Vögel hatten es ihm immer schon angetan. Als Schulbub baute Alex Rübel im Keller seiner Eltern eine Voliere und fütterte dort eine junge Waldohreule mit toten Mäusen. Später schrieb er seine Doktorarbeit über Röntgenuntersuchungen von Papageien. Und jetzt schlägt er vor, das Foto für das Interview vor dem Flamingo-Gehege aufzunehmen. «Dieses Pink gibt doch einen wunderbaren Farbkontrast», findet der 63-jährige Noch-Zoodirektor und lächelt in die Linse. Er selbst ein bunter Vogel? Nein, sagt Rübel. Eher möchte er mal für ein paar Stunden ein Spatz sein. Doch dazu später. Jetzt erst mal zu den gefährlichen Tieren.

Herr Rübel, kennen Sie das Gedicht «Der Panther» von Rainer Maria Rilke?

Alex Rübel: Ja, natürlich. Auswendig kann ich es aber nicht.

Das Gedicht erzählt von einer Raubkatze, die sich in ihrem Gitterstabkäfig ewig im Kreis dreht. Eine Hommage an die Zeiten, als man im Zoo noch Tiere in überschaubaren Käfigen beobachten konnte. Heute heisst die Losung: weg von der Käfighaltung, hin zu riesigen Naturgehegen. Eine gute Entwicklung?

Natürlich. Als Zoo möchten wir die Leute dazu motivieren, sich für den Natur- und Artenschutz einzusetzen. Das schaffen wir nur, wenn die Besucher im Zoo Freude empfinden und sehen, dass es den Tieren gut geht. Wenn sie aber den Eindruck erhalten, dass sich hier arme Panther in viel zu engen Käfigen ewig im Kreis drehen, dann verfehlen wir dieses Ziel.

Dafür sieht man vor dem Bärengehege traurige Kindergesichter, weil sie keine Bären sehen.

Wenn man genau hinschaut, sieht man die Bären in 95 Prozent der Fälle. Manchmal liegen sie halt aber in der Höhle und schlafen. Im Fernsehen sehen wir heute nur aktive Tiere. Diese Wahrnehmung ist aber falsch. Das natürliche Verhalten ist nicht immer Action, auch Tiere müssen mal ausruhen und sich zurückziehen. Das kann man im Zoo lernen.

Das natürlichste Verhalten zeigen Tiere in freier Wildbahn. Wäre es nicht angebracht, alle Zoos zu schliessen und Tiere nur noch in der freien Wildbahn zu beobachten?

Ich sehe Tiere auch am liebsten in der Wildnis. Es kann sich aber nicht jeder eine Safari-Reise in Afrika leisten. Hinsichtlich des Klimawandels muss man sagen: zum Glück nicht. Deshalb sind Zoos nötiger denn je. Wir müssen es den Menschen auch in unseren Breitengraden möglich machen, Tieren zu begegnen. Es gibt diesen Ausspruch: Wir Menschen schützen nur das, was wir gerne haben. Und wir können nur gerne haben, was wir kennen. Und wir kennen nur das, was wir gesehen oder erlebt haben. Darin spiegelt sich die zentrale Rolle der Zoos.

Welche Note geben Sie denn der Schweiz punkto Tierschutz?

Das Tierschutzgesetz ist sehr gut, dessen Umsetzung könnte besser sein. Wichtig ist vor allem eine gute Ausbildung für alle Tierhalter. Die Organisation Kompanima, zum Beispiel, setzt sich stark für ein besseres Wissen und einen besseren Umgang mit Tieren ein, damit auch Meerschweinchen zu Hause gut gehalten werden.

Der Zirkus Royal will dieses Jahr mit drei Löwinnen auf Tournee gehen. Sollte man das aus Tierschutzgründen nicht verbieten?

Verbote lösen keine Probleme. Entscheidend ist, dass es dem individuellen Tier in seinem Umfeld gut geht. Das zählt aber nicht nur im Zirkus oder im Zoo, sondern auch bei den Haustieren. Der Tierschutz ist in allen Fällen – egal ob bei Raubkatzen, Elefanten oder Hunden – wichtig.

