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«Zu hölzern kommuniziert»: BAG gibt sich in Corona-«Arena» selbstkritisch

Patrick Mathys, Leiter der Sektion für Krisenbewältigung beim BAG, gesteht in der SRF-Arena Mängel bei der anfänglichen Kommunikation des BAGs ein.

Patrick Mathys, Leiter der Sektion für Krisenbewältigung beim BAG, gesteht in der SRF-Arena Mängel bei der anfänglichen Kommunikation des BAGs ein.

Ohne Publikum und auf Distanz: Auch die SRF-«Arena» hält sich an die Empfehlungen des Bundes. Und diskutiert über deren Konsequenzen für Wirtschaft und Gesellschaft. Erstmals gibt sich gar das BAG selbstkritisch.

Es ist bereits die vierte SRF-«Arena» in Folge, die sich dem Coronavirus widmet. Federführend ist, wie die Male zuvor, Moderator Sandro Brotz. Er leitet souverän und ernsthaft durch die Sendung. Es gelingt ihm, nicht nur die von der Corona-Krise betroffenen Menschen zu Wort kommen zu lassen, sondern auch die verschiedenen wirtschaftlichen und sozialen Konsequenzen nicht aus den Augen zu verlieren.

Wirtschaft

Da ist beispielsweise die Wirtschaft. Seit Freitag ist klar: Der Bundesrat wird weitere 32 Milliarden Franken in die Wirtschaft pumpen. Mit den bereits am 13. März beschlossenen Massnahmen, beläuft sich das Massnahmenpaket damit auf über 40 Milliarden Franken. Damit sollen Löhne gesichert, Selbständige aufgefangen und Konkurse vermieden werden.

Seit Montag, seit dem Ausruf der ausserordentlichen Lage, sind ein Grossteil der Geschäfte geschlossen. Die Nerven vieler Arbeitgebenden und Arbeitnehmenden liegen blank. «Die heutige Botschaft des Bundesrats war extrem wichtig», sagt Studiogast Daniel Lampart, Chefökonom beim Schweizerischen Gewerkschaftsbund (SGB). Lampart spricht die vereinfachte Kurzarbeit oder die Liquiditäshilfen für Unternehmen an. Dadurch hätten viele Arbeitnehmende die Gewissheit, dass sie ihren Lohn auch nächsten Monat noch erhalten werden.

Lampart beipflichten kann auch Marie-Gabrielle Ineichen-Fleisch, Direktorin vom Seco. Das Massnahmenpaket sei psychologisch wichtig gewesen. «Viele Leute waren verängstigt.» Ab nächstem Donnerstag seien nun die Banken gefragt, so Ineichen-Fleisch. Ab dann können Unternehmen vereinfacht Überbrückungskredite bei ihrer Bank beantragen.

Auch Wirtschaftsminister Guy Parmelin kommt in der SRF-Arena per Videobotschaft zu Wort. Der Bundesrat habe unter Hochdruck gearbeitet, um die nötigen Massnahmen so schnell wie möglich präsentieren zu können. Ob es bald eine dreistellige Milliarden-Summe brauche, um der Schweizer Wirtschaft unter die Arme zu greifen, kann Parmelin zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen. «Der Bundesrat ist da für die Bevölkerung. Nur gemeinsam können wir aus dieser Krise gehen», so seine Botschaft.

Schulen

Neben der Wirtschaft sind auch die Bildungsinstitutionen lahmgelegt. Seit Montag sind die Schulen geschlossen, der Schulbetrieb auf ein Minimum runtergefahren. Die Situation sei eine grosse Herausforderung, bestätigt Silvia Steiner, Bildungsdirektorin des Kantons Zürich. Neben dem organisatorischen Aufwand in den Schulen, spricht sie auch das Dilemma der Krippen an. «Die Kinderkrippen sind nun systemrelevant geworden, der Bund hat sie in einer Verordnung dazu verpflichtet, den Betrieb weiter zu garantieren und das unter schwierigeren Voraussetzungen.» Denn auch die Krippen sind dazu verpflichtet, die Hygiene- und Distanzmassnahmen einzuhalten. Man arbeite mit Hochdruck daran, auch bei den Krippen die nötige Finanzierung garantieren zu können, so Steiner.

