Senioren
Zu gefährlich fürs Steuer: 80 Prozent mehr Ausweis-Entzüge bei Senioren

Die Behörden haben die Gangart gegen Senioren am Steuer deutlich verschärft. Eine neue Auswertung von «10vor10» zeigt: seit 2008 ist die Zahl der Ausweisentzüge wegen Krankheit und Gebrechen bei über 70-jährigen um über 80 Prozent angestiegen.

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Ein Senior beim Fahrtraining. (Archiv)

Ein Senior beim Fahrtraining. (Archiv)

Keystone

4759 Fahrausweise von über 70-jährigen Autolenkern erklärten die Behörden im letzten Jahr aus medizinischen Gründen für ungültig, wie eine Auswertung der Sendung «10vor10» basierend auf Zahlenmaterial der Schweizer Strassenverkehrsämter ergibt. Das ist eine markante Steigerung im Vergleich zu vorigen Jahren.

2008 wurden noch 2555 Ausweise eingezogen. Verkehrsmediziner Rolf Seeger von der Universität Zürich erklärt diese massive Zunahme mit einem Nachholbedarf. „Die Hausärzte müssen heute genauer Auskunft geben über den Gesundheitszustand der Senioren", sagt der Amtsarzt. „Bei gewissen Fällen, die man früher nicht so ernst genommen hat, wurde jetzt gesehen: die muss man aus dem Verkehr nehmen".

Kanton Aargau ist besonders streng

Die Aargauer Behörden ziehen mit Abstand am meisten Fahrausweise bei Senioren ein. Waren es 2008 noch 375 Entzüge wegen Krankheit bei Personen über 70, wurden letztes Jahr 1129 eingezogen. Eine Verdreifachung innert fünf Jahren.

Polizist prüft Senioren-Fälle

Nachdem 2005 ein 82-jähriger einäugiger Diabetiker eine Schülerin tot gefahren hatte, zogen die Aargauer Behörden die Schraube an. Ehemalige Polizisten prüfen auf dem Amt jeden Polizeirapport.

Bei auffälligen Unfällen wird abgeklärt, ob ein Fahrausweis entzogen werden muss. Ein schweizweit einzigartiges Modell. Auch die Polizei schaue heute genauer hin, erklärt Martin Bruder, Leiter Massnahmen beim Strassenverkehrsamt Aargau: „Wenn ein Senior mit einem rundum verbeulten Auto angetroffen wird, dann wird das von der Polizei genauer analysiert und eventuell dem Strassenverkehrsamt gemeldet".

Senioren fühlen sich diskriminiert

Senioren-Fahrberater Hansueli Bleiker, selber 85 Jahre alt, spricht von einer zunehmenden Diskriminierung durch die Behörden. Wegen ein paar wenigen schweren Unfällen hätten Hausärzte, Rechtsmedizin und Polizei die Zügel angezogen: „Sie meinen, sie müssen ein Exempel statuieren, doch häufig trifft es die Falschen". Verkehrsmediziner Rolf Seeger widerspricht. Es gebe in der Schweiz medizinische Mindestanforderungen. Diese müssten alle Senioren einhalten, die auch im hohen Alter ein Auto lenken wollten. (nch)