Die Ergebnisse sind alarmierend: Kinder schreiben zu langsam, unleserlich und haben viel zu oft Krämpfe. Zu diesem Schluss kommt eine Befragung aus Deutschland unter 2000 Lehrern. Das Schreiben per Hand komme in den Klassen schlicht zu kurz, heisst es darin. Die Entwicklung beunruhigt auch hiesige Pädagogen. «Schülerinnen und Schüler können heute tatsächlich nicht mehr so lange am Stück schreiben wie noch vor zehn Jahren», sagt Beat Zemp, Präsident des Schweizer Lehrerverbandes.

Dabei hilft die Handschrift beim Lernen. Sie fördert die Rechtschreibung, das Verständnis und die Lernleistung. Das gilt nicht nur für Kinder und Jugendliche. Studenten, die ihre Notizen per Hand festhalten, schneiden in der Regel besser ab als jene, die alles in einen Laptop eintippen. Der Grund: Die Handschrift hat grossen Einfluss auf das Gedächtnis. Das Schreiben hält das Gelernte motorisch fest. So lassen sich die Informationen später besser abrufen. Lehrer in Deutschland wie in der Schweiz warnen deshalb: «Wir brauchen wieder mehr Zeit, um den Kindern das Schreiben beizubringen.»

Befeuert wird der Schreibmangel durch die technische Entwicklung. Das gilt besonders in den höheren Schulklassen. Ab der Sekundarstufe wechseln Schüler zu anderen Methoden. Tastatur, Computer und Mails werden wichtiger, die Handschrift tritt in den Hintergrund. Zudem beeinflusst das Smartphone das Freizeitverhalten. Kurznachrichten sind prägend, von Hand Geschriebenes verschwindet aus dem Alltag. Und die Entwicklung dürfte sich verstärken: Finnland, Musterschüler der Pisa-Studie und Vorreiter in vielen Bildungsfragen, setzt künftig auf die Tastatur. «Das ist zwar eine grosse kulturelle Neuerung, aber im täglichen Leben wird der Umgang mit der Tastatur immer wichtiger», sagt die finnische Bildungsministerin.

Mehr basteln, malen und kochen

Die Folgen sind schon heute zu sehen. Wie eine Umfrage in England zeigt, hat jede dritte Person seit einem halben Jahr keinen längeren Text als eine Einkaufsliste von Hand geschrieben. «Viele Eltern sind diesbezüglich leider keine Vorbilder für ihre Kinder», sagt Lehrerpräsident Zemp.

Hiesige Schüler haben allerdings einen Vorteil: Seit 2014 empfehlen die Deutschschweizer Kantone – anders als beispielsweise in Deutschland – die kinderfreundlichere Basisschrift. Sie ist klarer, effizienter und kommt, im Gegensatz zur «Schnürlischrift», ganz ohne Schnörkel aus. Schweizer Schüler schreiben somit meist leserlich. Trotzdem kämen manche motorischen Fähigkeiten noch immer zu kurz, sagt Zemp. Nicht nur das Schreiben. Kinder sollten wieder mehr basteln, malen und kochen. «Zu Hause und in der Schule müssen wir diese Tätigkeiten stärken», sagt er, sie seien wichtig für die Entwicklung.