Doch Steiner gibt sich kämpferisch. «Ich bin Optimistin und ich glaube, die schwierige Situation wird auch viel Gutes bringen.» Damit liegt sie womöglich richtig. Wie innovativ die Lehrerinnen und Lehrer derzeit schweizweit versuchen, den Unterricht aufrechtzuerhalten, zeigt ein Beispiel aus Baden. Dort liest der per Skype hinzugeschaltete Schulleiter Jethro Gieringer aus dem Unterrichtsplan vor: So werden die Schülerinnen und Schüler von der Hauswirtschaftslehrerin gebeten, zu Hause einen Zopf zu backen. Im Fach Mathematik soll die Kreisberechnung repetiert werden. Dafür müssen die Schülerinnen und Schüler den Umfang und Radius ihres Veloreifens berechnen. Und damit die Grosseltern auch aus der Ferne etwas von ihren Enkeln hören, kriegen sie, beauftragt von der Französisch Lehrerin, einen Brief geschickt – auf französisch verfasst, versteht sich.

Menschen

Die Massnahmen, um das Coronavirus einzudämmen, betreffen Schweizerinnen und Schweizer auf allen Ebenen im Alltag. Das habe auch einen starken Einfluss auf die Psyche, erklärt Psychotherapeut Thomas Steiner. «Es ist eine absolute Verunsicherung. Niemand weiss, welche Folgen diese Krise haben wird.» Diese Ungewissheit sei lähmend und mobilisiere viele Ängste. Das schwierigste an der ganzen Situation sei aber etwas anderes: «Der Feind, das Virus, es ist unsichtbar und unkontrollierbar. Würde das Virus durch die Strassen patrouilleren, würden ausnahmslos alle Leute zu Hause bleiben.» Steiner spricht damit den Fakt an, dass sich noch immer nicht alle Menschen an die empfohlenen Massnahmen des BAG halten.

Laut dem Psychotherapeuten reagiere besonders die ältere Generation viel langsamer auf die aktuelle Situation. «Viele unterschätzen tatsächlich noch immer die Gefahr und verharmlosen die Lage», so Steiner. Eine Erklärung für dieses Verhalten zu finden, sei schwierig.

Über ein solches Verhalten nur den Kopf schütteln, kann Comedian Stefan Büsser. Auch er wird der Arena per Skype zugeschaltet. Büsser leidet an Cystischer Fibrose, einer erblichen Lungenkrankheit, und gehört damit zur Risikogruppe. Für ihn bedeutet der Ausbruch des Virus komplette Isolation. So wählt der 35-Jährige auch klare Worte: Es sei auch seine Aufgabe, die Menschen aufzuklären. Und den älteren Menschen, die sich noch immer nicht an die Empfehlungen halten, könne er nur eines sagen: «Wenn du wirklich sterben willst, dann geh zu Exit. Dann nimmst du sicher niemand anderen mit.»

Hätte man nicht von Anfang an mithilfe von Betroffenen wie Büsser kommunizieren müssen, um die Bevölkerung aufzurütteln, will Moderator Brotz an Patrick Mathys gewandt wissen. «War es am Anfang nicht einfach zu viel Amtsdeutsch?», fragt Brotz. Der Leiter der Sektion für Krisenbewältigung beim BAG bejaht. «Womöglich waren die Botschaften anfangs zu hölzern und zu wissenschaftlich kommuniziert. Nun sind wir aber auf allen Kanälen klarer und deutlicher geworden.»

Es gilt zu hoffen, dass die Botschaft nun tatsächlich angekommen ist. Dass die Menschen die Schwere der Situation begreifen. Darauf hofft auch Matyhs vom BAG. Denn er wolle dieses Wochenende «nicht bereits die nächste Verordnung schreiben müssen». Er ist es auch, der gegen Ende der Sendung Tacheles spricht: «Unser aller Leben wird noch lange nicht normal weitergehen. Das Virus wird uns noch eine ganze Weile lang beschäftigen.»

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