Schweiz

«Zu viel ist zu viel»: In Lausanne regt sich Widerstand gegen die Maskenpflicht im Detailhandel

Protestaktion in Lausanne: Schuhverkäufer ärgern sich über die neue Maskenpflicht.

Protestaktion in Lausanne: Schuhverkäufer ärgern sich über die neue Maskenpflicht.

Ab heute gilt im Kanton Waadt die Maskenpflicht in Geschäften. Ein Augenschein vor Ort zeigt, dass sich die meisten Kunden daran halten. Doch es gibt Ausnahmen – und eine Protestkundgebung von Schuhverkäufern.

Die Wut entlädt sich in schwarzer Tinte auf gelbem Hintergrund: «Lasst uns arbeiten!», «Zu viel ist zu viel», «Runter mit den Masken!» - so lauten die Parolen auf den Schilder, die rund 30 Detailhandelsangestellte am Mittwochvormittag in die Höhe stemmen.

Sie haben sich im Lausanner Trendquartier Flon versammelt, das zahlreiche Geschäfte beherbergt. Die Mehrheit von ihnen arbeiten für Guillaume Morand, den Inhaber der Schuhkette Pomp it up mit sieben Filialen in Lausanne, Genf, Neuenburg, Zürich und Basel. Morand ist im Kanton als politischer Querdenker bekannt und kandidierte schon zwei Mal für einen Sitz in der Regierung.

Jura hatte die Maskenpflicht in den Geschäften am Montag eingeführt. Mit der Waadt hat sie nun ein erster grosser Kanton lanciert. «Diese Massnahme ist völlig übertrieben und nicht verhältnismässig», sagt Geschäftsinhaber Morand. Im März habe die Schweiz schliesslich viel mehr Neuansteckungen pro Tag gezählt als heute. «Und damals gab es die Maskenpflicht noch nicht.» Zudem sei die Ansteckungsgefahr in anderen Bereichen wie Theatern, Kinos oder Restaurants deutlich höher. «Dort ist das Tragen eines Nasen-Mund-Schutzes aber nicht obligatorisch.»

«Wir sind alle erwachsen und geimpft!»

Morand spricht von einer Diskriminierung des Detailhandels, der sowieso schon stark gebeutelt sei. In den vergangenen Wochen seien sehr viele Kunden wieder in die Geschäfte gekommen und man habe einen Teil des Umsatzverlustes aufgrund des Lockdowns wieder wettmachen können. «Aber die Maskenpflicht wird viele Kunden davon abhalten, zu uns zu kommen. Stattdessen werden sie ihre Schuhe online kaufen.»

Morands 27-jähriger Verkäufer Dimitri Mignot pflichtet seinem Patron bei. «Solange in den Discos ohne Maske weiter getanzt werden kann, macht auch in den Geschäften eine Maskenpflicht keinen Sinn.» Natürlich werde man aber die neue Regel im Alltag befolgen. Ein Kollege hält ein Schild auf dem steht: «Wir sind alle erwachsen und geimpft.»

Waadt: Beim Einkaufen gilt Maskenpflicht

Waadt: Beim Einkaufen gilt Maskenpflicht

Seit Mittwoch gilt in der Waadt eine Maskenpflicht beim Einkaufen. In allen Geschäften die mehr als 10 Personen gleichzeitig betreten dürfen, müssen Mund und Nase bedeckt sein. Wer sich weigert wird nicht gebüsst, muss den Laden aber verlassen. Die Maskenpflicht wird befolgt, wie eine Stichprobe bei verschiedenen Detailhändlern zeigte.

In einer Migros-Filiale in der Nähe des Pomp-it-up-Geschäfts und der Protestkundgebung, sind derweil erst wenige Kunden anzutreffen. Celia Martins, Mitte vierzig aus Morges, ist nach Lausanne gekommen, um Einkäufe zu erledigen. In der Migros hat sie sich ein Pain Paillasse und eine Wasserflasche gekauft und dabei eine Einwegmaske getragen, die sie auch nach dem Verlassen der Filiale nicht abnimmt. «Ich trage sie immer, schliesslich arbeite ich im öffentlichen Verkehr, bin es mir also gewohnt.» Das neue Obligatorium in den Geschäften begrüsst sie. «Das macht auf jeden Fall Sinn, denn in den Supermärkten hat es meistens viele Leute.»

Ein Kunde hat eine klare Meinung: Die spinnen, die Waadtländer!

Doch nicht alle Kunden denken wie sie. Ein Vater mit zwei Teenager-Söhnen will in die Migros-Filiale, wird aber von den Verkäuferinnen abgewiesen, da er keine Maske trägt. Er verlässt das Geschäft und macht sein Unverständnis gegenüber seinen Söhnen deutlich, indem er ihnen den Vogel zeigt. Er scheint die gleiche Meinung von den Waadtländern zu haben wie Asterix von den Römern: Die spinnen!

In fast allen Geschäften wird auf die neue Maskenregel des Kantons Waadt hingewiesen.

In fast allen Geschäften wird auf die neue Maskenregel des Kantons Waadt hingewiesen.

In der angrenzenden Navyboot-Filiale wird die Regel fast schon streberhaft eingehalten. Denn eigentlich verlangt der Kanton die Maskenpflicht nur, falls sich mehr als zehn Personen in einem Geschäft aufhalten. Das ist an diesem Morgen nicht der Fall. Dennoch tragen die drei Kunden einen Mundschutz, genauso wie die Verkäuferin. Ein junges Pärchen, das sich die neusten Schuhmodelle anschaut, gibt sich sogar einen verliebten «Masken-Kuss».

Und was, wenn jemand die Maske zu Hause vergessen hat? «Das ist noch nicht vorgekommen. Aber dann würde ich sie oder ihn darauf hinweisen, dass man vis-à-vis in der Apotheke eine Maske kaufen kann», sagt die Navyboot-Verkäuferin. In der genannten Apotheke wird bereits beim Eingang darauf hingewiesen, dass man auch einzelne Masken verkauft und nicht wie sonst üblich nur 10er- oder gar 50er-Packungen. Eine Maske kostet hier 80 Rappen.

Showdown an der Aldi-Kasse

In der Aldi-Filiale am Bahnhof Lausanne ist die Maskenquote hoch. Die meisten Kunden, die von den Perrons kommen, nehmen die Maske von der Zugfahrt gar nicht erst ab. Viele Pendler decken sich mit Snacks ein, einer Mini-Pizza, einem Pain au chocolat oder einem Croissant. Die jüngere Kundschaft greift nach Ice Teas, Energydrinks und Vitaminwasser.

Beim Eingang wird nicht allzu prominent auf einem A4-Blatt auf die neue Maskenregel hingewiesen. Und tatsächlich: Abweichler sind längere Zeit keine auszumachen. Doch dann steht plötzlich ein Mann ohne Maske vor der Kasse. Und dass, obwohl sich mehr als zehn Personen in der Filiale aufhalten. Manche Kunden beobachten die Situation. Was nun? Der Kassierer führt ein kurzes Gespräch mit ihm und lässt ihn seinen Einkauf begleichen. «Ich habe ihm gesagt, dass er das nächste Mal auf jeden Fall eine Maske tragen muss», sagt der Verkäufer. Am ersten Tag der neuen Regel wird im Kanton Waadt aber wohl noch das eine oder andere Auge zugedrückt.

Meistgesehen

Artboard 1