Vor ein paar Jahren wurde der Tierfilmer Timothy Treadwell in Alaska vor laufenden Kameras von Bären gefressen. Er glaubte, die wilden Tiere seien seine Freunde. Die Nähe zu den Tieren im Zoo nährt doch genau diesen falschen Glauben daran, dass wilde Tiere dem Menschen freundschaftlich gesinnt sind.

Die Gefahr, dass man das Tier vermenschlicht und dadurch seine Würde verletzt, die ist da. Deshalb machen wir zum Beispiel nicht mit bei diesen Zoo-Soaps, die im deutschen Fernsehen laufen, obwohl wir entsprechende Anfragen haben. Wir möchten die Tiere Tiere sein lassen und den Fokus nicht zu sehr auf das Menschliche legen.

Sie hatten aber auch mal einen tierischen Freund: ein junger Orang-Utan hat sieben Monate lang bei Ihnen zu Hause gewohnt.

Das stimmt. Der Orang-Utan hatte Salmonellen, wir mussten ihn aufnehmen und gesundpflegen. Ich kann mich an einen Moment erinnern, in dem er plötzlich unsere Kinder imitiert und einen Baby-Wagen vor sich hergeschoben hat. Ich habe ihm den Wagen dann weggenommen, weil ich nicht wollte, dass er diese menschlichen Verhaltensmuster übernimmt. Heute lebt er in Belgien. Ich habe ihn kürzlich besucht. Er hat mich – glaube ich – nicht wirklich wiedererkannt.

Haben Sie sonst zu einem der 4500 Tiere im Zoo eine persönliche Beziehung aufgebaut?

Ja, zum Gelbbrustkapuziner Julio. Die Art kommt aus Brasilien und war fast ausgestorben. Viele Brasilianer hielten sich die Äffchen als Haustiere. Die brasilianische Naturschutzbehörde hat die dann zusammengekauft und ein Zuchtprogramm aufgezogen. Julio war einer der Affen, der einst als Haustier gehalten wurde. Wenn ich an ihm vorbeigehe, ohne ihn zu grüssen, dann wird er wütend und schreit mir nach. Deshalb bin ich besonders freundlich zu ihm.

Sie sind Tierarzt und haben Ihre Dissertation über Röntgenuntersuchungen von Papageienvögeln geschrieben. Ihr Pfadi-Name war «Chüngel». Hase und Papagei: Sind das Ihre Lieblingstiere?

Nein. Als Tierarzt waren Papageien und Schildkröten zwar meine Spezialität. Viel mehr als die einzelnen Tiere hat mich aber immer das Zusammenleben verschiedener Tiere und Pflanzen interessiert. Aber wenn ich ein Tier wäre, dann wäre ich am liebsten ein Spatz ...

... damit Sie von den Dächern pfeifen könnten?

Nein, weil ich dann überall hier im Zoo in den Gehegen vorbeischauen könnte. Mich würde schon wundernehmen, was da so läuft, wenn mal keiner hinschaut.

Sie sind ein waschechter Zürcher Stadtbub, ein Grossstadtmensch. Woher kommt Ihre Faszination für Tiere?

Das ist schon etwas atypisch. Aber Tiere waren immer meine Leidenschaft, obwohl wir keine Haustiere hatten. Ich war im Alter von vier Jahren erstmals in den Bauernhofferien, habe mir als Schüler jedes Jahr ein Saison-Abo für den Zoo Zürich gewünscht, in der elterlichen Waschküche eine Voliere gebaut, im Basler Zoo als Tierpfleger Nashörner gefüttert und dann acht Sommer lang Kühe gehütet auf der Alp. Vielleicht brauchte ich diesen tierischen Kontrast zu dem Leben, das ich hier in der Stadt hatte.

Wie viele Zoos haben Sie in Ihrer Karriere schon besucht?

So um die 500.

Welches ist der beste Zoo der Welt?

Wunderschön ist der Zoo in Singapur oder der «Wild Animal Park» im kalifornischen San Diego. Auch die klassischen Tiergärten in Leipzig oder Saint Louis sind sehr schön. Früher war der Bronx-Zoo in New York mein Vorbild. Der hat sich intensiv dafür eingesetzt, seine Besucher für den Naturschutz zu begeistern und zu motivieren. Das ist immer noch die Hauptaufgabe eines Zoos. Wir arbeiten primär am Menschen, das Tier ist dazu das Mittel.

