeinde eine Funktion in der medizinischen Versorgung übernimmt», sagt er. Sie könne das Angebot sichern, indem sie beim Planen hilft, verhandelt und Gebäude und Infrastruktur zur Verfügung stellt.

Bundesrat empfiehlt Vereinigung

Über gute Erfahrungen kann die Gemeinde Meiringen im Berner Oberland berichten. Dort schloss eine Arztpraxis nach der anderen ihre Tür. Drei ansässige Hausärzte wollten dem Verfall entgegenwirken: Sie haben sich zusammengetan und ihre Praxen aufgegeben, um mit der Gemeinde und dem örtlichen Spitalverbund ein Gesundheitszentrum zu gründen.

Spitaldirektor Urs Gehrig sieht darin ein Modell, das auch in anderen Gemeinden funktionieren könne. Denn so müssten die Ärzte weder in Räume noch Material investieren – die Infrastruktur stehe zur Verfügung. Zudem seien sie Teil eines bestehenden Netzwerks, das einerseits Teilzeitarbeit ermögliche und andererseits auch beim Einstieg mehr Sicherheit gebe, weil sie auf das Wissen von erfahrenen Kollegen zurückgreifen können.

Auch der Bundesrat empfiehlt solche Modelle, um dem Mangel an Hausärzten entgegenzuwirken. Alain Berset stellte kürzlich ein entsprechendes Konzept zur Unter- und Überversorgung von Ärzten vor.

Geld wird falsch eingesetzt

Trotz all der Euphorie: Es gibt auch Zweifler. Sie kritisieren, dass sich die Gemeinde, also der Staat, einmischt. «Wenn Ärzte über solche Anreize in Gemeinden gelockt werden, wo sie nicht ausgelastet, sondern unterbeschäftigt sind, wird das Geld falsch eingesetzt», sagt Rudolf Leuthold, Leiter des Bündner Gesundheitsamtes. Ein Arzt sei Mangelware. Deshalb müsse er dort arbeiten, wo seine Patienten sind.

Zu den Kritikern gehört auch Jürg Schlup, der als Präsident des Ärzteverbandes FMH die staatliche Zulassungssteuerung grundsätzlich hinterfragt. Zwar sei die vom Bundesrat vorgesehene Steuerung föderalistisch und trage so den Bedürfnissen der Kantonen Rechnung. Sie helfe auch, die Unterversorgung zu decken.

Doch sei der Zulassungsstopp auch für den Mangel an Ärzten mitverantwortlich, sagt Schlup. «Wer das staatliche Eingreifen bejubelt, sieht nur den Vorderreifen eines Autos – aufgrund dessen würde ich noch keinen ganzen Wagen kaufen.» Denn die Zulassungssteuerung hindere junge Ärzte daran, eine Praxis zu eröffnen. «Sie werden in den Spitälern zurückgehalten.»

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