Noch dürfen alle fünf Schweizer Atomkraftwerke Strom produzieren – mit Ausnahme von Mühleberg, das 2019 vom Netz genommen wird, ist noch kein Abschaltdatum bekannt. Die Atomausstiegsinitiative der Grünen will diese Parameter ändern und die Reaktoren nach 45 Betriebsjahren in den Ruhestand schicken. Am 27. November befindet darüber die Stimmbevölkerung.

Auch wenn das Anliegen der Grünen scheitern sollte und die AKW so lange weiterlaufen dürfen, wie sie sicher sind: Der Tag wird kommen, an dem die Meiler ausser Betrieb genommen werden. Dann erst beginnt eine Phase, die jahrelang dauern wird: die Stilllegung und der Rückbau der Anlagen. Übrig bleiben soll am Ende nur noch die berühmte grüne Wiese. Die radioaktiven Abfälle werden in einem (noch zu definierenden) Tiefenlager entsorgt.

Das alles kostet natürlich Geld, viel Geld. Gemäss der aktuellsten Kostenstudie aus dem Jahr 2011 beträgt die Gesamtsumme 20,65 Milliarden Franken: 2,97 Milliarden für die Stilllegung der AKW, 1,7 Milliarden für die Nachbetriebsphase und 15,97 Milliarden für die Entsorgung der Abfälle. Dabei gilt das Verursacherprinzip: Die Betreiber der Kraftwerke sind verpflichtet, laufend Gelder in den Stilllegungs- und Entsorgungsfonds (Stenfo) einzuzahlen, mit denen die Kosten dereinst gedeckt werden. Ein Zuschlag auf jede Kilowattstunde Atomstrom soll dafür sorgen, dass nicht zuerst die anderen Betreiber (Solidarhaftung) und letztlich die Steuerzahler zur Kasse gebeten werden.

Zahlen bewusst zurückgehalten?

Voraussichtlich im Dezember publizieren die Stenfo-Verantwortlichen die neusten Berechnungen zu den Stilllegungs- und Rückbaukosten. Dass dies keinen Monat nach der Abstimmung geschieht, stösst den Initianten sauer auf. Sie werfen den Urhebern der Studie vor, die Zahlen aus politischen Gründen bewusst zurückzuhalten.

Denn das, was in der diesjährigen Kostenstudie stehen wird, könnte durchaus Sprengpotenzial haben. 2011 betrug die geschätzte Summe rund zehn Prozent mehr als fünf Jahre zuvor. «Wir gehen davon aus, dass es auch dieses Mal wieder massiv teurer wird», sagt Grünen-Präsidentin Regula Rytz. Über eine genaue Zahl will sie jedoch nicht spekulieren.

Das übernimmt Marcos Buser, Geologe und ehemaliges Mitglied der Kommission für nukleare Sicherheit, für sie. Er rechnet allein schon bei der Kostenstudie 2016 mit 24 bis 25 Milliarden Franken. Das sei aber nur die Spitze des Eisbergs: «Letztlich wird die Stilllegung und der Rückbau der AKW sowie die Entsorgung der Abfälle 100 Milliarden Franken oder mehr kosten», sagt er. Dafür spreche die Entwicklung der früheren Schweizer Kostenschätzungen und die Erfahrungen von ähnlichen Grossprojekten im Ausland. Kostentreibend sei vor allem, dass man noch immer nicht genau weiss, wie die Endlager genau ausgestaltet sein werden und während wie vielen Generationen die Abfallprodukte zwischengelagert werden müssen.

«Könnte gar günstiger werden»

Der Mann, der die neuste Kostenstudie der Öffentlichkeit präsentieren wird, hält von solchen Spekulationen nicht viel. Raymond Cron, Präsident der Stenfo-Verwaltungskommission, «kann und will» sich zu den derzeit laufenden Berechnungen naturgemäss noch nicht äussern. Er sagt aber: «Es ist Politikern und Interessensgruppierungen unbenommen, solche Zahlen zu äussern. Das ist Teil der politischen Auseinandersetzung. Ich aber muss mich an die Fakten halten und an methodisch korrekt ermittelte Berechnungen – das sind die, die wir auf dem Tisch haben. Es gibt keinen Anlass dazu, den Fantasiezahlen Glauben zu schenken.»

Gemäss Cron ist es sogar denkbar, dass die Kostenschätzungen dereinst sinken – denn durch Stilllegungen von AKW in ganz Europa vergrössert sich das Know-how der Experten stetig. «Dadurch steigt die Routine, was sich positiv auf die Kosten auswirken könnte.»