Zertifikatspflicht
Jugendverbände warnen, dass die jungen Menschen erneut vergessen gehen – und fordern Gratistests für alle unter 25 Jahren

Weil die Pandemie junge Menschen deutlich stärker belastet, soll der Bundesrat für sie bei der Zertifikatspflicht lockerere Regeln beschliessen. Zum Beispiel beim Zugang zu Jugendtreffs. Zudem müssen Tests in den Augen von Jugendverbänden für Junge gratis bleiben.

Dominic Wirth
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Von den Jungen wird viel gefordert, ihre Interessen erhalten aber in der Coronapolitik zu wenig Gewicht, sagen Jugendverbände. Im Bild: Jugendliche bilden sich an der Berufsschau im Aargauer Wettingen weiter – Einlass gab es nur mit Zertifikat.

Von den Jungen wird viel gefordert, ihre Interessen erhalten aber in der Coronapolitik zu wenig Gewicht, sagen Jugendverbände. Im Bild: Jugendliche bilden sich an der Berufsschau im Aargauer Wettingen weiter – Einlass gab es nur mit Zertifikat.

Chris Iseli

Zu schaffen macht die Pandemie allen. Doch für die Jungen, das zeigen verschiedene Studien, gilt das besonders. Depressionen und Angstzustände sind häufiger geworden. «Junge Menschen leiden stark unter der Pandemie, wir spüren das deutlich», sagt Marcus Casutt, Geschäftsleiter des Dachverbands Offene Kinder- und Jugendarbeit Schweiz DOJ.

Casutt unterteilt die Pandemie aus der Sicht der Jungen in drei Teile. Am Anfang spielten ihre Bedürfnisse keine Rolle. Dann wurde plötzlich viel über ihre Nöte gesprochen. Und jetzt, seit der Einführung der Zertifikatspflicht, drohten sie «wieder in Vergessenheit zu geraten», wie Casutt es formuliert. Sein Verband ist in den letzten Tagen deshalb in die Offensive gegangen - an der Seite anderer Organisationen, die sich ebenfalls für die Interessen der Jungen einsetzen, namentlich der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für Jugendverbände SAJV.

Marcus Casutt, Geschäftsleiter DOJ

Marcus Casutt, Geschäftsleiter DOJ

Bild: DOJ

Das Ziel sind gezielte Lockerungen für junge Menschen bei der Zertifikatspflicht. Es geht dabei um die Frage der Testkosten. Aber auch um die Regeln für Jugendtreffs. Die hat der Bundesrat bei der Einführung der erweiterten Zertifikatspflicht Mitte Monat so angepasst, dass neuerdings ein Covid-Zertifikat vorweisen muss, wer über 16 Jahre alt ist und einen Jugendtreff oder ein Jugendhaus besuchen will. Umgehen lässt sich das nur, wenn weniger als 30 Personen eingelassen werden und zudem stets die gleichen. So steht es in der Covid-Verordnung besondere Lage.

Die aktuellen Regeln widersprechen dem Geiste der Offenen Jugendarbeit

Marcus Casutt sagt, in der Praxis lasse sich das nicht umsetzen, weil es dem Geist der Offenen Jugendarbeit widerspreche. Er sagt: «Wir wollen niemanden ausschliessen, müssen das jetzt aber, weil viele jungen Menschen kein Covid-Zertifikat besitzen.» Gerade jetzt, in der Pandemie, ist die Jugendarbeit in seinen Augen besonders wichtig. Weil sie einen Zufluchtsort bietet, ausserhalb von Familie und Schule, mit Ansprechpersonen, die sich auf Augenhöhe bewegen.

«Wir erreichen auch jene, die es momentan besonders schwer haben und Gefahr laufen, abgehängt zu werden», sagt Casutt. Deshalb fordern die Kinder- und Jugendarbeiter vom Bundesrat, dass in den Jugendtreffs die Altersgrenze von 16 auf 25 Jahre angehoben wird. Der Verband unterstützt auch einen Brief, den der Dachverband der Schweizerischen Jugendverbände SAJV letzte Woche nach Bern geschickt hat, der Adressat: Gesundheitsminister Alain Berset.

Er erhielt einen Brief vom SAJV: Gesundheitsminister Alain Berset.

Er erhielt einen Brief vom SAJV: Gesundheitsminister Alain Berset.

Keystone

Im Zentrum des Schreibens steht die Forderung, dass Corona-Tests für ein Covid-Zertifikat für Personen unter 25 Jahren auch künftig gratis bleiben müssen. Der Bundesrat sieht vor, dass die Tests ab dem 11. Oktober kostenpflichtig werden. Ausnahmen sind nur noch bis Ende November vorgesehen und nur für Personen, die bereits eine erste Impfdosis erhalten haben. Dieser Plan befand sich bis Mitte Woche in Konsultation; entscheiden wird die Regierung am Freitag.

Die Sorge um die Pfadilager

Nadine Aebischer, Bereichsleiterin Politik bei der SAJV, hat den Brief an den Bundesrat verfasst. Im Schreiben warnt sie davor, dass mit kostenpflichtige Tests die Jugendverbände Lager, Kurse und andere Anlässe nicht mehr anbieten können, was die Chancengleichheit und die soziale Kohäsion in Frage stelle. «Wir hoffen sehr, dass der Bundesrat am Freitag auf seinen Entscheid zurückkommt», sagt sie.

Nadine Aebischer, SAJV

Nadine Aebischer, SAJV

Bild: SAJV

Dem SAJV gehören zahlreiche Jugendorganisationen an, die Pro Juventute etwa, auch Pfadi, Cevi oder Jubla. Gerade diese stellt das Covid-Zertifikat vor neue Probleme. Für Lager, Kurse und ähnliches müssen über 16-Jährige ein Covid-Zertifikat vorweisen. Das betrifft die Teilnehmerinnen und Teilnehmer und vor allem die Personen, welche Aktivitäten wie Lager oder Kurse leiten. «Es ist so schon schwierig, genug Freiwillige zu finden», sagt Nadine Aebischer. Wenn nun die Tests auch noch kosten, gefährde das die Angebote noch zusätzlich. Dabei seien diese wichtig für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen.

Doch warum setzen sich die Jugendverbände für höhere Altersgrenzen ein und für Gratistests, wenn es doch eigentlich eine einfache Lösung gibt, die erst noch gratis ist und für alle ab 12 Jahren empfohlen wird: die Impfung? Marcus Casutt sagt, es gebe viele Gründe, warum sich jemand nicht impfen lassen wolle. «Ich finde es nicht richtig, den Druck auf die Jungen zu erhöhen, für die das Virus weniger gefährlich ist als für andere Altersgruppen», sagt er. Weiter wünscht sich Casutt zielgruppengerechtere Informationen.

Unterstützung erhalten die Jugendverbände von mehreren Kantonen, die sich ebenfalls für Gratistests für Junge aussprechen - und auch aus der Politik. So hat die nationalrätliche Gesundheitskommission Anfang Woche in einem Brief nochmals ihre Forderung bekräftigt, dass die Tests auch künftig für alle und unabhängig vom Alter gratis bleiben müssen. SP-Nationalrätin Barbara Gysi sagt, das sei insbesondere für junge Menschen von grosser Bedeutung, weil sie in den vergangenen eineinhalb Jahren viel auf sich genommen hätten.

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