Tageskarte

«Zu erfolgreich»: Tages-GA soll teurer werden

Tauziehen: Gemeinden und Transportunternehmen ringen um die Tageskarte (Archiv)

Tageskarte Gemeinde

Tauziehen: Gemeinden und Transportunternehmen ringen um die Tageskarte (Archiv)

Die billigen SBB-Tageskarten sind bei den Aargauer Gemeinden ein Kassenschlager. Jetzt soll das Angebot eingedämmt werden. Die Gemeinden sind sauer.

Katja Schlegel

Für 35 statt 64 Franken einen Tag lang kreuz und quer durch die Schweiz reisen – ein unverschämt gutes Angebot. Entsprechend beliebt sind die «Tageskarten Gemeinden» denn auch. Wer eine will, muss sich oft Wochen im Voraus um eine bemühen. Schweizweit verkaufen rund 320 Städte und Gemeinden die Karten, ausgelastet sind sie zu über 90 Prozent. Täglich gehen rund 4340 Personen mit der Gemeinde-Tageskarte auf Reisen.

Jetzt droht die Karte zum Opfer ihres eigenen Erfolges zu werden: Der Verband öffentlicher Verkehr (VöV) – wichtigstes Mitglied sind die SBB – will die Tageskarte ab Mitte Dezember 2010 um 15 Prozent verteuern. Ausserdem soll sie unter der Woche erst ab 9 Uhr gültig sein. Der Grund: Die Gemeinde-Tageskarte ist zu erfolgreich und läuft den normalen Tageskarten den Rang ab.

Bisher kostete die Gemeinden ein Satz von 365 Tageskarten 9775 Franken. Neu sollen die Gemeinden pro Satz 11300 Franken berappen. Begründet wird dieser Preisanstieg damit, dass das Standardsortiment durch die Tageskarte empfindlich konkurrenziert werde. Und die Einschränkung des Gültigkeitsbereichs soll die Situation der stark belasteten Züge in den morgendlichen Spitzenstunden entschärfen.

«Die Tageskarte wird nutzlos»

Bei den Gemeindeverwaltungen stösst der VöV-Plan auf wenig Gegenliebe: «En fertige Chabis», entfährt es Marianne Aeschbacher von der Gemeindeverwaltung Reinach. Mit dem höheren Preis könne man ja noch leben. «Aber wenn die Tageskarte nur noch ab 9 Uhr gültig ist, wird sie nutzlos.» Schliesslich würden die Tageskarten hauptsächlich für längere Reisen gekauft, beispielsweise ins Tessin oder ins Wallis.

Die Auslastung der beiden Reinacher Tageskarten liegt seit Jahren zwischen 95 und 100 Prozent. Aeschbacher befürchtet, dass die heutigen Nutzer wegen der geplanten Einschränkung ab Dezember wieder aufs Auto umsteigen werden – und die Karten bei der Gemeinde liegen bleiben. «Wir haben schon diskutiert, ob wir die Tageskarten überhaupt noch anbieten wollen», sagt Aeschbacher. Einen Entscheid habe man aber noch nicht getroffen.

Ähnlich tönt es in Frick, Baden, Bad Zurzach und Aarau: Hier beispielsweise liegt die Auslastung der acht Tageskarten bei fast 100 Prozent. «Wenn diese Änderungen eingeführt werden, wäre das für uns sehr schlecht», sagt Marianne Stoffels vom Stadtbüro Aarau. «Eine Tageskarte, die erst ab 9 Uhr gültig ist, ist für den Benutzer nicht mehr interessant.» Ob weiterhin acht Tageskarten angeboten werden, sei noch offen. Die Gemeinden und Städte kämpfen für die Tageskarte. Doch dieser Kampf ist auch nicht ganz uneigennützig: Denn mit einem Einbruch beim Verkauf droht eine kleine, aber feine Einkommensquelle zu versiegen. Bisher kostete die Karte die Gemeinde pro Tag rund Fr. 26.80, verkauft wurde sie für zwischen Fr. 30.– und Fr. 40.–. Neu wären es rund 31 Franken, die die Gemeinden pro Karte und Tag bezahlen. «Die Preiserhöhung ist kein Problem. Die Tageskarte ist auch nach der Erhöhung noch sehr günstig», sagt Stephan Wenger, Präsident des Schweizerischen Verbands der Einwohnerkontrollen (SVEK).

Mit Totaleinbruch zu rechnen

Nur werde die Karte kaum noch einer wollen: «Wenn die Nutzungsdauer eingeschränkt wird, rechnen wir beim Verkauf mit einem Einbruch von 90 Prozent», sagt Wenger und zeigt damit, dass die Aargauer Gemeinden mit ihren Befürchtungen nicht den Teufel an die Wand malen. Die Begründung des VöV, wonach die neue Nutzungsregelung das Netz entlasten würde, findet Wenger fadenscheinig: «Täglich reisen fast 900000 Personen mit dem Zug – da machen die 4340 Tageskarten-Benutzer den Braten nicht feiss.»

Das letzte Wort ist in dieser Sache noch nicht gesprochen. Letzte Woche haben sich VöV, Gemeinden und Städte zu einer Aussprache getroffen. VöV und SBB zeigten Verständnis für die Anliegen der Städte und Gemeinden. Sie hielten aber dagegen, dass «die Gemeinde-Tageskarte die normalen Tageskarten preislich kannibalisiert und die ursprüngliche Funktion, neue Kunden für den öV zu gewinnen, nur noch am Rande erfüllt», wie die Verhandlungspartner in einer Mitteilung schreiben. Eine neue Gesprächsrunde findet im Juni statt. Dann sollen Preis, Geltungsbereich und Verteilsystem der Tageskarte grundlegend überprüft werden.

Meistgesehen

Artboard 1