Und welcher Zoo müsste dringend geschlossen werden?

Da gibt es leider einige. Ich war mal in einem ganz schlimmen Zoo auf Zypern und kürzlich in einem Zoo im obersten Stock eines Einkaufszentrums in Bangkok. Der war grässlich. Wir haben versucht, den Besitzer zu kontaktieren und bei den Behörden Druck zu machen. Bis heute vergeblich.

Der Zoo Zürich belegt hinter Leipzig und Wien den dritten Rang im europäischen Zoo-Ranking. Was muss Zürich tun, um auf Rang 1 zu landen?

Zürich wird nie zur Nummer 1. Wir bemühen uns um eine grosse Vielfalt, aber wir beschränken uns auf die Bereiche, bei denen wir die Tiere wirklich top betreuen können. All die Vorzeige-Arten, die man für den Spitzenplatz braucht, die werden wir nie haben. Ab 2020 kommen dann zwar noch die Giraffen in der neuen Lewa-Savanne hinzu. Aber grosse Pandas wie in Wien, die haben wir halt nicht.

In den vergangenen Jahren sind sogar immer wieder Tiere aus dem Zoo Zürich verschwunden. Die Eisbären und die Schimpansen, zum Beispiel. Welches Tier verschwindet als nächstes?

Jetzt gerade haben wir unsere Siamangs, die grossen Gibbons, aufgegeben. Sonst steht nichts im Raum.

Und welches Tier würden Sie wahnsinnig gerne nach Zürich holen?

Ein ganz schönes Tier, das aber bei uns momentan nicht reinpasst, wäre das Okapi. Persönlich denke ich auch an den Indri. Lange hiess es, man könne diese madagassischen Lemuren gar nicht in Zoos halten. Heute sehe ich das anders. Und wenn man die Art vor dem Aussterben retten will, dann ist es vielleicht sogar nötig.

Der Zoo Zürich will in naher Zukunft den Umbau des Menschenaffen-Geheges in Angriff nehmen. Stehen weitere Veränderungen an, die noch nicht kommuniziert wurden?

Grundsätzlich wollen wir den Fokus stärker auf die Aufklärung und die Wissensvermittlung richten. Und wir werden unser Engagement für Naturschutzprojekte in der Wildnis ausbauen. Heute schon unterstützen die 300 grössten Zoos der Welt solche Projekte jährlich mit rund 350 Millionen Franken. Damit sind die Zoos hinter dem WWF und «Conservation International» die drittgrösste Naturschutz-Organisation der Welt.

Der zweitgrösste Tiergarten der Schweiz, der Zoo Basel, will bis im Jahr 2024 das Grossaquarium «Ozeanium» realisieren. Am 19. Mai stimmt die Basler Bevölkerung über das Projekt ab. Macht es Sinn, im Binnenland Schweiz ein Meer zu simulieren?

Wenn das «Ozeanium» hilft, die Leute für einen nachhaltigen Umgang mit dem Meer zu sensibilisieren, dann bringt das etwas, und dann sollte man das auch machen.

Umweltverbände argumentieren, das Konzept sei veraltet. Statt zu sensibilisieren, verursache das Projekt selbst viel Tierleid und habe einen enormen Energieverschleiss.

Ein Aquarium verbraucht Energie, das ist so. Die Frage ist letztlich: Wie viele Menschen kann man mit dem «Ozeanium» dazu bringen, sich für den Naturschutz starkzumachen? Solange es den Fischen in diesem Aquarium gut geht, ist das Projekt absolut vertretbar. Und ganz ehrlich: Wenn Sie dann mal die Zahlen studieren, dann sind diese paar Fische in Basel nichts gegen die schiere Menge an Meerestieren, die jedes Jahr in den Ozeanen an Plastikabfällen und in Geisternetzen zugrunde gehen.

Wären Sie denn neidisch auf das Basler Aquarium? Oder anders gefragt: Gibts einen Wettbewerb zwischen Zürich und Basel, wer bei sich welche Tiere zeigen darf?

Wir sind eher froh, dass gewisse Tiere in beiden Zoos vorkommen. Die Bürokratie an den Landesgrenzen ist heute punkto Tiertransporte eine Katastrophe. Da sind wir froh, dass wir mit den Baslern zusammenarbeiten und unseren Tieren immer wieder neue Partner bieten können.

Die Zusammenarbeit ist also eine rein sexuelle?

Gar nicht. Gerade auch bei der Tierpflegerausbildung ist die Zusammenarbeit zwischen den Zoos in der Schweiz sehr eng.

Schauen wir noch etwas weiter in die Zukunft: Wann sehen wir die ersten geklonten Mammuts im Zoo?

Primär sollten wir uns Mühe geben, jene Tierarten zu erhalten, die heute auf der Erde leben, statt irgendwelche Urviecher heranzuzüchten. Aber das könnte relativ schnell gehen. Ich sage mal: In 30 Jahren haben wir geklonte Mammuts.

Wirklich?

Ja. Die Entwicklung darf man nicht unterschätzen. Vor ein paar Jahren gabs noch einen Riesen-Hype um das geklonte Schaf Dolly. Heute wird alles Mögliche geklont, das geht rasant.

Mammuts gibts heute noch keine, dafür jede Menge andere potenziell gefährliche Tiere. Was war die gefährlichste Begegnung in Ihren 28 Jahren als Zoodirektor?

Ganz ehrlich: Ich habe nie einen gefährlichen Moment erlebt.

Welches war der schönste?

Als unsere Elefanten zum ersten Mal ohne jegliches Mittun der Tierpfleger ein Junges zur Welt gebracht haben. Das hat uns auch gezeigt, dass das natürliche Verhalten der Elefanten im neuen Elefantengehege wieder voll zur Geltung kommt.

Und welches der tragischste?

Als wir 1994 die Elefantenkuh Komali einschläfern mussten, nachdem sie einen ehemaligen Pfleger schwer verletzt hatte. Das war schon sehr schwierig. Komali war der erste Elefant, der im Zoo Zürich zur Welt gekommen ist.

Was ist Ihr grösster Erfolg?

Dass ich den Zoo ganz generell in die moderne Zeit bringen konnte. Weg von den engen Käfigen hin zu einem Naturschutzzentrum.

Die grösste Niederlage ist wohl, dass die Gegner die Zooseilbahn verhindern konnten, die Sie gerne vom Bahnhof Stettbach direkt zum Zoo hinauf bauen würden.

Ich finde es schade, dass man den Wert dieser Seilbahn nicht sieht. Wir möchten gerne mehr Leute mit öffentlichen Verkehrsmitteln in den Zoo bringen. Die Seilbahn wäre eine attraktive Variante. Erstens macht die Fahrt Spass und zweitens ist sie noch ökologischer als die Anreise mit dem Tram. Irgendwann wird die Seilbahn schon noch kommen, auch wenn es mit all den Einsprachen noch eine Weile dauert.

Am 1. Juli 2020 übernimmt Ihre Nachfolgerin oder Ihr Nachfolger. Zoo-Direktor ist ein Traumjob. Wie viele Bewerbungen sind schon eingegangen?

Keine Ahnung. Eine externe Stelle kümmert sich um die Bewerbungen, und entscheiden tut letztendlich der Verwaltungsrat. Aber ich rechne mal mit rund 100 Bewerbern.

Welche drei Eigenschaften muss der neue Zoo-Chef mitbringen, um den Zoo Zürich voranzubringen?

Er oder sie sollte etwas von Lebewesen verstehen, einen Betrieb mit 320 Mitarbeitern leiten können und den Zoo und seine Message nach aussen tragen können.

Und Sie, besuchen Sie als Pensionierter nochmals 500 Zoos?

Nein. Ich würde aber gerne als Berater anderen Zoos weiterhelfen und wieder mehr lesen.

Und Rilkes «Panther» auswendig lernen?

Naja, das muss nicht sein. Als Zunftmeister und Stadtzürcher interessiere ich mich mehr für die Geschichte von Zürich, weniger für romantische Lyrik.